Der Fluch der Adipositas-Keule

Wichtig beim Abnehmen: Das Zentimetermaß (Bild: Pixabay)

In den letzten Wochen und Monaten verursachte ein Medikament immer wieder ein erhebliches Rauschen im Blätterwald, weil es angeblich eine todsichere Waffe gegen Übergewicht sei. Eine dänische Pharmafirma namens Novo Nordisk wurde durch diesen pharmazeutischen Wirkstoff (Semaglutid) gleichsam über Nacht zum wertvollsten Unternehmen Europas. Der ökonomische Durchbruch für Ozempic, so der Handelsname, kam 2022 mit der EU-weiten Zulassung von Semaglutid als Arzneimittel für Patienten mit schwerem Übergewicht. Eigentlich wurde dieser Wirkstoff erfolgreich zur Therapie der Volkskrankheit Diabetes vom Typ 2 entwickelt, aber der Effekt auf den Appetit und das Körpergewicht wurde schon bald erkannt und weiter erforscht. Das vorläufige Endergebnis war die erwähnte Zulassung und es dauerte tatsächlich nicht lange bis Ozempic, oder Wegovy, wie es für die Abnehm-Indikation vom Hersteller genannt wurde, zu einem regelrechten Lifestyle-Medikament wurde. Nachdem sich auch Hollywood-Stars dafür begeistert hatten, haben Millionen übergewichtige Nicht-Diabetiker versucht, ein Rezept zu bekommen.

Da die Krankenkassen geringe Adipositas nicht als Indikation für Ozempic anerkennen, müssen es die Abnehmwilligen selbst bezahlen (ca. 80-100 €/Monat). Soweit der Hintergrund des Medikaments.

Mir wurde Ozempic für die „richtige“ Indikation verschrieben und ich dachte, dass die Gewichtsreduktion ein willkommener Nebeneffekt sein könnte. Der Wirkstoff soll ja im entsprechenden Gehirnzentrum ein Sättigungsgefühl erzeugen und außerdem die Magenentleerung nach dem Essen verlangsamen, also die besten physiologischen Voraussetzungen meinen Appetit einzuschränken. Prima! Dachte ich, bis ich nach der ersten Dosis Übelkeit und richtigen Widerwillen gegen Nahrungsaufnahme spürte. Nach weiteren Dosen blieb die Appetitlosigkeit das vorherrschende Symptom und begann mir langsam Angst zu machen. War das wirklich wieder rückläufig, wenn ich das Medikament nicht mehr nahm? Ich begann die psychische Belastung, die mangelnde Freude am Essen verursachen kann, deutlich zu spüren. Bei einer Abendeinladung, ein Wochenende später, hatten sich die Gastgeber sehr große Mühe mit der Zubereitung der Speisen gegeben und ich saß vor dem Teller und hatte nicht die geringste Lust zu genießen. Plötzlich war mir klar, dass Essen und Trinken Akte sind, deren Verweigerung zu sozialer Isolation führen können. Konnte ich in Zukunft Einladungen zu gemeinsamen Mahlzeiten überhaupt noch annehmen, oder müsste ich zu Hause bleiben, um den Hausherren bzw. den Koch oder die Köchin, nicht zu frustrieren? Als ich nach einigen Wochen auch noch feststellen durfte, dass mein Gewicht tatsächlich um drei Kilogramm gesunken war, war ich sehr verunsichert und ich musste mir immer wieder sagen, dass dies ja so gewollt war! Ich weiß natürlich, dass Gewichtsverlust auch immer eine Begleiterscheinung einer schweren Erkrankung sein kann und wer sagte mir denn, dass eine solche nicht gerade in diesem Augenblick bei mir symptomatisch wurde? Diese Möglichkeit, die ich nicht ausschließen konnte, wurde zu einer weiteren Quelle von Besorgnis.

Neben den genannten Empfindungen kam die verlorene Lust an gastronomischen Freuden als besonders belastendes Element hinzu. Mein Hedonismus, den ich immer gegen alle Anfeindungen vehement verteidigt habe, hatte plötzlich keinen Boden mehr. Was soll ich in einem Sterne-Restaurant in einem Zustand der völligen Appetitlosigkeit? Daran kann ich überhaupt nicht denken, denn ein Käsebrot zu Hause wäre schließlich genauso gut. Nicht anders geht es mir mit meinem sinnlichen Genuss eines guten Weines, denn auch er ist ein Ozempic-Opfer. Wenn ich die Faktoren, die sich aus meinem medikamentösen Appetitverlust ergeben haben, zusammenfasse, kann ich nur von einer signifikanten Verminderung meiner Lebensqualität reden. Da bin ich wieder bei einem Grundprinzip der Pharmakologie, wie ich es im Studium gelernt hatte: keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Folglich muss ich für mich ganz persönlich abschätzen, ob die Einschränkung der Lebensqualität von dem medizinischen Nutzen einer Gewichtsreduktion aufgewogen wird. Diese Entscheidung ist für einen Genussmenschen beim Anblick guten Essens auf dem Teller und eines rubinrot funkelnden Weins im Glas außerordentlich schwer zu treffen und nicht massiv übergewichtige Genießer sowie Hedonisten sollten sich vermutlich vom Appetit-Killer Semaglutid fernhalten! Immerhin, einige Wochen nach dem Absetzen des Medikaments kam der Appetit wieder. Noch ein halbes Jahr später habe ich das Gefühl, dass sich mein Essverhalten nach dem Gewichtsverlust grundlegend geändert hat: Ich kann mich besser beherrschen, bei Leckereien nicht mehr übermäßig zuzulangen. Dadurch habe ich mein mühsam reduziertes Gewicht über viele Monate konstant halten können. Das ist ein großer therapeutischer Erfolg! Aber Vorsicht! Da Semaglutid  zur Gewichtsreduktion als Indikation bei gesunden Menschen noch relativ neu ist, fehlen bislang umfassende Studien zu sog. „Langzeitfolgen“. Diese können von Bedeutung werden, denn das Medikament muss vermutlich dauerhaft eingenommen werden, denn nach seinem Absetzten steigt das Gewicht in den meisten Fällen wieder schnell an, ein Phänomen welches die Fachleute den „Jo-Jo-Effekt“ nennen. Wie immer in der Medizin muss der verschreibende Arzt den Nutzen der Gewichtsreduktion gegen die Risiken offenbar  selten vorkommender, schwerwiegender Nebenwirkungen abwägen.

Bleiben Sie stets neugierig …und hoffentlich ohne Ozempic genussvoll durstig!

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