Gerald Brenan und die Entdeckung der Alpujarras

Gerald Brenan

Selbst die Bewohner haben es vergessen: das hundertjährige Jubiläum der Ankunft des englischen Schriftstellers Gerald Brenan in ihrem Dorf namens Yegen im Januar des Jahres 1920. Dieser Brenan war in jeder Hinsicht eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Er entstammte einer britischen Offiziersfamilie und der Besuch der Militärakademie im südenglischen Sandhurst sollte ihm, dem Wunsch des Vaters gemäß, die gleiche Laufbahn eröffnen. Aber der junge Gerald war nach seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg, dermaßen abgestoßen vom Militär und seiner englischen Heimat mit ihren „verknöchterten Standesdünkel und strengen Konventionen“, dass er den festen Wunsch entwickelte auszuwandern. Das damals im europäischen Kontext rückständige Spanien bot sich dem jungen, potentiellen Emigranten an, denn es hatte sich ein „gewisses Maß an Anarchie und Aufsässsigkeit“ bewahrt und damit die „wesentlichen Bedürfnisse der menschlichen Natur höher geschätzt als die technische Organisation“. Zudem kam Brenan durch seinen Freund Ralph Partridge, den er in den Schützengräben an der Somme kennen gelernt hatte, mit der damals sehr aktiven „Bloomsbury Group“ in Kontakt, in der sich so illustre Geister wie Virginia Woolfe,  Lytton Strachey, Dora Carrington, E. M. Forster u. v. a. zur gemeinsamen Gesellschaftskritik zusammengefunden hatten. Schließlich hat Gerald Brenan sein erstes Jahrzehnt andalusischer Beobachtungen und Erfahrungen in einem wunderbaren Buch mit dem Titel „South from Granada“ veröffentlicht und sich damit als großartiger, sehr begabter Schriftsteller entpuppt (die hervorragende deutsche Übersetzung „Südlich von Granada“ stammt von Winfried Jenior und ist im Verlag Jenior und Pressler, Kassel 1996 erschienen, aus der auch die hier zitierten Passagen stammen).

Das Haus von Gerald Brenan in Yegen (Foto: Turismo de Granada)

Im Laufe der über 60 Jahre, die Brenan mit vielen Unterbrechungen in Spanien verbrachte, hat er zahlreiche weitere Bücher über das Land geschrieben, u.a. auch eine scharfsinnige Analyse des Bürgerkrieges von 1936-38. Viele Historiker sehen in Gerald Brenan einen der bedeutendsten Hispanisten des 20. Jahrhunderts, dennoch blieb ihm in seinem Heimatland der Ruhm verwehrt. In Andalusien dagegen ist sein Name, insbesondere in den Alpujarras, noch gegenwärtig: Straßen und Plätze sind in vielen Dörfern nach ihm benannt worden. Für mich und meine Frau hat das Buch „South from Granada“ einen ganz besonderen Stellenwert in unserem Leben, denn es war bereits vor vier Jahrzehnten der Auslöser ein zweites Domizil unweit des Dorfes Yegen zu suchen und dort in der andalusischen Wildnis bis heute jedes Jahr die Sommer zu verbringen. Aber es gibt noch einen weiteren Grund für meine tiefe Bewunderung Gerald Brenans: seine immense geistige Kraft. Er war ein kompletter Autodidakt, d.h. hatte weder Hochschul- noch Universitätsbildung. Mit eiserner Disziplin hat er den Inhalt von Büchern in sich aufgenommen und verarbeitet; er hat sein Wissen mit seiner scharfen Beobachtunggabe verbunden und daraus Schlüsse gezogen und diese dann literarisch verarbeitet. Schreiben konnte Brenan, weiß Gott, gut!

Die literarischen Qualitäten Brenans treten u.a. bei der Schilderung des Besuchs von Lytton Stratchey in Yegen hervor. Stratchey war eine der führenden Persönlichkeiten der Bloomsbury Group und bekannt für seinen zynischen Humor und seine, gelegentlich auch gedankliche, Sturheit. Es ist ein Wunder, dass sich der homosexuelle Autor gerade von einer Frau, nämlich der Malerin Dora Carrington, überreden ließ diese beschwerliche Reise nach Andalusien zu unternehmen. Das letzte Stück von Granada nach Yegen wurde nach Brenans Schilderung zu einem Albtraum. Sie mussten u. a. einen reißenden Fluss auf Mauleseln überqueren und Stratchey weigerte sich. Ein Umweg musste gefunden werden und Stratchey fühlte sich am Ende so schwach vor Erschöpfung, dass er nicht mehr weiterreiten wollte und sie einen Gasthof für die Übernachtung suchen mussten. Ähnliche Situationen gab es mehrfach und man kam mit gehöriger Verspätung und in miserabler Stimmung in Yegen an.

Ganz anders verlief der Besuch von Virginia und Leonard Woolfe ein paar Jahre später. Gerald war von Virginia fasziniert, er pries ihre Stimme, die ihre literarischen Werke zum Leuchten brachte und die „gläserne Klarheit“ ihrer Sprache, die sich gelegentlich zu regelrechten „Wortkaskaden“ steigerte. Für mich steht fest: Gerald Brenan war, wie viele Inellektuelle der damaligen Zeit, verliebt in Virginia Woolfe. Die schöne, junge und intelligente Frau repräsentierte für Brenan auch die ästhetische Seite der Bloomsbury Group, die ja mit ihrer elitären,  englischen „middle class“ Gesellschaftsphilosophie in den 30iger Jahren bereits ums Überleben kämpfte. Für mich persönlich sind manche Texte von Virginia Woolfe  kleine Offenbarungen, z.B. wenn sie von der  subjektiven Zeit als „moment of being“, Augenblick des Seins, spricht. In diesem von ihr beschriebenen Augenblick  geschieht das scheinbar Unmögliche: ein Moment unseres Lebens wird zu einer Ewigkeit. Woolfe hat einem ganzen Buch den Titel „Moments of Being“ gegeben und darin schrieb sie in einem Essay mit der Überschrift „A Sketch of the Past“ (ich lasse wegen der “gläsernen Klarheit” der Sprache die Übersetzung sein): “The past only comes back when the present runs so smoothly that it is like the sliding surface of a deep river. Then one sees through  the surface to the depths. In those moments I find one of my greatest satisfactions, not that I am thinking of the past; but it is then that I am living most fully in the present.” Auch Brenan wird solche Momente oft erlebt haben.

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