Vor einiger Zeit las ich, von einer sog. „Sinnforscherin“ geschrieben, einen Zeitungsartikel mit dem provokanten Titel „Wer einen Sinn im Leben sieht, ist glücklicher, gesünder, lebt länger“. Darin ging es darum wie man die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten könne. Die Autorin ging davon aus, dass jeder Mensch für sich selbst eine Antwort finden müsse und da gäbe es die „indifferenten“ Zeitgenossen die sich die Frage nie stellen und trotzdem gut leben, in Krisensituationen aber schwer erschüttert werden können. Im Gegensatz dazu gibt es die „Sinnerfüllten“, die angeblich die Mehrheit darstellen und die von sich glauben, dass das „was sie tun, bedeutsam und relevant ist“. Als ich dies las erinnerte ich mich sofort an Gespräche meiner Eltern, die sie in meiner Kindheit zum gleichen Thema unter sich, aber auch mit Freunden, führten und die ich teilweise mitbekam. Eines Tages wurde die Antwort tatsächlich gefunden und ich erfuhr, mehr zufällig, dass Goethe gesagt haben soll, dass der Sinn des Lebens das Leben selbst sei. Mit dieser Aussage konnte ich damals, ich mag 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein, überhaupt nichts anfangen. Ja, ich fand sie sogar völlig blödsinnig und der kindlichen Logik zuwiderlaufend, denn etwas konnte doch allein wegen seiner Existenz nicht schon Sinn machen. Ich gebe zu, dass ich in jener Zeit die ursprüngliche Frage überhaupt nicht wirklich begriffen hatte. Muss ich, der junge Peter, Sinn machen? Und für wen eigentlich? Damals erhielt ich auf all diese Fragen natürlich keine Antwort. Von wem auch, ich hatte ja niemanden gefragt. Wenn ich die Problematik schon nicht verstanden hatte, wie sollte ich dann eine Frage formulieren?
Langsam verblassten alle Fragestellungen zum Thema Sinn des Lebens. Es interessierte mich auch überhaupt nicht, denn ich war ja physisch hier in der Welt und niemand bezweifelte dies. Der zitierte Aufsatz in der Tageszeitung regte mich sieben Jahrzehnte später wieder zum Nachdenken an, denn ich ahnte wohl, dass sich meine Sicht auf die damals so unbequeme und unverstandene Frage geändert hatte. Eine meiner ersten Impulse war, nachzusehen wie der Ausspruch unseres Dichterfürsten tatsächlich gelautet hat und ich musste feststellen, dass seine Worte waren „Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst“ und nicht „der Sinn des Lebens…“. Sinn und Zweck haben zwei unterschiedliche Bedeutungen: der Zweck beschreibt eine utilitaristische Betrachtung, etwas muss einen Nutzen oder eine Funktion haben (einen Zweck erfüllen). Demgegenüber beschreibt das Wort Sinn eher einen Wert bzw. eine Bedeutung (es muss Sinn ergeben). Die beiden Begriffe, die vermutlich tatsächlich oft als Synonyme verwendet werden, unterscheiden sich aber in ganz wichtigen Nuancen. Mit Bezug auf mein Schreiben könnte ich beispielsweise sagen, dass der Zweck meiner Tätigkeit ist, mich zu beschäftigen, der Sinn des Tuns ist aber womöglich, dass ich meine Gedanken kennenlernen bzw. dokumentieren will. Ich bin sicher, dass Goethe diese Unterschiede auch kannte und ganz bewusst vom Zweck des Lebens sprach. Der Zweck des Lebens könnte beispielsweise sein: Sich zu vermehren, die Spezies Mensch zu erhalten und damit zur Evolution beizutragen und als Belohnung dafür große Lust zu verspüren, wie das vermutlich alle Lebewesen erfahren. Selbstverständlich gehört dazu auch die Sexualität und die sie regulierenden Triebe. Das wäre eine rein physische Erklärung der Bedeutung des Lebens. Die Frage nach dem Sinn dagegen bezieht sich ausschließlich auf die Psyche des Menschen und da wird es kompliziert: Wir nehmen an, dass andere Lebewesen keine so ausgeprägte Psyche wie der Mensch haben, in der Intellektualität und Emotion zwei miteinander konkurrierende Faktoren darstellen. Eine Beantwortung der Sinnfrage muss sich also auf diese beiden letztgenannten Elemente fokussieren.
