Mein verehrter Großvater Eduard Hilgard (1884 .- 1982), einst ein Vorbild für mich, hat im Dritten Reich als Mitglied des Vorstandes der „Allianz- und Stuttgarter Verein-Versicherungs-Aktien-Gesellschaft“ und als Leiter der „Reichsgruppe Versicherungen“ die Sache der geschädigten Juden nach der Pogromnacht (im Nazi-Jargon „Reichskristallnacht“) am 9. November 1938, in einer Verhandlung mit hohen Regierungsstellen vertreten müssen. Über seinen Auftritt bei Göring haben nicht nur Historiker augenzwinkernd geschrieben (William L. Shirer: Aufstieg und Fall des Dritten Reiches. Droemersche Verlagsanstalt, München/Zürich 1963), sondern sogar ein, in Berlin uraufgeführtes Theaterstück ist daraus geworden. Aber Eduard Hilgard hat nicht die Juden verteidigt, sondern in preußischem Pflichtgefühl die Glaubwürdigkeit der deutschen Versicherungswirtschaft. Ansonsten war er mit vielen Nazigrößen per Du und hat sich im Schatten Hitlers in Bayreuth unter die Menge gemischt. Auf Schulungsabenden der Reichsgruppen der Angestellten hat er Vorträge zum Thema nationalsozialistische Weltanschauung und das Versicherungswesen gehalten. Als die gespenstische Zeit dann vorbei war, hat er, angeblich ganz erstaunt, erfahren müssen, dass die Spruchkammer Bad Aibling ihn nicht so einfach „entnazifizieren” wollte. Als einen bürokratischen Irrtum hat er dies seiner Familie gegenüber abgestempelt. Später, an seinen Geburtstagen, kam die ganze ehemalige Elite der Versicherungswelt in ihren Mercedes-Limousinen zum „Landsitz“ meines Großvaters. Heute kann ich mir gut vorstellen, dass dies eine Versammlung von Ewiggestrigen war, die von den großen Zeiten des Dritten Reichs geschwärmt haben. Es klingt mir noch im Ohr, wie ein Onkel von mir, der einer der ersten Justizminister der jungen Bundesrepublik war (Fritz Neumayer), laut von sich gab, dass es immer deutlicher werde, dass Hitler ganz alleine die Schuld für das deutsche Desaster trage. Aus seinem Mund fand ich unbedarfter Jüngling dies damals eigentlich griffig und verständlich, damit war alles erklärt, jedenfalls was ich zu jener Zeit an Erklärungsbedarf hatte war damit gestillt. Welch ein Zynismus hinter dieser Aussage steckte, merkte ich auch erst sehr viel später, als ich erfuhr was das „deutsche Desaster” wirklich war. Warum hat mein Vater damals nicht mit der Faust auf den Tisch geschlagen und diesen Blödsinn seines Onkels vor allen Anwesenden entlarvt? Wahrscheinlich brauchte auch er eine einfache Erklärung und fand sie in der Autorität der Aussage von dem berühmten Onkel. So ging es vermutlich allen. Bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit begnügte man sich mit dem intellektuell einfach zu fassenden und wandte sich im Übrigen der Zukunft zu, dies war ja die große Aufgabe.
So bin ich aufgewachsen, verschont von allen Zweifeln an der moralischen und ethischen Integrität von Eltern, Onkeln, Tanten, Großeltern und Deutschland. Eigentlich erst im reifen Alter begann ich über diese Zusammenhänge wirklich nachzudenken. Die Begegnung mit dem amerikanischen Historiker Gerald Feldman, der sich im Auftrag der Allianz Versicherungsgesellschaft mit der Geschichte dieses Unternehmens während der Nazizeit befasste (Gerald D. Feldman: Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft 1933 -1945, Verlag C.H. Beck, München, 2001) machte mir die Rolle, die mein Großvater damals spielte, deutlich. Er war kein einfacher Mitläufer aus Opportunismus, er spielte eine Rolle in der Nazi-Hierarchie, obwohl er, wie mir auch Feldman versicherte, kein Anhänger der Nazi-Ideologie und schon gar kein Antisemit war. „Ganz sicher gehörte Hilgard nicht zu denen, die die brutalen Vorgehensweisen des Regimes und dessen antisemitische Politik gutgeheißen hatten“ schlussfolgerte der Historiker auf S.556 seines Buches. Immerhin habe ich aus den vom Nationalarchiv der Vereinigten Staaten veröffentlichten Mitgliedskarteien der Partei herausgefunden, dass Eduard Hilgard am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten ist. Dieses Datum war nur vier Monate nach der sog. „Machtergreifung“ Adolf Hitlers. Dies spricht also für das ausgeprägte Nützlichkeitsdenken meines Großvaters, der die Zukunft der Nazi-Bewegung offenbar richtig eingeschätzt hatte und durch Anbiederung seine berufliche Karriere zu sichern glaubte.
