Schlechte Luft

Vom Wind bewegt: Wolken

Das Umweltbundesamt, Deutschlands zentrale Umweltbehörde mit Sitz in Dessau, beantwortet auf ihrer Website die Frage „Wie lüfte ich richtig?“ mit deutscher Gründlichkeit und ultimativer Kompetenz. Dabei geht es um nichts anderes als „Fenster auf oder Fenster zu“ zur Vermeidung von „dicker Luft“ im Raum, d.h. die Anreicherung verschiedenster Schadstoffe in der Luft sowohl durch Ausdünstungen von Möbeln und Textilien als auch im Zusammenhang mit menschlichen Aktivitäten.

Die Angst vor schlechter, krankmachender Luft geht zurück bis in das Altertum. Der Ursprung des berüchtigten „Sumpffiebers“ wurde schon von Hippokrates als ein durch die Luft von Sumpfgebieten verursachtes Leiden vermutet. Die Luft über den Pontinischen Sümpfen, jenen alten und berühmten Sümpfen vor den Toren ihrer Hauptstadt, wurde von den Römern verantwortlich für das Ungleichgewicht der Körpersäfte und damit für die fieberhafte Erkrankung, gemacht (Humoralpathologie). Nach jahrhundertelangen, vergeblichen  Versuchen gelang die Trockenlegung des Sumpfgebietes erst im 20. Jahrhundert und damit auch die völlige Auslöschung des Sumpffiebers. Wegen der Theorie der schlechten Luft über den Sümpfen bekam die Krankheit im 18. Jahrhundert den Namen „Malaria“, ein Begriff der sich vom Italienischen  „mala“ (schlecht) und „aria“ (Luft) ableitet. Erst 1880 wurde entdeckt, dass die Krankheitsursache nicht die Luft, sondern die darin gedeihende Fliege namens „Anopheles“ war, die den Parasiten und Krankheitserreger „Plasmodium falciparum“ trug.

In der Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ aus dem Jahr 1879 lesen wir in einem Beitrag von Julius Stinde (1841 – 1905): „im Gegensatz zu den Ansteckungsstoffen, welche ein erkrankter Organismus erzeugt, hat man die dem Erdboden entsteigenden Luftgifte mit dem Namen der Miasmen belegt, und eine Reihe hervorragender Forscher ist bemüht, das eigenartige Wesen derselben zu ergründen.“ Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wusste man nichts von Bakterien und Viren. Seuchen wie die Pest, die Cholera oder die Malaria wurden von üblen Gerüchen, den sog. Miasmen, übertragen. Ob der besagte Gartenlaubenautor die Wissenschaftler Louis Pasteur (1812 – 1895) oder Robert Koch (1843 – 1910) meinte, wenn er von „hervorragenden Forschern“ sprach, ist nicht bekannt, aber genau diese entschlüsselten das Rätsel der Miasmen in dem sie Mikroorganismen als die Krankheitserreger beschrieben. Immerhin hatte das Miasma-Modell schon einen gewissen modernen Anstrich, indem es nämlich die Verbreitungswege der Seuchen bereits einigermaßen richtig erkannte. Noch vor dem Durchbruch der Infektiologie hatte der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755 – 1843), den alten Inhalt der Miasmen verändert. Er verstand darunter das „Urübel“,  das sog. „Miasma der Psora“, das am Anfang chronischer Krankheiten steht und Ausgang für die krankheitsbedingte, körperliche Disharmonie ist. Daraus ist dann mit der „Miasmalehre“ ein komplexes Gedankengebäude entstanden, mit seinen therapeutischen Konsequenzen, die sich weit entfernt von der heutigen Schulmedizin bewegen.

Warum dieser historische Rückblick? Weil er sehr deutlich macht, welche ideelle Bedeutung der Luft im Alltag zukam und sicher weiterhin kommt. Der Ausdruck „Es liegt etwas in der Luft“ erzeugt immer noch eine Erwartungshaltung und besagt, dass die Luft nicht nur Krankheiten sondern auch geistige oder emotionale Botschaften übertragen kann. Andererseits bedeutet “Aus der Luft gegriffen“ eine fiktive, frei erfundene Mitteilung. Das Gasgemisch unserer Erdatmosphäre namens Luft hat auch eine spirituelle Bedeutung, insbesondere dann, wenn sie sich bewegt und zu Wind wird. Dann steht sie für Veränderung und Neubeginn. „Ein frischer Wind“ drückt dies deutlich aus. Wind bewegt immer, ob dies die Windräder sind oder die über den Himmel ziehenden Wolken und die Segelboote auf dem Wasser. Wenn wir uns von „dicker Luft“ befreien oder unbedingt eine Aussage machen wollen, sagen wir auch häufig, dass „wir uns Luft verschaffen“ müssen. Ich könnte mich noch seitenlang über die Metaphorik der Luft auslassen, möchte dies aber gerne meiner digitalen Konkurrenz, der Künstlichen Intelligenz in Form des sog. ChatGPT, überlassen, die kann das ohne großen Aufwand und sicher erheblich erschöpfender als ich.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Luft die Grundlage unseres Lebens ist. Wir benötigen sie zum Atmen um unserem Blut Sauerstoff zuzuführen und das Abbauprodukt Kohlenstoffdioxyd (CO2) loszuwerden. Die Physiotherapie kann uns bestimmte Atemtechniken beibringen, um dadurch individuelle Bewusstseinsebenen, bis hin zu meditativen Zuständen, zu erreichen. Die Luft ist aber auch als Grundlage jeden sozialen Gefüges unerlässlich, denn sie die Voraussetzung akustischer Verständigung. Ohne Sprache wären wir nicht in der Lage eine funktionierende Gesellschaft zu bilden. Sprache entsteht durch Luftschwingungen im Kehlkopf , die wiederum durch die Luft der Umgebung bis zum Empfänger weitergetragen werden. Mit der Sprache verständigen wir uns mit den Anderen, teilen wir unsere Bedürfnisse mit und trainieren unseren Geist. Für die zwischenmenschliche Kommunikation ist die Luft auch als Träger von Düften bzw. Gerüchen und Pheromonen von ausschlaggebender Bedeutung.

Vergessen wir nicht, dass seit der Antike, die von Platon (428 – 347 v. Chr.) und Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) entwickelte „Vier-Elemente-Lehre“ die Medizin und das Geistesleben von Jahrhunderten in Europa beherrscht hat. Die Elemente waren neben der Luft, die Erde, das Wasser und das Feuer. Vielleicht täte es uns heute gut, sich wieder etwas näher mit den spirituellen Aspekten der Vier-Elemente-Lehre zu beschäftigen und die Luft böte da eigentlich einen hervorragenden Einstieg.

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