Meine Existenz ist ja nicht aus eigenen Stücken freiwillig entstanden, sondern aus der Beziehung meiner Eltern, die damit die Verantwortung für mein Sein übernommen haben. Eigentlich hätte ich sie fragen müssen was für einen Sinn sie mir, aus ihrer Weltsicht heraus, gegeben haben. Haben sie je darüber nachgedacht oder war es nur die Lust, die sie getrieben hat? Religiöse Eltern werden sich bei der Zeugung auf die Erfüllung des Willens ihres Gottes berufen. Andere werden vermutlich an ihre persönliche Altersvorsorge denken, die vermeintlich durch Kinder gewährleistet wird. Wieder andere werden in ihren Nachkommen einen Beweis ihrer Liebe zueinander sehen. Ich befürchte aber, dass sehr, sehr viele Eltern, vielleicht sogar die meisten, keinen konkreten Grund angeben können und ausschließlich einem inhärenten, biologischen Trieb gefolgt sind. Somit bringt es uns nichts die Sinnfrage an die Eltern weiterzuleiten, wir müssen sie, wohl oder übel, als denkende Individuen, selbst beantworten. Allerdings bleiben die Eltern ein Stück weit in der Verantwortung, denn sie waren ganz wesentlich an unserer Erziehung beteiligt. Durch diese haben wir intellektuelle, soziologische und emotionale Standards auf unseren eigenen Lebensweg mitbekommen, deren Erfüllung, anfänglich meist ganz unreflektiert, auch zum Sinn des Lebens wurde. Wenn wir von der Sinnhaftigkeit des Lebens reden, sollten wir unterscheiden ob wir bei unserer Fragestellung auf den allgemeinen Sinn im Großen und Ganzen, oder auf den Sinn unseres eigenen, ganz persönlichen, Lebensraumes abzielen. Die reine Zweckbetrachtung bringt uns der Frage warum es überhaupt Menschen gibt und welche Aufgaben sie zu erfüllen haben, keinen Deut näher. Ich befürchte, dass diese Angelegenheit keine Lösung hat und eigentlich von uns Betroffenen auch überhaupt nicht hinterfragt werden sollte. Jede, denkbare Antwort liegt im Metaphysischen und ist, wie die Religion, eine Glaubensangelegenheit. Der praktische Sinn unseres Daseins ist natürlich an die Gemeinschaft gekoppelt. Sie zu gestalten, ihr Regeln des Zusammenlebens zu geben und sie gegen Aggressoren zu verteidigen ist sehr sinnvoll und natürlich auch zweckhaft. Wir müssen es uns zur Aufgabe machen eine Gesellschaft zu etablieren, in der die Menschen gerne leben und sich selbst verwirklichen können. Nur wenn dieser äußere Rahmen stimmt, kann der Mensch ungestört über seinen ganz eigenen Lebenssinn kontemplieren und danach handeln.
Wenn ich meine bisherigen Betrachtungen zusammenfasse muss ich erkennen, dass der Sinn des Lebens tatsächlich nicht unabhängig vom tatsächlichen Leben gesehen werden kann, sondern, dass es die Summe dessen ist, was das Leben überhaupt erst lebenswert macht. Hier rede ich von der Intensität des Lebens mit all ihren hedonistischen und spirituellen Aspekten. Genau das bekräftigt die Aussage dass, Zweck und Sinn des Lebens das Leben selbst ist. Ich möchte an dieser Stelle noch zwei Persönlichkeiten erwähnen, die in meiner Vorstellung das heutige Verständnis vom Lebenssinn unendlich viel geleistet haben: Epikur und Viktor Emil Frankl. Der letztere hatte als Jude das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Er schrieb, dass das was er dort an Grausamkeiten und Menschenverachtung erlebt hatte ihn nur überstehen ließ, weil er am Sinnvollen im Leben festhielt. Er sprach von „Selbsttranszendenz“, was in etwa so viel wie das Überschreiten der persönlichen Bewusstseinsgrenzen bedeutete. Jeder Mensch muss sich, laut Frankl, in einem Beziehungsgeflecht, d.h. in einem wertebasierten Sinn-Zusammenhang verstehen, um ein sinnvolles Leben führen zu können. Für ihn ist die Sinngebung Voraussetzung für ein erfülltes Leben. Für mich persönlich kann ich das nicht vollständig akzeptieren, denn ich glaube in manchen Perioden meiner persönlichen Geschichte viele Episoden der tiefen Erfüllung erlebt habe, ohne je mit dem Bedürfnis über einen Sinn nachzudenken. Da steht mir der griechische Philosoph Epikur, trotz der über 2000 Jahre die zwischen ihm und mir liegen, wesentlich näher. Er hat als Urvater des Hedonismus, den Wert der Lebensgenüsse sehr hoch eingeschätzt, wobei das Maßhalten dabei so etwas wie ein kategorischer Imperativ war. Ich glaube zu erkennen, dass heute diese Philosophie wieder viele Anhänger gewinnt. Das Leben bekommt einen ganz eigenen Wert und es scheint als bedeute wahre Lebensfreude nichts anderes als leben um des Lebens willen. Es sind nicht nur der Genuss und die Lust alleine, die die Lebensqualität bestimmen, auch die intellektuelle Freiheit dies ohne Zwänge von Vorschriften und Riten erleben und dosieren zu können verschafft Genugtuung, die am glücklichen Ende einer langen Kette von Fragen steht.