In einem renommierten Verlag der 20-iger und 30-iger Jahre des 20. Jahrhunderts, dem Berliner Junker und Dünnhaupt Verlag, erschien 1935 von meinem Großvater Eduard Hilgard die 70 Seiten-Schrift „Das Versicherungswesen im nationalsozialistischen Staat“. Darin findet sich in der Einleitung folgende Textstelle: „Indem der Nationalsozialismus die Unterordnung des Eigennutzes unter die Forderungen des Gemeinwohls proklamiert und damit in seiner unbeirrbaren Konsequenz dem deutschen Volk den Weg gewiesen hat, der die Eingliederung des Einzelmenschen in die Volksgemeinschaft und der Einzelwirtschaft in die Gesamtwirtschaft zum Ziele hat, stellt er Maximen auf, die in ihren Grundzügen der Versicherung als einer Einrichtung der Gemeinschaftshilfe von ihren Uranfängen das Gepräge gaben“. Zum Abschluss seiner Ausführungen gibt mein Großvater zu bedenken, dass die Arbeit der Versicherungsgesellschaften immer im Dienst am Gemeinwohl des deutschen Volkes stehen müsse und schließt mit den Worten: „Es gilt, diese Arbeit immer eindringlicher auf die Forderungen nationalsozialistischer Zielsetzung auszurichten.“ Für sein Arbeitsfeld bedeutet dies, „die Probleme der Gegenwart klar zu erkennen, um schließlich die vorhandenen Mängel, die Wege zu ihrer Beseitigung und damit die Aufgaben, welche die kommende Entwicklung fordert, festzustellen“. An diesen Textstellen nimmt mein Großvater Bezug auf das neue Regime mit Adolf Hitler als Reichskanzler. Aus Sicht der damaligen Zeit, in der das Ende einer politisch chaotischen Zeit von der ganzen Bevölkerung bejubelt wurde, ist der Text eher harmlos. Im Gegensatz zur offiziellen Parteilinie, die in diesen frühen Jahren bereits einen höchst aggressiven Antisemitismus verbreitet, vermeidet er sehr bewusst und klug jeden rassischen Bezug, wohl wissend, dass ein wichtiger Teil des Versicherungsklientel Juden waren. Wie sehr Eduard Hilgard sich der damaligen Partei-Ideologie widersetzt hat ist im Vergleich zu den Aussagen anderer Funktionäre zur gleichen Zeit erkennbar. So hat beispielsweise der Schriftleiter der Ärztezeitschrift „Weckruf zum Volksgesundheitsdienst“ und gleichzeitiger Bezirksobmann des NS-Ärztebundes Oberhessen-Süd, bereits 1933 in einem stümperhaften Gedicht auf den Seiten seiner Zeitschrift den „Endsieg“ und die Person Hitlers verherrlicht (Drexler S. und Hafeneger B.: „Weckruf“ – Kampfblatt des NS-Ärztebundes 1933“, Hessisches Ärzteblatt 3:166-169, 2022). Derartig Nazi-freundliche Äußerungen waren mir und dem Historiker Feldmann, mit dem ich lange über dieses Thema sprach, von meinem Großvater nicht bekannt.
Ich erinnere mich daran als ich erstmals Bilder von den Innenräumen der Hitler-Festung Obersalzberg oder von Görings Carinhall gesehen habe, wie schockierend die Ähnlichkeit der Möbel und des ganzen Einrichtungsstils dieser Häuser mit dem meines Großvaters für mich war. Mag sein, dass diese Ästhetik nichts Nazi-Spezifisches darstellte, sondern nur Ausdruck des damaligen Zeitgeistes war, aber es hielt mir doch die unheimliche Nähe meiner eigenen Familie zu den geistigen und ästhetischen Grundsätzen dieses Regimes vor Augen und hat mich immer wieder zum Nachdenken über die braune Vergangenheit meiner Familie veranlasst
