Das Erlernen von Verzicht – eine Lebensaufgabe?

Abfall auf den Straßen macht unsere Städte unwirtlich (Foto: Pixabay, mit Dank an Derks24)

Der Staat benötigt Unsummen an Geld für Investitionen in die Infrastruktur und die Verteidigung des Landes. Wer soll das bezahlen, wenn nicht letztlich wir alle! Daher heißt es, dass die Ausgaben u. a. durch Einsparungen ausgeglichen werden müssen und das bedeutet für viele Menschen Verzicht auf manch lieb gewonnene finanzielle Kapriole bzw. Annehmlichkeit. Dem gleichsam staatlich verordneten Verzicht, der für alle Bürger gleichermaßen gilt, steht der freiwillige Verzicht gegenüber. Jeder gewünschten Aufgabe einer persönlichen Neigung geht der Vorsatz voraus, dies zu tun. Wir kennen alle die guten Vorsätze an Sylvester, dass ich im nächsten Jahr das Rauchen aufgebe, weniger Alkohol trinke, mich mehr um die kranke Tante kümmere oder keine Waren mehr bei Online-Giganten kaufe um den Einzelhandel zu unterstützen. Jeder Mensch hat seine eigenen Verzichtsvorsätze in einer Welt, in der er „normalerweise“ im Überfluss lebt.

Die Regale im Wohnzimmer sind voll Krimskrams, der eigentlich nicht gebraucht wird, der Kleiderschrank enthält noch Klamotten, die nie mehr angezogen werden, mit den Schuhen geht es genauso.   Wir haben einfach zu viel und genau dieses Überangebot kann uns psychisch und physisch krankmachen, wenn wir es regel- bzw. gewohnheitsmäßig in Anspruch nehmen wollen. Der Wunsch nach Verzicht entsteht; doch dann wird es kompliziert, denn gleichzeitig mit der ersehnten Erlösung vom Gebrauchszwang kommt die Furcht vor Verlust oder Entsagung. Durch das Verzicht-bedingte Verlassen der eigenen Komfortzone scheint vordergründig die Lebensqualität abzunehmen, ja ggf. sogar der soziale Status gefährdet zu sein, den man sich mühsam erarbeitet hat. Es scheint, als sei das Streben nach Besitz eine Eigenschaft, die auf alle Menschen unseres Kulturkreises zutrifft. Die Gesellschaft, in die wir hineingeboren wurden, hat das Haben des Einzelnen zu einem Ziel der sog. Selbstverwirklichung erhoben. Besitz kann schließlich auch zu einem Machtfaktor werden. Die Konsequenz aus all dem ist, dass sich Gier und Neid ausbreiten, weil die Menschen Eigentum erwerben oder verteidigen wollen und dies auch häufig skrupellos auf Kosten anderer tun. Es sollte immer deutlich sein, dass wir beim Wunsch nach Besitz nicht von biologischen Notwendigkeiten, sondern ausschließlich von gesellschaftlichen Zwängen reden! Brauchen wir das wirklich?

Der Imperativ zum Verzichten ist wohl zu keiner anderen Lebenszeit so ausgeprägt wie im frühen Kindesalter. Vermutlich ist die Geburt auch der erste große Verzicht im Leben. Von der schützenden und ernährenden Umgebung des Mutterleibes wird der Säugling gewaltsam in die Wirklichkeit der irdischen Existenz gezogen. Seine Reaktion auf dieses Trauma ist das Schreien. Was darauf folgt ist der lange Prozess des Lernens zu verzichten, d.h. der Weg in die Sozialisation beginnt. Gebote und Verbote lehren uns zu verzichten, in dem wir unsere Wünsche und Triebe an die gesellschaftlichen Normen anpassen. Wir lernen u.a. Steuern zu bezahlen und Verkehrsschilder zu beachten, d. h. aktive Teilnehmer an der Gesellschaft zu werden. In diese Phase unseres Lebens nehmen wir die Ängste aus der Kindheit vor Entbehrung, bzw. Verzicht mit.

Die Kinderjahre haben uns auch gelehrt, dass Verzicht mit nachfolgender Belohnung viel einfacher zu ertragen ist. Später, als Erwachsene, erinnern wir gerne daran und akzeptieren das „Wenn-dann“-Prinzip, d.h. wir reden uns z. B. ein, dass „wenn ich am Nachmittag auf Kaffee verzichte, dann kann ich nachts wieder gut schlafen“. Verzicht muss sich lohnen, denn ohne lohnenden Ersatz würden wir keinen Besitz freiwillig hergeben. Die Abwägung des denkbaren Vorteils gegenüber dem geforderten Verzicht bedarf auch eines hohen Maßes an Vertrauen. Ich muss darauf vertrauen können, dass der kausale Zusammenhang von Verzicht und der erwarteten Konsequenz auch tatsächlich besteht. Wenn ich eine bestimmte Diät zur Gewichtsreduktion einhalte, nach vier Wochen aber noch nicht ein Gramm abgenommen habe, wird mein Vertrauen an die Macht des Verzichts mit Sicherheit nicht gestärkt und ich werde mich bei einer späteren Gelegenheit entsprechend verhalten.

Auf den ersten Blick passen die Begriffe Verzicht und Freiheit nicht zusammen, denn jeder Verzicht scheint die persönliche Freiheit naturgemäß einzuschränken. Aber man kann es auch andersherum sehen: Verzicht auf Ballast oder eingefahrene Routine gibt Freiheit, zerstört unnötige Handlungsvorgaben und öffnet die Pforten für neue Erfahrungen. Wir kennen alle die sog. „Pantoffelgefühle“, jene betuliche und biedere Liebe zu den alltäglichen Gewohnheiten. Auf diese zu verzichten mag zunächst starken Widerwillen erzeugen, kann aber tatsächlich den Gewinn einer neuen Freiheit bedeuten.

Als Fazit möchte ich festhalten, dass Verzicht nicht unbedingt Verlust, Entzug oder Entsagung bedeuten muss, sondern auch viele positive Aspekte hat. Eng verbunden mit dem Verzicht ist nämlich auch die Kunst, Nein zu sagen. Es gibt unzählige Situationen sowohl im beruflichen als auch im privaten Leben, wo es wichtig wäre Grenzen zu setzen und abzulehnen bzw. zu verzichten, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. In einem sozialen Kontext Nein zu sagen und dabei nicht zu verletzen, erfordert allerdings einen Lernprozess, dem man sich immer wieder neu stellen muss.

Bleiben Sie stets neugierig …und genussvoll durstig!

 

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