
Goyas letzte Palette
Neben Vermeer, Tizian , Turner, Friedrich und Monet gehört Francisco de Goya y Lucientes zu meinen ganz großen Lieblingen unter den europäischen Malern. Kein Wunder also, dass es mich bei meinem letzten Besuch in Madrid auf die Calle Alcalá und dort in die Königliche Akademie der Schönen Künste von San Fernando (Real Academia de Bellas Artes de San Fernando) gezogen hatte. Goya war einst daselbst als königlicher Hofmaler stellvertretender Direktor für Malerei. In einem der unendlich vielen Säle entdeckte ich ein Kuriosum, welches mich völlig unvorbereitet emotional berührte: in einem ovalen Rahmen aus geschnitzten und vergoldeten Lorbeerblättern war Goyas letzte Palette zu sehen, sorgfältig von den Farbresten seines zuletzt gemalten Bildes gereinigt. Die Vorstellung, dass ein Daumen dieser begnadeten Künstlerhände durch das Loch auf dem flachen Holzstück vor mir gegriffen hatte und der Ballen auf dem darauf befestigten Metallstück ruhte, während der Maler in einem genialen Schaffensprozess seinen Pinsel über die Leinwand führte, brachte mich ein wenig aus der Fassung.
Über den Künstler und Menschen Goya habe ich schrecklich viel gelesen und war mir eigentlich sicher, dass ich selbst keine neuen Erkenntnisse allgemeiner Art durch das Betrachten seiner Bilder gewinnen würde. Was ich allerdings lernen konnte, war mal wieder die Einsicht, dass der Künstler als Mensch mit seinem Werk nicht viel zu tun haben muss. Goya war sicher kein sympathischer Typ, denn sein großer Ehrgeiz, verbunden mit Opportunismus, bereitete ihm immer wieder Schwierigkeiten und machte ihn bei Freunden und Kollegen unbeliebt. Aber er erreichte sein Ziel: Sein großes Talent wurde erkannt und er porträtierte schließlich die Besten und Bedeutendsten der adeligen Gesellschaft, Grafen und Gräfinnen, Herzoge und Herzoginnen und schließlich auch die königliche Familie. Unter all diesen Dokumenten der Eitelkeiten und Selbstgefälligkeiten hat mich eine von Goya mehrfach gemalte Frau besonders angesprochen, die Herzogin von Alba. Zwischen ihr und Goya bestand offenbar eine ganz besondere Beziehung, die noch heute voller Geheimnisse und ungelöster Rätsel ist.

Die Herzogin im weißen Kleid

Die Herzogin im schwarzen Kleid
Vergegenwärtigen wir uns für einen Augenblick die Zeit, in der Goya und seine Modelle lebten. Diese war, wie der Künstler selbst, zwiespältig, denn die Gesellschaft pendelte zwischen der Bewahrung des herkömmlichen Ständestaats und der scharfen Verurteilung der alten Ordnung. Die Französische Revolution9 von 1789 veränderte auch das soziale Gefüge in Spanien, Maria Teresa Cayetana Silva y Álvarez de Toledo (1762–1802), so der komplette Name der Herzogin, war eine moderne Frau, die schon früh ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu leben verstand, sich jedoch noch in das herrschende Gesellschaftssystem einzufügen gezwungen war. Die soziale Mobilität innerhalb der Stände war sehr gering und so blieb Goya, der Maler und vermutliche Liebhaber der Herzogin immer auch ihr Untergebener. In der Mode konnte sie sich, entgegen der Gepflogenheiten der übrigen Aristokratie, mit den Majas, jenen einfachen, jungen Frauen des erwachenden Feminismus im Lande, die sich traditionell-spanisch kleideten und eine „Mantille“ trugen, jene Kopfbedeckung aus Seide oder Spitze, die über einen Haarkamm befestigt Kopf und Schultern bedeckten. Es gibt zwei Ganzkörperportraits der Herzogin, die „Weiße“ und die „Schwarze“, was sich jeweils auf die Kleidung der Dargestellten bezieht.
Die weiß gekleidete Herzogin habe ich persönlich im „Palacio de Liria“, dem Madrider Stadtpalast der Albas, gesehen. Sie steht in der Landschaft in einem weißen Kleid mit einer breiten, roten Schärpe um den Leib und einer gleichfarbigen Schleife unter dem Ausschnitt, sowie eine Rosette in dem fülligen und recht wilden Haar. Um den Hals liegt eine rote Kette, der rechte Zeigefinder deutet auf einen untersetzten, fast lächerlich kleinen Hund, der am linken Hinterbein ebenfalls eine rote Schleifte trägt (Goyas großartige Ironie!). Direkt hinter ihm ist die Widmung „A la Duquesa de Alba Fr:co de Goya 1795“ zu lesen. Die schwarze Herzogin befindet sich in der Gemäldesammlung der Hispanic Society in New York, sie habe ich leider im Original bislang nicht gesehen. Die Protagonistin trägt ein schwarzes Kleid mit einer ebensolchen Mantille und auch eine rote Schärpe um den schlanken Leib, im Gegensatz zur „Weißen Duquesa“, die einen gewissen Hochmuth ausstrahlt, wirken die Gesichtszüge der „Schwarzen“ eher melancholisch und sinnlich. Den linken Arm stützt sie herausfordernd in die Hüfte, während sie mit dem rechten nach unten auf den Sand des Bodens zeigt, wo in großen Buchstaben geschrieben steht: „Solo Goya“ (Nur Goya). Außerdem trägt die Hand zwei Ringe, der eine mit der Aufschrift „Alba“, der andere mit der Aufschrift „Goya“. Hätte Goya angesichts der bestehenden gesellschaftlichen Beschränkungen seine emotionale Bindung an die Herzogin besser oder deutlicher beschreiben können?
In die Zeit der Beziehung zur „Duquesa“ fällt noch ein anderes seiner Meisterwerke, nämlich die nackte Maja. Bislang rätselt die Kunstgeschichte, wer ihm dafür Modell lag. War es etwa die Herzogin selbst? Egal was die Historiker schreiben, die intensive Erotik dieses Bildes ist bestimmt von ihr inspiriert, da bin ich mir ganz sicher.
Bleiben Sie stets neugierig …und genussvoll durstig!



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