Arkadien – das (für immer?) verlorene Paradies

Die Amalienburg (Foto: bjs-1 bei Wikipedia)

In der Landschaft Arkadiens gibt es zeitlose Ruhe, die von goldenem Licht durchstrahlt und von Hirten mit ihren Schafen bewohnt wird.  In dieser beschaulichen Idylle herrscht Frieden – wir befinden uns offensichtlich in einem Vorraum des Paradieses. Seit der Antike nennt sich ein bergiger Landstrich in der Mitte des Peloponnes „Arkadien“. Auf seinem kargen und spärlich bewachsenen Boden lebten vorwiegend Schafhirten, die wegen der geografischen Abgeschlossenheit ihrer Region lange von äußeren Einflüssen verschont geblieben sind. Die griechische Mythologie machte aus diesem isolierten Land jenes harmonische Gefilde mit seiner unberührten Natur, welches in der europäischen Kunst und Literatur bis heute als Sehnsuchtsort für ein unbeschwertes Leben ohne soziale Zwänge fortlebt. Der Gott Pan herrschte hier mit seiner Flöte über Nymphen, Hirten, die Tiere und die verschiedenen Naturgeister der Wildnis. Das mythische Land galt als verlorenes Paradies und wurde zu einem kulturellen Symbol für glückliches Leben. Es ist bis heute verknüpft mit dem Werk des antiken Dichters Theiokritos (ca. 270 v. Chr.), der aus dem arkadischen Geist die bukolische Poesie erschaffen hatte. Die altgriechische Bukolik (Hirtendichtung) wurde zu einer künstlerischen, und insbesondere literarischen, Gattung im 18. und 19. Jahrhundert in ganz Europa. Auch die Architektur der Königs- und Fürstenhäuser wurde durch diese geistige Strömung stark beeinflusst. Die Herrschenden wollten sich ihr persönliches Arkadien mit dem Bau von Jagd- und Lustschlössern verwirklichen. Das Münchener Schlösschen Amalienburg wurde vom Architekten François de Cuvilliés (1695 – 1768) für den bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht (1726 – 1745)  im Park von Nymphenburg erbaut und ist ein außerordentlich reizvoller Prototyp seiner Art.

In der späteren Epoche der Empfindsamkeit (ca. 1740–1790) ist die Bukolik ein wichtiges Mittel für die Darstellung einer idealisierten und stark gefühlsbetonten Natur. Während sie in früheren Epochen eher das Sinnbild einer starren Hofkultur war, wird sie nun psychologisiert und der bürgerlichen Werteskala angepasst. Die bukolische Idylle wird zu einem Rückzugsort für emotionale Schwärmerei, etwa im Sinne Johann Wolfgang von Goethes (1749 – 1832) „Leiden des jungen Werther“. Die Natur hat jetzt nicht nur einen ästhetischen Wert, sondern wird gleichsam zum Spiegel der menschlichen Seele. Der Druck der politischen, sozialen und ethischen Anforderungen durch die Aristokratie und die Kirche wird, besonders vom sog. Bildungsbürgertum, tief empfunden und schafft sich Luft durch den Aufbau einer Gegenwelt, die später in die Romantik führen wird. Der leider viel zu wenig bekannte Schweizer Dichter, Maler und Publizist Salomon Gessner (1730 – 1788) hat den „Sturm und Drang“ eines Weinfreundes so festgehalten:

O Bruder welch Entzücken,
Schafft mir mein guter Wein!
Bey eines Mädgens Blicken,
Da soll man froher seyn?
Freund glaub, ein jeder Tropfe Wein,
Stürzt neue Lust in mich hinein.
In diesen Zeilen spüre ich irgendwie die Welt der Hirtenidylle und des einfachen Glücks, wie sie in der Epoche der Empfindsamkeit zelebriert wurde. In der kindlichen Schlichtheit des Textes erkenne ich auch die Sehnsucht des Dichters nach der verlorenen Einfachheit, so zu sagen, die Abkehr von der Ästhetik Cuvillés in der Amalienburg! Dass sich auch im fantastischen Arkadien das Schicksal der Menschen erfüllen würde, lassen die zahlreichen Gemälde erkennen, deren Thematik der Ausspruch „Et in Arcadia ego“, der so viel wie „Ich [der Tod] bin auch in Arkadien“, bedeutet. Selbst in der idealen Welt gib es also kein Entrinnen: Grabsteine und Ruinen in der Landschaft erinnern uns daran. Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung wurde Arkadien zum Ziel der Flucht aus dem Leben der Städte und der zerstörten Natur. Goethe hat Arkadien kurzerhand in das näher gelegene Italien verlegt und damit die Italien-Sehnsucht der Deutschen begründet, die dann auch ein Schwerpunkt der „klassischen Bildung“, also auch meiner, wurde.

Ich glaube, dass sich jeder Mensch, unabhängig von seinem Alter, sein eigenes Arkadien erschaffen kann. Für die einen ist es vielleicht die Reeperbahn nachts um halb eins, für andere das Festspielhaus in Bayreuth mit der Aufführung von „Tristan und Isolde“ und für wieder andere die Lüneburger Heide mit dem blühenden Heidekraut. Für mich ist es die abgeschiedene Bergkette „La Contraviesa“, die im Norden von Andalusiens Sierra Nevada und im Süden vom Mittelmeer begrenzt wird.  Dort haben wir uns ein Haus gebaut und Jahrzehnte lang jeden Sommer verbracht und langsam wurde eine tiefe Liebe zu diesem Ort geboren. Ich weiß, dass nichts auf dieser Welt mich mehr von dem geliebten Land trennen könnte. Es ist mir ein Stück Heimat geworden, vielleicht meine einzig wirkliche. Nicht der Ersatz für eine sentimentale Sehnsucht nach dem gemütlichen Land der Kindheit, sondern die Freude an der langsam eroberten Beziehung zu der kargen Erde und ihren Rebstöcken hat mich begeistert. In den warmen Sommernächten sitze ich auf der Terrasse und blicke stundenlang in den Sternenhimmel und erkenne, wie groß die Schöpfung und wie klein die eigene Person dagegen ist. An diesem Ort habe ich gelernt, nachzudenken. Hier liegt mein verlorenes Paradies namens Arkadien.

Bleiben Sie stets neugierig… und genussvoll durstig!

 

 

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