Romantische Malerei in Leipzig

Caspar David Friedrich: Friedhof im Schnee Museum der Bildenden Künste, Leipzig

Den drei Berliner Architekten Karl Hufnagel, Peter Pütz und Michael Rafaelian gebührt der Ruhm eines der imposantesten und aufregendsten – und natürlich auch meist kritisierten – Museen in unserem Land gebaut zu haben, das Museum der Bildenden Künste in Leipzig. Dort befindet sich im zweiten Stockwerk eine kleine, aber dennoch repräsentative Abteilung von Malerei der deutschen Romantik. Diese Bilder ziehen mich magisch an und eine Fahrt nach Leipzig beinhaltet daher immer eine Fahrstuhlfahrt in den 2. Stock des MdbK auf der Katharinenstraße 10. Neben Gemälden von Carus, Richter, Boecklin, Spitzweg und vielen anderen, faszinieren mich ganz besonders zwei Ölgemälde ungefähr gleichen, kleinen Formats. Beide sind von Caspar David Friedrich (1774 – 1840) und betitelt „Friedhof im Schnee“ sowie „Seestück bei Mondschein“. Obwohl es sich um zwei völlig unterschiedliche Sujets handelt liegen beide Bilder inhaltlich sehr nahe beieinander. Beide stammen aus der gleichen Schaffensperiode zwischen den Jahren 1825 und 1927.

Der Friedhof im Schnee mit seinen alten, verwitterten und schon beinahe umgefallenen Holz- bzw. Schmiedeeisen-Grabmälern, dem Schnee, der winterlich, entblätterten, Baumverästelung und dem grauen, strukturlosen Himmel im Hintergrund, vermittelt dem Betrachter eine trostlose Kühle und Todesnähe. Außer Schwarz, Grau, Braun und Weiß gibt es keine Farbe. Im Vordergrund sieht man ein ausgehobenes Grab, in dem noch die Schaufeln der Totengräber wie ein Relikt aus vergangenen Tagen befinden. Offensichtlich sind sie noch nicht fertig mit ihrer Arbeit. Haben sie die Szene verlassen, weil es zu kalt und der Boden gefroren war oder hat sie die Hoffnungslosigkeit des Ortes in die nächste, geheizte Wirtschaft zu lebendigen Menschen getrieben? Wie lange sind sie schon weg? Wie dem auch sei, ihre Abwesenheit hinterlässt eine Traurigkeit, die dem eigentlich bedrückenden Bild eine zarte  Melancholie verleiht.

Auch im „Seestück“ gibt es nur sehr wenige Farben. Weiß, Grau, Schwarz und blaue Noten sind es hier. Wir schauen auf ein ganz ruhiges, schwarzes Meer über dem das silbrige Licht des hinter den Wolken versteckten Mondes reflektiert. Im Zentrum des Bildes, mitten im sich spiegelnden Lichtkegel segelt ein dunkles Boot im unbewegten Wasser. Über dem Horizont hängen die grauen, lockeren Wolken und werden von Licht des sich dahinter verbergenden Mondes erhellt. Es herrscht Stille: kein Vogel schreit und keine Welle bricht sich. Der Betrachter ist alleine. Das Segelboot ist zu weit weg um die Fischer darin zu hören und langsam beginnst Du zu begreifen was Einsamkeit wirklich ist. Hier bist du irgendwo zwischen dem Wasser und dem Himmel mit Dir selbst alleine und musst damit zurechtkommen. Immer beim Betrachten dieses Bildes spüre ich wie eine gewaltige Ruhe in mir aufsteigt, denn ich sehe wie sich hier ein beinahe unendlicher Raum für mich öffnet, in dem ich zu mir selbst finden kann. Dieses Motiv hat sich wie eine Brandmarke in meiner Seele festgesetzt.

Caspar David Friedrich: Seestück bei Mondschein  Museum der Bildenden Künste, Leipzig

Nicht weit entfernt von den beiden beschriebenen Bildern hängt ein anderes Ölbild, ein Pendant zu Friedrichs Friedhof im Schnee: der „Friedhof auf dem Oybin“ von Carl Gustav Carus (1789 – 1869). Auch hier ist ein alter Friedhof im Schnee mit verwitterten oder umgestürzten Grabmälern dargestellt . Den Hintergrund bilden die Ruine einer gotischen Kirche und verschneite Tannen. Die Farben schwanken zwischen grau, weiß, rostbraun und dunkelgrün. Die Darstellung ist wesentlich detailreicher als bei Friedrich, was durch die  genaue Ausarbeitung der grünen Tannenbaumzweige, der durch die Schneedecke sprießenden Gräser und der Backsteine der Ruine verdeutlicht wird. Das große Multitalent Carus war ein leidenschaftlicher Bewunderer von Friedrich und beide sind schließlich zu Ikonen der romantischen Malerei geworden.

In der Kunstgeschichte wird viel über die Symbolik in der Malerei Caspar David Friedrichs gerätselt. Im Seestück soll beispielsweise das Schiff die Reise durch das Leben und das vom Mondlicht erleuchtete Wasser Christus darstellen. Wie die Lichtreflexe auf dem Meer erleuchtet Jesus den Weg der Menschen. Ich kann mit einem derartigen Symbolismus nichts anfangen. Es ist wie in Hector Berlioz´ (1803 – 1869) “fantastischer Symphonie, Op. 14“ (Épisode de la vie d’un artiste): die großartige Musik lebt ebenso intensiv und eindringlich mit wie ohne das vom Komponisten beigefügte Programm. Ich finde, dass das Werk eines Künstlers den Betrachter dazu bringen sollte die Welt und sein eigenes Leben zu lieben, und nicht die Welt und sein eigenes Leben zu erklären. Ein zentraler Punkt in Friedrichs und Carus´ Malerei, wie übrigens auch im Schaffen Richard Wagners (1813 – 1883), war die Hoffnung auf „Erlösung“. Ich persönlich will von nichts erlöst werden, im Gegenteil, ich will das Existierende positiv sehen, mitgestalten und dabei sein.

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