 Der Zeitmesser am Handgelenk:: Fluch oder Segen?
Die Zeit spielt im Leben eines jeden Menschen eine so zentrale Rolle, dass man eigentlich annehmen könnte sie sei gut erforscht und berge keine Mysterien mehr. Bei genauerem Hinsehen fällt aber auf, dass wir selbst nicht besonders viel über den Zeitbegriff wissen und auch die Forschung hat, trotz Einstein und Hawkins, noch kein allgemein verständliches Konzept der Zeit vorgelegt, mit dem wir in unserem täglichen Leben etwas anfangen könnten. Im Gegensatz dazu erschließen sich genussfähigen Menschen einige wichtige Aspekte der Zeit im Wein. Beim sinnlichen Kontakt mit alten Weinen lernt man schnell begreifen, dass Wein „flüssige Zeit“ sein und als Gleichnis für das menschliche Leben dienen kann.
In der spanischen Sprache findet die Nähe des Weins zur Psyche des Menschen im Begriff „Crianza“ (vom lat. creare) seinen Ausdruck. Er bedeutet so viel wie Erziehung oder Aufzucht, durchaus im gleichen Sinne wie bei einem Menschenkind. Wir reden ja schließlich beim Wein genauso von seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie wir dies bei einem Menschen tun. Der Weinfreund ist nach dem Verkosten eines guten Tropfen in ähnlicher Weise gespannt auf dessen zukünftige Entwicklung, wie er es bei seinen Enkelkindern oder Nichten und Neffen wäre.
Wer mich kennt mag gelegentlich den Eindruck haben ich sei ein Feind der Aktivität und propagiere allzu gerne …. bitte lesen Sie hier weiter: Gedanken zum Zeitbegriff (I)
 Nostalgie: die Weine, die meine Mutter und mein Vater tranken schmeckten und dufteten anders als die von heute. Aus heutiger Sicht waren sie vermutlich „altmodisch“.
Eigentlich habe ich beim Genuss von Wein bislang selten darüber nachgedacht ob er einer Geschmacksmode folgt oder nicht. Entweder hat er mich angesprochen oder auch nicht, irgend etwas dazwischen gab es nicht. Vor ein paar Tagen waren wir mal wieder in einem unserer Lieblingsrestaurants im weiteren Umkreis Frankfurts, nämlich im „Cheval Blanc“ im elsässischen Lembach. Zum Mittagessen gab es einen wunderbaren Pouilly Fumè und abends habe ich dann etwas „Lokales“ probiert: einen „2010 Karchweg Pinot Gris Oberhoffen“, er stammte von der Cave Viticole de Cleebourg. Die Grauburgunder- oder Pinot Gris-Rebe mit den leicht rötlichen Beeren verkörpert in gewisser Weise die Seele des Elsass, was auch in seiner synonym angewandten Bezeichnung Tokay d´Alsace zum Ausdruck kommt. …. bitte lesen Sie hier weiter: Nostalgie am Gaumen: altmodische Weine
Es ist nicht verwunderlich, dass chemische Substanzen, die eine pharmakologische Wirkung auf den menschlichen Organismus haben, diesen in vielfältiger Weise beeinflussen können. Medikamente, die eine hochspezifische Aktivität ausüben binden nicht selten an genau definierte Rezeptoren auf der Zelloberfläche. Hormone und manche Blutdrucksenker sind dafür gute Beispiele. Andere wirken eher unspezisch indem sie mit dem Zellstoffwechsel in der einen oder anderen Weise interferieren. Zu diesen letzteren gehört das, an dieser Stelle schon vielfach erwähnte Resveratrol. Zur Erinnerung: diese Substanz gehört zu den sog. Polyphenolen, die sich z. B. auch in den Schalen der roten Trauben befinden. …. bitte lesen Sie hier weiter: „Nachwuchsförderung“ durch Resveratrol?
 Ein absoluter Rioja-Klassiker: Royal Tête de Cuvée 1970 der Bodegas Franco-Españols
Warum üben uralte Rioja-Weine an den Geruchs- und Geschmacksnerven eine so große Faszination aus? Meine persönliche, spontane Antwort klingt vielleicht zunächst verblüffend: „Weil sie sehr zeitgemäß sind!“ Zeitgemäß deshalb, weil viele Weinfreunde es leid sind sich den Gaumen mit Gerbstoffen und übermäßigen Extrakten auskleistern zu lassen und sich, statt dessen, nach filigranen und eleganten Weinen mit Rückgrat sehnen. Das können die Veteranen aus der Rioja im Übermaß bieten, außerdem haben sie, wohl aufgrund ihrer Rebsortenzusammensetzung, ein hervorrragendes Alterungspotential. So war es auch bei dem „Royal Tête de Cuvée 1970 Gran Reserva“ der Bodegas Franco-Españolas.
