Für Vielfalt und Individualität: Massenselektion im Rebbau

Die Tempranillo-Traube: Grundlage für den "vino de cosechero"

geklonte Langweile?

Seit man weiß, dass spezifische biologische Eigenschaften einer Pflanze durch ihr Erbgut reguliert werden, hat man versucht durch Klonierung, d.h. der Herstellung gleichartiger und genetisch ähnlicher Nachkommen, die gewünschten, positiven Eigenschaften der jeweiligen Mutterpflanze im Rebgarten zu bewahren bzw. zu vermehren. Diese Züchtung von Klonen ist eine äußerst zeitaufwendige Angelegenheit und es können bis zu zwanzig Jahre vergehen um einen kleinen Rebgarten mit der neuen geklonten Sorte als Grundlage für ihre weitere Vermehrung zu schaffen. Bei der klonalen Selektion wird naturgemäß nur das genetische Material einer einzigen, sorgfältig ausgewählten, Pflanze vervielfältigt und es ist leicht verständlich, dass dadurch letztlich eine genetische Verarmung des gesamten Rebbestandes zustande kommt, d.h. der sog. Genotyp der Rebstöcke wird immer homogener. Dem Wunsch die Verschiedenartigkeit des Erbgutes zu bewahren dient die sog. Massenselektion.

Individualität durch Massenselektion klingt zunächst wie ein Widerspruch in sich. Der Begriff steht aber für das uralte Verfahren der ausschließlich ungeschlechtlichen Vermehrung von Rebstöcken innerhalb einer Rebanlage; es wird die gesamte “Masse” der genetischen Eigenschaften vermehrt. Die einfachste Form der Massenselektion wird seit Jahrhunderten auf den Reblaus-freien kanarischen Inseln als sog. „vegatative Vermehrung am Standort“ durchgeführt. Dabei werden Ruten einer Mutterpflanze in ihrer direkten Nachbarschaft in die Erde gepflanzt. Diese schlagen Wurzeln und der neu entstandene Stock ist dann mit dem Original völlig identisch. Die genetische Vielfalt der Stöcke eines bestehenden Rebgartens kann mit dieser Methode über sehr lange Zeit, ggf. über Jahrhunderte, erhalten bleiben. In den Weinbaugegenden überall in Kontinentaleuropa,  in denen die Reblaus ihr Unwesen treibt, müssen die vegetativ vermehrten Pflanzen auf entsprechend resistente Unterlagen (Wurzeln) gepfropft werden um überleben zu können. Natürlich kann man dabei ebenfalls ein Zuchtziel verfolgen indem man nur Rebstöcke mit besonderes gewünschten Eigenschaften auswählt, bzw. solche mit nicht erwünschten Merkmalen eliminiert.

Die Massenselektion ist heute wieder eine vielfach genutzte Methode für die Vervielfältigung von Rebgut. Angesichts der Übermacht der klonalen Selektion im vergangenen Jahrhundert ist das eine gute Entwicklung. Die ständige Suche nach dem optimalen Klon einer Rebsorte hat zweifelsohne ihre Meriten, z.B. die Schaffung virusfreier Klone und damit auch virusfreie Rebgärten, sogar erhöhte Resistenz der Stöcke gegenüber manchen Krankheiten kann man mit klonaler Selektion erreichen. Ein ganz wichtiges Ziel der Züchtung war immer schon die Ertragsteigerung ohne Qualitätsverlust des Lesegutes. Wie man heute feststellen kann, war aber die Kehrseite der Medaille eine zunehmende genetische Verarmung der Rebgärten und das äußert ich im schlimmsten Fall auch in einer gewissen geschmacklichen Eintönigkeit der produzierten Weine. Liebhaber von terroirbetonten Weinen müssen auch die genetische Vielfalt lieben und da schließt sich der Kreis: Massenselektion fördert die Individualität eines Rebgartens.

Ein deutlicher Hinweis für den Wunsch der Weinkonsumenten nach sinnlich wahrnehmbarer Vielfalt im Weinbau ist das Wiederaufleben des „gemischen Satzes“, eine früher fast immer anzutreffende Art der Weinbereitung. Da Österreich die Bezeichnung „gemischter Satz“ für Weine aus der Region Wien europaweit beansprucht, reden wir im Folgenden lieber vom „Mischsatz“. Erst als mit der Reblausplage die Wissenschaft erstmalig begann sich ernsthaft mit der „Önologie“ als akademische Fachrichtung zu beschäftigen wurde der reinsortige Anbau von Reben zu einem der Mantras der Hochschulen für Weinbau und ist es bis in die jüngste Zeit geblieben. Dies hat dazu geführt, dass sich die Vorlieben manch amerikanischen Weinfreunds am „ABC“ (Anything But Cabernet/Chardonnay) orientieren. Diese Aussage ist symptomatisch für die Weine, die mittels klonaler Selektion zu einer Hochform emporgezüchtet wurden, aber: die Geschmacksmonotonie beginnt den Genießer zu langweilen! Gott sei Dank gibt es in der Pflanzenbiologie noch die sog. “Spontanmutationen”, das sind Veränderungen des Erbgutes ohne erkennbare äußere Einwirkungen und daraus resultieren gelegentlich auch neue Eigenschaften des Rebgutes, die den Weingenießer überraschen und begeistern können.

Entsprechend der Sortenvielfalt im Mischsatz, gibt es jede Menge Heterogenität im Lesegut. Die einen Trauben reifen früh, sind also am Lesezeitpunkt vielleicht schon überreif,  die anderen reifen spät, entsprechend ist der Säuregehalt im Lesegut unterschiedlich und genauso verhält es sich mit der Aromatik der Trauben, die zwischen reifen Früchten und grünen Noten schwanken kann. Ein richtiger Mischsatz kann eine phantasieanregende Vielschichtigkeit am Gaumen und in der Nase entwickeln und damit neue Dimensionen der sinnlichen Erfahrung beim Weintrinken erschließen. Um bei den bestehenden, mehr oder weniger ausschließlich sortenspezifischen Rebgärten auch wieder eine gewisse sensorische Komplexität zu erhalten, sollte man alles daran setzen die genetische Vielfalt der Reben zu erhalten bzw. wiederherzustellen und sich bei deren Züchtung auch der Massenselektion zu bedienen. Historische Rebsorten können in diesem Zusammenhang ebenfalls wieder sehr interessant werden,

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