
Grabstein für Hans Rott in Wien (Foto: Wikipedia)
Die Musikgeschichte ist immer wieder für Überraschungen gut. Per Zufall erfuhr ich eines Tages von einem Musiker namens Hans Rott, der eine gewisse Bedeutung für das Werk Gustav Mahlers gehabt haben soll. Später habe ich dann eine Aussage Mahlers über seinen längst verstorbenen Komponisten-Kollegen gelesen: (zitiert nach Thomas Leibnitz, 2000): „Was die Musik an ihm verloren hat, ist gar nicht zu ermessen: zu solchem Fluge erhebt sich sein Genius schon in dieser Ersten Symphonie, die er als zwanzigjähriger Jüngling schrieb und die ihn – es ist nicht zu viel gesagt – zum Begründer der neuen Symphonie macht, wie ich sie verstehe. Allerdings ist das, was er wollte, noch nicht ganz erreicht. Es ist, wie wenn einer zu weitestem Wurfe ausholt und, noch ungeschickt, nicht9 völlig ans Ziel hintrifft. Doch ich weiß, wohin er zielt. Ja, er ist meinem Eigensten so verwandt, dass er und ich mir wie zwei Früchte von demselben Baum erscheinen, die derselbe Boden gezeugt, die gleiche Luft genährt hat. An ihm hätte ich unendlich viel haben können und vielleicht hätten wir zwei zusammen den Inhalt dieser neuen Zeit, die für die Musik anbrach, einigermaßen erschöpft.“
Hans Rott wurde 1858 in Wien geboren. Seine Eltern waren beide Schauspieler und Sänger. In den Jahren zwischen 1874 und 1878 studierte er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in seiner Heimatstadt. Dort wurde Anton Bruckner sein Mentor und der junge Mahler, der ebenfalls studierte, war sein Freund. Nach seinem Studium lebte Rott von Privatunterricht und der finanziellen Unterstützung durch seinen Freundeskreis. In diesen Jahren komponierte er auch seine erste Symphonie in E-Dur, die er voller Stolz dem damals auch in Wien lebenden Johannes Brahms zeigte und die dieser vehement ablehnte.
Jedem, der die große E-Dur Symphonie Hans Rotts zum ersten Mal hört, wird sofort klar, dass in der Person des Komponisten wieder einmal die Vorstellung des Aristoteles von Genie und Wahnsinn verwirklicht ist. Die Wiener Philharmoniker zeigten zunächst durchaus Interesse an einer Aufführung der Symphonie, haben aber die Realisierung des Projektes nie aufgegriffen. Während seiner psychotischen Zustände vernichtete Rott viele seiner Werke und diejenigen, die seine Zerstörungswut überlebten, blieben entweder verschollen, unaufgeführt oder absichtlich unterdrückt. War es etwa Gustav Mahler selbst, der so lobende Worte für Rotts Musik gefunden hatte, der letztlich aber nicht wollte, dass er als Epigone Rotts dargestellt werden könnte? Immerhin wurde Mahler nach Rotts Tod zum mächtigen, ersten Kapellmeisters und Direktor der Hofoper in Wien berufen und musste auf seinen künstlerischen Ruf achten! Es sollte über 100 Jahre dauern, bis ein britischer Mahler-Forscher in den 1990er-Jahren bei seinen Nachforschungen zum Freundeskreis Mahlers auf die E-Dur Symphonie von Hans Rott stieß. Dies glich einer musikalischen Sensation, die im Laufe der Jahre zu mehreren CD-Aufnahmen dieses kapitalen Musikstückes führte, anhand derer wir heute in unseren vier Wänden, die eingangs zitierte Äußerung Gustav Mahlers nachvollziehen können.
Bereits beim ersten Zuhören sind mir die vielen Parallelen von Rott und Mahler aufgefallen: Die überwältigend große Orchesterbesetzung mit sehr präsenten Bläsern und den überbordenden Streicherpartien, dazu betontes Schlagzeug. Auch die Spielzeit des Werkes hat Mahler-Dimensionen: Es dauert beinahe eine Stunde. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass Rott dieses Werk bereits acht Jahre vor Mahlers erster Symphonie vollendet hat, wird klar, dass er hier ein riesiges Fenster in die Zukunft der symphonischen Musik aufgemacht hat. Bereits der Beginn des ersten Satzes reißt den Zuhörer mit einem wundervollen Trompetensolo in den Bann. Im Hintergrund oszillieren die Streichinstrumente und alles zusammen schafft eine magische Atmosphäre. Aus dieser Stimmung baut sich langsam und vulkanartig ein Fortissimo des vollen Orchesters auf. Ähnlich starke emotionale Gefühlsaufwallungen finden wir in dem gesamten Werk. Dieser Satz endet dann auch tatsächlich mit einem instrumentalen, glitzernden Sieg über die Tristesse. Die findet man dann im zweiten Satz, der von der Lyrik zarter Melancholie durchzogen ist. Der dritte Satz ist „Scherzo“ betitelt und zeigt die Nähe zu Gustav Mahler eklatant auf. Wie sein Nachfolger im Geiste bedient sich Rott hier der Rhythmen von mit Blasinstrumenten umrankten Volkstänzen mit teilweise ekstatischem Charakter. Schließlich gerät das Finale zu einer wahren Synthese der vorangegangenen Sätze. Hier durchstreift der Komponist offenbar seine gesamte Gefühlswelt und weist dabei mit expressionistischen, teils sogar atonal anmutenden, Klängen in die Richtung der sog. Zweiten Wiener Schule (Schönberg, Berg, Webern). Am Ende des Satzes erleben wir den minutenlangen Aufbau eines regelrechten Ton-Rausches. Die Spannung wird beinahe schmerzhaft, bis sie sich endlich löst!
Selten wurde ich durch Lautsprecher-Musik so überwältigt, wie bei dieser Aufnahme von Hans Rotts E-Dur Symphonie, gespielt vom Salzburger Mozarteumorchester unter Constantin Trinks. Warum dieser Komponist und seine erste Symphonie so unberechtigt in Vergessenheit geraten ist, bleibt ein Rätsel der Musikgeschichte und ich hoffe, dass er eines Tages den Platz in unseren Konzertsälen finden wird, der ihm gebührt. Es gibt noch etliche Werke von ihm, die der Erst-Aufführung harren!
Bleiben Sie stets neugierig!

Leave a Reply