Der letzte Punkt zum Thema Sinn des Lebens betrifft die Religion und ich meine damit jene, mit der ich etliche Jahre meines Lebens aufgewachsen bin. Da ich mich schon in verhältnismäßig jungen Jahren von ihr abgewandt hatte, hat sie für mich in der Beantwortung der Sinnfrage keine Rolle gespielt und das, obwohl gerade die Religion selbst für viele Menschen zu einem ganz zentralen Sinn ihres Lebens geworden ist. Ich kann nur relativ beziehungslos nachplappern, was mir an Argumenten noch in Erinnerung geblieben ist. Angeblich hat die Religion komplette Antworten auf die sog. „großen Fragen des Lebens“, die mit der Schöpfungsgeschichte beginnen und mit dem Tod am Kreuz enden. Ich gebe zu, dass die sich dahinter verborgene Ethik unsere Gesellschaft sehr positiv beeinflusst hat, denn sie hat uns die Moral gebracht, die unser tägliches Handeln bestimmt und damit unsere Gemeinschaft auch zusammenhält. Über den Glauben und seine angstmindernden Kräfte vermag ich nichts zu sagen. Meine grundsätzliche Kritik an der Religion beginn bereits beim Subjekt der Verehrung, nämlich Gott selbst. Auf der Basis meiner jugendlichen Erfahrung mit meinen religiösen Verwandten, Freunden und Bekannten bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass alle Götter dieser Erde und ihrer Geschichte nichts anderes als Projektionen der Wünsche und Sehnsüchte des Menschen in ein imaginäres Jenseits sind. In der Bibel (Genesis 1,26-27) steht, dass alle Menschen nach dem Bild Gottes geschaffen sind und ich habe diesen Satz immer genau anders herum gesehen, nämlich, dass der Mensch nach seinem Bedürfnis Gott erschaffen hat. Ich glaubte mich damit sogar im Recht, denn wenn ich ein Bild Gottes war, hatte ich ja auch alle gedanklichen Freiheiten und war ebenbürtig mit Gott! Unter dem Einfluss von Karl Popper habe ich später gelernt, dass die Annahme eines Gottes weder beweis- noch widerlegbar ist und damit lediglich eine erforderliche Annahme darstellt um moralisches Handeln verlangen zu können. Auch der Mentor meines analytischen Denkens, Sigmund Freud, der einmal in einem Essay behauptete, dass ein psychisch gesunder Mensch aus zwei Dingen schöpfe, aus Lieben und Arbeiten, das gäbe dann dem Leben Sinn. Zum Thema Religion hat er gemeint, dass diese eine Illusion sei, die aus der kindlichen Sehnsucht nach einem schützenden Vater resultiere, also eine Fluchtreaktion vor der Härte der Lebensrealität ist.
Sich in der Plethora der Literatur zum Thema Sinn des Lebens zurechtzufinden, würde vermutlich Jahre des kontinuierlichen Lesens bedeuten, da habe ich der Versuchung widerstanden der Künstlichen Intelligenz (KI) den Auftrag zu geben einen Aufsatz zum Thema zu schreiben und vorgezogen in meiner eigenen Gedankenschublade zu wühlen um das an Einfällen und Meinungen wiederzufinden, was ich in den letzten Jahren an Materie zu dieser Thematik angesammelt habe. Das Ergebnis ist weit von einer Vollständigkeit entfernt aber für mich persönlich ausreichend – und ich hoffe, dass auch andere Zeitgenossen sich nicht auf den vielen Umwegen dieser Thematik verlaufen.
Peter Hilgard, 25.02.2026


