
Auch Kinder kommunizieren durch Tränen (Foto: Pixabay)
„Tränen reinigen das Herz“ schrieb einst Fjodor Dostojewski in „Die Brüder Karamasow“ und wollte damit den Sinn des Weinens beschreiben. Stark empfundene Emotionen können den Menschen zum Vergießen von Tränen bringen. Das emotional verursachte Weinen ist offensichtlich eine ganz typisch menschliche Fähigkeit, die es im Tierreich nicht gibt, obwohl das Organ dafür, die Tränendrüsen, bei sämtlichen Säugern vorhanden ist. Tränen werden, bei allen Spezies physiologisch benötigt, um die Hornhaut vor dem Austrocknen zu schützen und Fremdkörper aus dem Auge zu spülen. Wenn das normalerweise vorhandene Gleichgewicht von Produktion und Abtransport der Tränenflüssigkeit gestört ist, laufen die Augen gleichsam über. Ein Teil der Flüssigkeit kommt dabei auch in die Nasengänge und bewirkt das gleichzeitige „Schnupfen“ und „Schniefen“. Was aber ist der Sinn des emotional motivierten Weinens? Bis zum Beginn der Neuzeit glaubte man fest daran, dass die Tränen eine Gehirnflüssigkeit seien, die starke Gefühle nach Außen ableiten konnte und damit tatsächlich das Herz, als ein Synonym für die Seele, reinigten. Heute kennt man die Bildungsstätte und die Abflusswege der Augenflüssigkeit genau, aber wissenschaftlich immer noch nicht vollständig gelöste Punkte sind die psychologischen und sozialen Mechanismen, die zum Weinen führen.
In einer Gemeinschaftsarbeit haben sich Forscher der Universität Ulm und der University of Sussex in Brighton, Großbritannien, mit den Faktoren beschäftigt, die das emotional begründete Vergießen von Tränen auslösen können. Ihre Untersuchungen sind zu dem Schluss gekommen, dass Einsamkeit, Machtlosigkeit, Überforderung, Harmonie und Medienkonsum die wesentlichen Faktoren für den Antrieb zum emotionalen Weinen sind. Diese fünf seelischen Zustände kennt fast jeder Mensch und hat sie schon selbst erfahren, mit oder ohne die Konsequenz des Tränenflusses. Die größte Komplexität erscheint mir im Begriff „Harmonie“ zu liegen, denn dabei reagiert der Mensch vermutlich sehr emotional auf ästhetische Reize.
Beim Betrachten von Bildern, z. B. von Friedrich, Turner oder van Gogh, sind mir schon oft Tränen gekommen, es waren Tränen der Freude über meine aktive Teilhabe an der Situation des Künstlers. Beispielsweise bei Friedrichs Bild „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ konnte ich mich als Dritter dazugesellen und die vibrierende Mondnacht mit ihrem mystisch-rot-braunen Licht miterleben. Ich habe in Dresden davor gestanden, die tiefe Stille des Schauplatzes eingeatmet und mir kamen die Tränen. Ganz ähnliche Erlebnisse kann die Musik vermitteln. In gleichartiger Weise habe ich Mahlers „Lied von der Erde“ erlebt. Der letzte Satz mit dem Titel „der Abschied“ vermittelt Dunkelheit und Stille und die Echoräume der Musik erscheinen als melancholische Orte der tiefsten Sehnsucht. Und wieder kamen bei dieser Erkenntnis die Tränen. Derartige Erlebnisse sind von unzähligen Autoren beschrieben worden. Auch die Schönheit der Natur kann zu Tränen rühren. Ich habe einmal einen Moment am Ufer der Havel in Brandenburg erlebt, in dem der ruhige Fluss an einem Weidenbaum, gemächlich vorbeizog, zart gestreichelt von den tief ins Wasser herabhängenden Ästen. Entfernt saßen auf einem knorrigen Ast eines abgestorbenen Baumes zwei Seeadler. Man hörte leises Plätschern am Ufer und die anderen, beinahe stummen Geräusche der Natur. All dies gerann zu einem magischen Augenblick, als aus einem Gebüsch der zauberhafte Gesang einer Nachtigall ertönte. Auch in diesem Moment bekam ich feuchte Augen.
Sehr nah an der „Harmonie“ als Tränen auslösender Faktor ist der „Medienkonsum“. Gemäß den Ulmer Wissenschaftlern ist hier die große Besonderheit, dass der oder die Weinende nur stellvertretend Tränen vergießt. Eine Figur im Film oder in einem Buch kann so einen hohen Grad an Empathie beim Zuschauer oder Leser erzeugen, dass ihr Schicksal für Momente persönlich wird, und den jeweiligen Umständen entsprechend Freudentränen oder Tränen der Trauer auslöst. Aber auch die Tränen, die bei Siegerehrungen aller Art im Sport oder in der Kultur beim Zuschauer fließen, sind Stellvertretertränen.
Ein interessantes Phänomen ist die Altersabhängigkeit der Bereitschaft zum Weinen. Kleinkinder weinen häufig, vorwiegend bei physischem, etwas größere Kinder gelegentlich aber auch bei seelischem Schmerz. Demgegenüber liegt die im Alter zunehmende Disposition, Tränen zu vergießen, ganz sicher an der Lebenserfahrung. Man hat gelernt, dass alles, einschließlich der eigenen Person, vergänglich ist, was zur Erkenntnis führt, dass das Leben in einer unabwendbaren Tragödie endet. Emotionale Tränen sind vermutlich ein Kommunikationsmittel, um seinen Mitmenschen von der Melancholie und Traurigkeit, die einen befallen hat, zu erzählen. Selbst Tränen der Freude können Traurigkeit über die Begrenztheit und Schnelllebigkeit von allem Schönen ausdrücken. In unserer Kultur haben männliche Tränen leider noch immer eine erheblich geringere Akzeptanz als weibliche. Das hat zu einer Unterdrückung der männlichen Emotionalität geführt, mit all ihren sozialen Folgen. In Studien konnte belegt werden, dass Weinen von Frauen bei Männern die sexuelle Erregung blockieren kann und somit einen Abwehrmechanismus darstellt. Alles in allem bleibt das emotionale Weinen noch ein wenig erforschtes Mysterium der menschlichen Physiologie. Die poetische Analyse Franz Werfels ist immerhin ein Versuch: „Tränen, sie löschen den göttlichen Durst unserer Seele, und deshalb sind wir glücklich und satt, wenn wir geweint haben“
Bleiben Sie stets neugierig… und genussvoll durstig!

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