Denken und Sprache

Meine Ausgabe der Tagebücher von Victor Klemperer  (Aufbau Taschenbuch Verlag)

Anlässlich der erneuten Lektüre von Victor Klemperers bewegenden Tagebüchern mit dem Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ (Tagebücher 1933–1945 – Band I–VIII, Berlin 1995), die ja in gewisser Weise eine partielle Autobiografie darstellen, habe ich mir ein paar Gedanken zu diesem Literaturgenre gemacht. Es scheint symptomatisch für Menschen in fortgeschrittenem Alter zu sein über ihr vergangenes Leben nachdenken zu wollen und dies dann als Lebensrückblick auch anderen schriftlich zugänglich zu machen. Ich nehme an, dass dahinter eine Art von Narzissmus steckt, der zum Ausdruck bringen will „seht her, trotz meiner physischen Schwäche bin ich doch ein Mordskerl!“. Diese Schlussfolgerung wäre eine bewusste, aber trotzdem unzulässige Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart. Eine etwas weniger vordergründige Erklärung für den Wunsch Erinnerungen aufzuschreiben ist die Suche nach der persönlichen Identität durch die Dokumentation des eigenen Schicksals in der vergangenen Zeit. Ein weiteres Motiv zu schreiben ist selbstverständlich die berühmte Sinnfrage, die nicht nur von Profi-Philosophen, sondern auch von unzähligen Menschen rund um den Erdball gestellt wird und beantwortet werden will. Ich bin der Überzeugung, dass es schwierig – wenn nicht unmöglich – ist, eine substantielle Aussage zur Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz zu machen – trotzdem geht die Suche nach erklärenden Worten unvermindert weiter! Jeder wird den Sinn seines Lebensweges und insbesondere die dazu gehörenden spirituellen Werte für sich selbst definieren und schauen müssen, ob er in einer bestimmten Situation den eigenen Maßstäben gerecht geworden ist. Dabei ist zu bedenken, dass Erkenntnis und Selbstverwirklichung sicher die häufigsten Lebensziele kritischer Menschen sein werden, denn sie können tatsächlich Glück bedeuten. Dazu kommen noch Aspekte der „Selbstoptimierung“ als Lebenssinngebung.

In der Zeit meines intellektuellen Erwachens hat mich mein eigener Dualismus von „rechnendem“ und „besinnlichem“ Denken viel beschäftigt, zwei Begriffe, die wohl ursprünglich auf Martin Heidegger (1889 – 1976) zurückgehen. Aus heutiger Sicht betraf das rechnende Denken in meinen jungen Jahren die utilitaristische Betrachtungsweise des bestehenden und zukünftigen Lebensweges. Was bringt mir ganz persönlich diese oder jene Handlungsweise? Sind es vergeudetes Geld und verlorene Zeit, wenn ich so oder anders handele? Es war immer wieder mein Vater, der mich dazu aufmunterte, eine vorausschauende Bilanz meines Tuns zu erstellen, und mir imponierte damals die Logik hinter diesem Vorgehen. Wenn ich ganz spontan etwas wollte und dazu die Hilfe meiner Eltern benötigte, war es der Vater, der mich immer wieder zurück auf den Boden der scheinbaren Realität holte. Als ich, noch als Gymnasiast, eine Kurzreise nach Hamburg wegen eines mich brennend interessierenden Konzerts aus den logischen Gründen, die mir mein Vater vorsagte, schließlich nicht antrat, begann ich erstmals an der Richtigkeit des rechnenden Denkens zu zweifeln. Warum gab es plötzlich für Emotionen und von ihnen ausgelöste Handlungsimpulse keine Nutzenberechnung mehr? Die Besinnung auf die Bedeutung des Seins und seines Handelns liegt offensichtlich in der Psyche des Menschen fest verankert. Wir suchen nach Erkenntnis über die Mysterien, die Rätsel und manchmal auch die Wunder der belebten und unbelebten Natur. Hier setzt das besinnliche Denken an und dies ist erheblich komplexer, weil es sich in Bereichen abspielt, die keinen Platz im Lehrplan von Schulen und Universitäten haben. Eine der Lebensaufgaben denkender Menschen ist das rechnende und das besinnliche Denken zu einer Symbiose zu führen.

Trotzdem glaube ich, dass das rechnende Denken als Relikt meiner persönlichen Erziehung, und später meines erwachten Forschergeistes, die Dominanz in meinem Leben gewonnen und behalten hat. Dabei liegt, nach meiner heutigen Überzeugung, nur im besinnlichen Denken die echte Wurzel aller Erkenntnisse. Hat nicht Heidegger bei der Charakterisierung des besinnlichen Denkens selbst von einer erforderlichen „Offenheit für das Geheimnis“ gesprochen? In unserer „vernünftigen“ Welt gibt es immer weniger Platz für Geheimnisse, und an Orten wo sie vielleicht noch existieren, werden sie vielfach als „alternative Fakten“ abgekanzelt. Mein romantischer Geist sucht unbeirrt nach Besinnung, er möchte die Basis seines eigenen Seins ergründen und darf dabei keine Angst vor den komplexen Dimensionen des Denkens haben. Dazu benötigt er aber Stille und Ruhe sowie die innere Bereitschaft sich den Geheimnissen zu öffnen. Ich kann mir vorstellen, dass im beginnenden Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) dem besinnlichen Denken eine ganz fundamentale Rolle für das Individuum zukommen wird, denn der andere, der rechnende Teil des Denkens wird von der KI letztendlich bedeutend besser verwirklicht werden als vom Menschen. Victor Klemperer hielt in seinen Tagbüchern am 28. Januar 1943 fest: „Sprache enthält das gesamte Geistige. Und das gesamte Geistige ist von der Sprache nicht zu trennen. Logos ist das Wort, und Logos ist das Denken, und das Denken ist gewollte Tat. Bei Gott ist Sprechen, Denken, Tun eins. Im Anfang war das Wort.“ Wenn ich den Begriff  „Gott“ durch „spirituelle Kraft“ ersetze, die niemals von KI erfasst, oder gar ersetzt werden kann, muss ich dieser Behauptung in vollem Umfang beipflichten. Die Sprache ist das Kommunikationsmedium für rechnendes und besinnliches Denken gleichermaßen.

Bleiben Sie stets neugierig!

 

 

 

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