Zuhause bei Jean Sibelius

Jean Sibelius´ Schreibtisch in Ainola

Welcher Musikfreund könnte dem Zauber des Englischhorns im Orchesterstück „Der Schwan von Tuonela“ widerstehen? Der wehmütige, von Streichern untermalte Klang öffnet die Augen für die finnische Landschaft mit ihren unendlichen Seen und Wäldern. Der frische Duft von Tannen und Moos steigt in die Nase. Die Musik von Jean Sibelius wird zu einem einzigartigen, haut- und geruchsnahen Naturerlebnis. Wer war der Mann, der diese Töne erfand? Seine Biografie, seine künstlerischen Bekanntschaften, die ihn beeinflusst haben, sowie die Analyse seiner Werke ist hinreichend in den verfügbaren Medien dokumentiert, so dass ich mich an dieser Stelle kurz fassen und auf Aino Järnefelt, die spätere Frau Sibelius, und ihn selbst konzentrieren kann. Mit ihr war er 65 Jahre lang verheiratet und hat die Erlebnisse des politischen Umbruchs in seiner Heimat geteilt. Als die russische Oktober-Revolution begann, brach in Finnland der kurze, aber Gewalt-geschwängerte, Bürgerkrieg aus. Finnland war zu der Zeit ein russisches Großfürstentum unter Zar Nikolaus II. und sah plötzlich seine Chance unabhängig zu werden, was schließlich , mit militärischer Unterstützung Deutschlands, auch gelang. Diesem Freiheitskampf hat Sibelius seine, wenig später entstandene, patriotische Suite „Finlandia“ gewidmet.

Jetzt hinter dichtem Baumbestand: das Haus in Ainola

Während dieser Zeit begannen Aino und Jean Sibelius von einem eigenen Refugium außerhalb der Großstadt Helsinki zu träumen und eine kleine, unerwartete Erbschaft ermöglichte 1903 den Erwerb eines Grundstückes am See namens Tuusulanjärvi , ca. 30 Bahnminuten von der Hauptstadt entfernt. Etwas großspurig, wie Sibelius häufig sein konnte, beauftragte er den bekannten Architekten Lars Eliel Sonck eine Villa für ihn und seine Frau im national-romantischen Stil zu errichten. Sie nannten das neue Domizil nach Aino „Ainola“, und so heißt auch heute noch die Bahnstation. Damals war die Gegend um Ainola eine mehr oder weniger unberührte Landschaft. Auf dem See, den man vom Haus aus sehen konnte, zogen auch Jean Sibelius´ Lieblingstiere, die Schwäne. Im Haus hängt ein kleines 1914 gemaltes Aquarell von Lennart Segerstråle  von Schwänen im Nebel auf einer kleinen Insel und Sibelius soll oft davor gestanden und sich über die Ästhetik der Tiere gefreut haben. Alle Bilder im Haus, und das sind wahrhaftig nicht wenige, waren Geschenke von Künstler-Freunden, der Hausherr soll nie in seinem Leben ein einziges Bild gekauft haben. Neben dem Haus steht noch ein Sauna-Häuschen, in dem sich Sibelius häufiger mit Künstler-Kollegen aller Sparten zu geselligem Beisammensein getroffen hat. Hier befand sich auch der Brunnen, der das ganze Haus mit Wasser versorgen musste. Jean Sibelius verstarb am 20. September 1957 in seinem Haus und wurde im Garten von Ainola beigesetzt. Aino hat ihn 12 Jahre überlebt, sie starb 1969 im Alter von 97 Jahren und wurde neben ihrem Mann begraben. Die Töchter verkauften schließlich das ganze Anwesen an den finnischen Staat, der es 1974 für das Publikum öffnete. Seit dem Tode von Aino Sibelius wurde an der Einrichtung des Hauses nichts verändert, die oberen Stockwerke können allerdings heute nicht mehr besichtigt werden.

Die Grabplatte von Jean und Aino Sibelius im Garten des Hauses

In den unteren Wohnbereich wurde später das Schlaf- und Arbeitszimmer des Komponisten verlegt, nachdem dessen Beweglichkeit, altersbedingt, so eingeschränkt war, dass er die Treppen nur noch mit Mühe bewältigen konnte. Deshalb steht der Schreibtisch an dem er u. a. das grandiose Violinkonzert d-moll für die Premiere in Berlin unter Richard Strauss neu überarbeitet hat. Das gestraffte Konzert stieg bald in den musikalischen Olymp des 20. Jahrhunderts auf und wurde ein von allen großen Violinisten gespieltes Vorzeigestück. Sibelius selbst war ein sehr guter Geiger, während er mit dem Klavier zeitlebens auf Kriegsfuß stand. Außerdem wurden von der dritten bis zur letzten (8.) Symphonie  alle an diesem Schreibtisch vollendet. In der holzgetäfelten Bibliothek  steht neben dem Sessel ein Rauchtischchen mit einer Sammlung von Aschenbechern. Sibelius war passionierter Zigarrenraucher und laut Aino gab der von ihrem Mann jeweils benutzte Aschenbecher ein sehr genaues Abbild seines persönlichen Stimmungszustandes. Sibelius war ein Melancholiker und manchmal rutschte er in depressive Phasen, aus denen er sich nur mit Alkohol retten konnte. Zusammen mit dem Nikotinkonsum ergaben sich folglich intermittierend gesundheitliche Probleme, die der Meister aber kurzfristig bis zu seinem 92. Lebensjahr immer wieder durch eiserne Disziplin in den Griff bekam.

Nach Ainola zu kommen ist wie Gast bei Jean Sibelius und seiner Frau zu sein. Die Musik, die hier überall  zuhause ist, ist stilistisch vielleicht der Spätromantik zuzurechnen aber sie ist außerordentlich eigenwillig und wirkt enorm stark beim Zuhören. Sie ist unabhängig von den Konventionen ihrer Zeit, etwas schwerblütig und voll Melancholie, in ihr schwingen Braun-, Pupur- und Olivtöne. Sie ist die Seele der Natur und vielleicht die Seele Finnlands, vielleicht auch die Seele aller Menschen, die bei den sehr warmen Tönen des Meisters zum Schwingen kommt. Diese Musik ist  reines Glück! Unwillkürlich wird man an den „World-Happiness-Report“, der kürzlich vom Gallup-Institut im Auftrag der Vereinten Nationen nun schon zum wiederholten Mal erhoben wurde, erinnert: Finnland wurde darin mehrfach schon als die glücklichste Nation der Welt identifiziert. Selbstverständlich ist nicht Sibelius alleine die Ursache davon aber er könnte ein weiteres Mosaiksteinchen in den Erklärungsversuchen dafür liefern.

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