
Anna Maria von Berchthold zu Sonnenburg geb. Mozart
Hinter dem eindrucksvollen Namen der Reichsfreiin (Baronin) von Berchthold zu Sonnenburg steckt eine mindestens so beeindruckende Musikerin, nämlich die Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart, das berühmte „Nannerl“. Die populäre Erzählung vom adretten, kleinen Mädchen, welches die ersten Kompositionen ihres jüngeren Bruders in den europäischen Fürstenhäusern zum Besten gab, übersieht die Komplexität und Bedeutung ihrer Biografie. Maria Anna Mozart (1751 – 1829) wurde im gleichen Haus wie Wolfgang auf der Salzburger Getreidegasse, geboren und wurde, genau wie ihr Bruder, schon im Kindesalter vom autoritären, aber didaktisch versierten Vater Leopold im Klavierspiel unterrichtet. Leopold Mozart (1719 – 1787), selbst ein hervorragender Pianist, hatte mit seinem guten musikalischen Gespür frühzeitig erkannt, dass seine beiden Kinder außerordentlich begabt waren. In den Tagen des ausgehenden 18. Jahrhunderts war die Erziehung der Frau allerdings ausschließlich auf ihre Rolle als zukünftige Ehefrau ausgerichtet und professionelle Musikerinnen gab es nicht. Trotzdem muss man zur Kenntnis nehmen, dass die jugendliche Maria Anna Mozart, dank ihrer Virtuosität auf dem Piano, eine der ersten kosmopolitischen Star-Instrumentalisten ihrer Zeit war. Zusammen mit ihrem Bruder und Vater bezauberte sie auf ihren gemeinsamen Reisen die Musikwelt in ganz Europa.
Am 9. Juni 1763 traten Vater Mozart mit seinen zwei Kindern die große Westeuropa-Reise an, die dreieinhalb Jahre dauern sollte. Für Maria Anna war es eine Bildungsreise, auf der sie die damaligen Zentren der Kultur und ihre Sehenswürdigkeiten kennengelernt hat. Damals fing sie auch an, Reisenotizen zu Papier zu bringen, dank derer wir heute ihre Eindrücke gut nachvollziehen können. Die Mozarts machten auch in Mannheim Station, wo sie in Kontakt mit der sog. Mannheimer Schule kamen. So wurden die musikalischen Arbeiten des Hofmusikerkreises genannt, der sich während der Regierungszeit des Kurfürsten Karl Theodor in Mannheim gebildet hatte und großen Einfluss auf das spätere kompositorische Schaffen von Maria Annas Bruder hatte. Gesellschaftlicher Höhepunkt der Reise war sicher das große Essen, der sog. „Grand Couvert“ bei König Ludwig XV. in Paris. Während der nächsten Etappe in England wurde der Vater in London schwer krank und Wolfgang komponierte seine erste Symphonie. Anna Maria war ihm dabei behilflich, indem sie die Noten abschrieb und vermutlich auch Ratschläge für die Instrumentierung gab.
Als der junge Wolfgang seinen Eltern mitteilte, dass er Constanze Weber heiraten wolle, war der Vater außer sich, seine Ablehnung der Familie Weber, den künftigen Schwiegereltern des Sohnes, war vermutlich Eifersucht auf den musikalischen Wettbewerber und die sensible Tochter muss dies hautnah mitbekommen haben. Maria Anna liebte und vergötterte ihren Bruder. Deswegen konnte sie auch Constanze voll akzeptieren, als ihr Bruder sie ehelichte. Sie hat über die Jahre immer persönlichen oder brieflichen Kontakt mit ihrer Schwägerin gehalten. Ihr großer Verdienst für die Nachwelt war, dass sie sehr viele Briefe und Dokumente ihres Bruders besaß, die sie Constanzes neuem Ehemann Georg Nikolaus Nissen (1761 -1826) für seine Mozart-Biografie überließ. Gegen eine Verbindung mit ihrer große Liebe Franz Armand d’Ippold, einem k. und k.-Hauptmann, erhob der Vater Einspruch und so heiratete sie auf väterlichen Rat im Jahr 1784 den Beamten des Salzburger Hofes und Witwer Baron von Berchtold. Dieser hatte eine Lebensstellung als „Kirchen-Pfleger“ bei der Gemeinde St. Gilgen und konnte daher seiner Ehefrau und ihren Kindern materielle Sicherheit, auch über seinen Tod hinaus, bieten. Interessant ist die Korrespondenz von Maria Anna mit ihrem Bruder, die in den Jahren um 1770 -1777 besonders intensiv war. Die Anrede in Wolfgangs Briefen an Maria Anna war meist „Cara sorella mia“ und das Spektrum der Inhalte reichte von Berichten über den jeweiligen Alltag bis hin zu musikalischen Angelegenheiten. Wie in Mozarts anderen Briefen, insbesondere den berühmten „Bäsle-Briefen“, finden sich auch in der Kommunikation mit der Schwester humorvolle und manchmal derbe Ausdrücke und Wortspiele. Die tiefe gegenseitige Liebe und Anerkennung ist in allen Briefen spürbar.
Am 29. November 1766 kamen die Mozarts nach ihrer großen Europa-Tournee wieder in Salzburg an. Die Zeit, in der Maria Anna im Rampenlicht der Musikwelt stand, war vorbei und die Rückkehr ins bürgerliche Milieu mit all seinen sozialen Zwängen, denen insbesondere Frauen ausgesetzt waren, war das Gebot der Stunde. Aus Anna Maria wurde wieder das „Nannerl“, dessen musikalische Begabung zwar noch publikumswirksam vorgeführt wurde und die als Klavierlehrerin tätig sein durfte, aber in der öffentlichen Wahrnehmung geriet sie mehr und mehr in den Schatten von Wolfgang. Mit ihm unternahm sie noch einige kleinere Reisen, so z.B. 1773 nach München zur Premiere seiner Oper „La finta gardiniera“. Sie lebte bis 1829 und starb im Alter von 78 Jahren in Salzburg. Ihr Grab befindet sich in einer Gruft auf dem dortigen Petersfriedhof.
Als große Musikerin, die sie ohne Zweifel war, teilte sie das Schicksal als Frau in der zweiten Reihe einer Musikerfamilie zu stehen, mit der ein Jahrhundert später lebenden Fanny Hensel, der Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys. Ich glaube, dass die Bedeutung der Frauen im Umfeld der großen Musiker näher durchleuchtet und gewürdigt werden sollte, um ihnen einen gebührenden Platz in der Musikgeschichte einzuräumen.
Bleiben Sie stets neugierig… und genussvoll durstig!



Leave a Reply