Auf der Flucht vor der Reblaus in seiner Heimat kam der Bordelaiser Frédéric Anglade Saurat 1890 nach Logroño um sich jenseits der Pyrenäen eine neue Existenz aufzubauen. Noch heute existiert sein Name in Bordeaux mit dem Château Anglade-Bellevue in Blaye, Côtes de Bordeaux. Elf Jahre später gründete er schließlich, unterstützt von spanischen Kapitalgebern, die Bodegas Franco-Españolas, die 1922 ganz in spanische Hände übergingen. Damit begann die Blütezeit der Kellerei, die ein halbes Jahrhundert später mit dem Verkauf 1973 an den Rumasa-Konzern jäh endete. Nach der Entflechtung dieses …. bitte lesen Sie hier weiter: Das Geheimnis der alten Riojas
Vermutlich kennt jeder Mensch Worte zu denen er entweder eine besondere Zuneigung oder eine spezielle Ablehnung hegt. Ein Wort welches ich überhaupt nicht ausstehen kann ist „lecker“. Bei seinem Anhören sehe ich vor meinem geistigen Auge sofort eine geöffnete Pralinenschachtel auf einem Mahagonitisch mit Spitzendeckchen. Das Wort strahlt fürchterliche Kleinbürgerlichkeit aus, verziert mit kitschigen Schleifchen. Lecker war der sehr süße Karamelpudding meiner Großmutter! Zur Verzweiflung treiben mich Weintrinker, die nach einem Probeschluck verzückt die Augen verdrehen und ausrufen „dieser Wein schmeckt aber lecker!“ Dies klingt fast so als wolle man Vincent van Goghs dramatische „Sternennacht“ als „hübsch“ oder Beethovens letzte Streichquartette als „Ohrwürmer“ klassifizieren .
…. bitte lesen Sie hier weiter: Das Unwort für Weingenießer: lecker
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Vortrefflicher Witz
An dieser Stelle stand bis vor Kurzem noch die Philosophie unseres Weinhandels „La Vineria“. Dieses Unternehmen ist mittlerweile Geschichte: Zum 31. März 2026 haben meine Frau, Isabel del Olmo, und ich unsere Geschäftsaktivitäten aufgegeben. Für uns beide waren die Jahrzehnte, in denen wir mit unseren Kunden ein Teil der spannenden und genussvollen Weinszene Spaniens waren, Herausforderung und Befriedigung zugleich. In meinem „önosophischen Blog“ hatte ich mich bereits vielfältigen kulturellen Themen gewidmet und dies, obwohl der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff „Önosophie“ eigentlich nur die „Weisheit vom Wein“ bedeutet. Wie der Wein selbst können auch die Gedanken eines Hedonisten gelegentlich in ein breiteres zivilisatorisches Umfeld geraten und Bereiche wie die Musik, die Philosophie, die bildende Kunst, die Literatur und auch die Gesellschaftspolitik umfassen. Dieses Spektrum unterschiedlicher Thematiken möchte ich auch weiterhin in meinen Beiträgen bearbeiten. Trotz aller gesundheitspolitisch motivierter Kritik kommt mir der Wein dabei gelegentlich schöpferisch zu Hilfe. Wein in Maßen trinken und genießen ist etwas Emotionales, und im Wein kann der Künstler Inspiration finden. Keiner hat dies schöner und treffender ausgedrückt als Shakespeare in seinem "König Heinrich der Vierte" (2. Teil, 4. Aufzug, 3. Szene), wo er den lebensfrohen Falstaff in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck ausrufen lässt:
(Der Wein) „steigt Euch in das Gehirn, zerteilt da alle albernen und rohen Dünste, die es umgeben, macht es sinnig, schnell und erfinderisch, voll von behenden, feurigen und ergötzlichen Bildern; wenn diese dann der Stimme, der Zunge, überliefert werden, was ihre Geburt ist, so wird vortrefflicher Witz daraus".
Vortrefflicher Witz können selbstverständlich auch die schönen Farben und Formen des Malers oder Bildhauers bzw. die spannenden Klänge des Musikers sein.
Texte um reine Fakten können heute problemlos von Künstlicher Intelligenz (KI) zusammengestellt werden. Um Sachverhalte aber wirklich verstehen zu können, bedarf es einer persönlichen Sicht und einer Interpretation. Die will ich mit meinen Beiträgen liefern, allerdings ohne besondere Ansprüche an Originalität, dafür aber immer mit der strikten Forderung nach Glaubwürdigkeit!
Ich hoffe, dass Sie Freude an meinem Blog haben und freue mich auf „Feedback“!.
Peter Hilgard
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