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Wirkt Rotwein wie Viagra?

In der online-Ausgabe (MailOnline) der britischen Zeitung Daily Mail vom 23.Februar 2016  stach mir der reißerische Titel „Rotwein und Früchte sind das neue Viagra“ sofort ins Auge. Der Bericht fußte auf Untersuchungen der Arbeitsgruppe um Frau Prof. Aedin Cassidy von der University of East Anglia im englischen Norwich. Die Ernährungswissenschaftlerin und ihre Mitarbeiter beschäftigen sich schon lange mit den biologischen Wirkungen der pflanzlichen Farbstoffe. Jetzt haben sie die Wirkung dieser auf die sog. erektile Dysfunktion (ED) untersucht. ED nennen Mediziner eine Sexualstörung, die im Volksmund einfach mit Impotenz übersetzt wird. Die Wissenschaftler haben bei einer Bevölkerungskohorte von ca. 50.000 erwachsenen Männern herausgefunden, dass Nahrungsmittel reich an sog. Flavonoiden (z.B. die Anthocyane) die Zahl der impotenten Männer in dieser Gruppe um 14 % niedriger war. Aus statistischer Sicht war dies, bei der Zahl der untersuchten Personen, hochsignifikant.

Flavonoide finden sich in vielen Pflanzen, bzw. Nahrungsmitteln und Getränken, die diese enthalten. Früchte, Gemüse, Kräuter, grüner Tee und eben Rotwein sind Quellen dieser natürlich vorkommenden, chemischen Verbindungen aus der Gruppe der Polyphenole. Flavonoid-haltige Ernährung soll besonders wirksam bei Impotenz sein, wenn sie mit regelmäßigen Spaziergängen verbunden wird, mit dieser Ausage  werden die Wissenschaftler in der Daily Mail zitiert. Eines der wichtigsten Polyphenole im Wein ist bekanntlich das Resveratrol, über das ich in diesem blog schon vielfach berichtet habe. Auf diesen Inhaltsstoff, der so viele pharmakologische Wirkungen haben soll und bereits als Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland zugelassen und rezeptfrei verfügbar ist, gingen die britischen Autoren leider überhaupt nicht ein.

Rotwein als Viagra-Ersatz erscheint mir aus einem allgemein bekannten Grund nicht besonders attraktiv zu sein, nämlich wegen der Wirkung, die Shakespeare in seinem Macbeth (erster Aufzug, zweite Szene) im Dialog von Macduff und dem Pförtner des Schlosses Inverness so trefflich beschrieben hat:
»Macduff: „Kamest du so spät zu Bett, Freund, daß du nun so spät aufstehst?”
Pförtner: „Mein Seel, Herr wir zechten, bis der zweite Hahn krähte; und der Trunk ist ein großer Beförderer von drei Dingen.”
Macduff: „Was sind denn das für drei Dinge, die der Trunk vorzüglich befördert?”
Pförtner: „Ei, Herr, rote Nasen, Schlaf und Urin. Buhlerei befördert und dämpft er zugleich: er befördert das Verlangen und dämpft das Tun. Darum kann man sagen, daß vieles Trinken ein Zweideutler gegen die Buhlerei ist: es schafft sie und vernichtet sie; treibt sie an und hält sie zurück; macht ihr Mut und schreckt sie ab.”« (Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck)

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