Heinrish Heine (Ausschnitt aus einem Gemälde von Moritz-Daniel Oppenheim – Kunsthalle Hamburg)
Seit meiner Jugend bin ich ein glühender Verehrer der Schriften Heinrich Heines (1797 – 1856). Seine fast alltägliche, einfache und, nach meinem Empfinden, sehr moderne Sprache hat mich immer wieder begeistert. Er redete von Deutschland- und seinen damaligen politischen und gesellschaftlichen Problemen zwar sehr kritisch und meist auch satirisch, aber nie destruktiv. Das unterscheidet ihn von den heutigen notorischen Miesmachern und Nörglern in unserem Land. Zugegeben, Heine hatte es da einfacher, denn er lebte einen Großteil seines Lebens als Emigrant in Paris und Deutschland war im Grunde nur seine „poetische Heimat“. Reisen nach Italien, England und die Niederlande ließen ihn zu einem überzeugten Europäer werden, der jeden chauvinistischen Nationalismus verabscheute.
Zu Heines Zeit lagen die Sehnsuchtsorte der gebildeten Gesellschaft in Griechenland, dem Orient und natürlich im Heimatland der Renaissance, in Italien. Die kulturelle Entdeckung der Iberischen Halbinsel begann gerade in England und Frankreich wo reisende Schriftsteller von den sagenhaften Schätzen maurischer Kunst und Architektur berichteten. Man brauchte also nicht mehr in die Ferne verreisen, denn der Orient schien ja schon jenseits der Pyrenäen zu beginnen. In Johann Wolfgang von Goethes „West-östlichem Divan“ (1819), einem Schlüsselwerk in der Annäherung der Kulturräume des Nahen Ostens und Europas gibt es keine konkreten Hinweise auf das maurische Spanien, aber es lässt den Geist von Al-Àndalus wiederentstehen, der von der persisch-arabischen Literatur geprägt war und die der Toleranz und dem friedlichen Zusammenleben aller Menschen huldigte. Heine hat Goethes Schrift mit Begeisterung gelesen und sich durch sie gedanklich der maurischen Geschichte Spaniens genähert. Die zweite Säule seines Spanien-Enthusiasmus war die Lektüre des „Don Quijote“. Heine war vermutlich der Erste, der in Cervantes epochalem Literaturmonument die Satire entdeckte. In seinen Augen war der Inhalt des Quijote eine Verhöhnung der allseits beliebten Rittergeschichten und der erste moderne Roman der Literaturgeschichte. Ein berühmter Text wurde Heines Vorrede zu einer Neuauflage der Übersetzung des „Don Quijote‘ von Ludwig Tieck.
Das Interesse Heinrich Heines an Granada und seinem Schicksal als letzte Maurenfestung auf europäischem Boden wurde durch Washington Irvings „Tales of the Alhambra“ geweckt. Die Geschichte Granadas war für ihn nicht nur unter dem Aspekt des Untergangs einer Kultur interessant, sondern auch wegen der direkten Folgen für die spanischen Juden, die kurze Zeit später aus dem Land vertrieben wurden. Er selbst war ja „formal“, d.h. ohne echte innere Überzeugung, ein zum Protestantismus übergetretener Jude. Im ersten Buch des Romanzero (Titel: Historien) findet sich unter der Überschrift „Der Mohrenkönig“ folgendes:
Auf der Höhe, wo der Blick
Ins Duero-Tal* hinabschweift,
Und die Zinnen von Granada
Sichtbar sind zum letzten Male:
Dorten stieg vom Pferd der König
Und betrachtete die Stadt,
Die im Abendlichte glänzte,
Wie geschmückt mit Gold und Purpur
Aber, Allah! Welch ein Anblick!
Statt des vielgeliebten Halbmonds,
Prangen Spaniens Kreuz und Fahnen,
Auf den Türmen der Alhambra.
Ach, bei diesem Anblick brachen
Aus des Königs Brust die Seufzer,
Tränen überströmten plötzlich
Wie ein Sturzbach seine Wangen.
Der letzte Mauren-Herrscher Boabdil hatte sich den kastilischen Königen ergeben und vier Jahrhunderte später trauert der große deutsche Dichter Heine um den Verlust, der damals eine Zeitenwende in der europäischen Geschichte einläutete. Die Tränen Boabdils sind auch die Tränen des Poeten und der zeigt damit auf welcher Seite sein Herz schlägt. Das Theaterstück „Almansor“ wird schließlich Heines wichtigstes Werk mit Bezug auf die spanische Geschichte. Dieses wenig bühnenwirksame Liebesabenteuer ist in den Spielplänen deutschsprachiger Theater nicht mehr zu finden, zeugt aber von der tiefen Zuneigung des Autors zur maurisch-jüdischen Geschichte Spaniens.
Aber Heinrich Heine erkannte auch die Schattenseiten der spanischen Geschichte. In seinem „Almansor“ zieht ein zum Christentum konvertierter, maurischer Diener angesichts der Bücherverbrennungen während der kriegerischen Eroberung seines Landes durch Kastilien, die Schlussfolgerung: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Dieser Satz wurde zu einem Menetekel für Heinrich Heines Heimatland: Auch seine eigenen Werke wurden von den Nazis dem Feuer übergeben und damit aus dem Kulturbetrieb des sog. Dritten Reichs eliminiert und die Krematorien von Dachau, Sobibor oder Auschwitz bezeugen die historische Richtigkeit von Heines grausamer Prophezeiung.
Heinrich Heine wird heute in Spanien, wie kaum ein anderer, als einer der bedeutendsten deutschen Dichter wahrgenommen. Dabei spielt seine tiefe Verbundenheit mit der Kultur und Geschichte Iberiens natürlich eine wichtige Rolle. Kurioserweise war er selbst nie in Spanien, sein Bild von diesem Land wurzelte alleine in seiner eigenen Vorstellungskraft. Die Bewunderung des maurisch-jüdischen Erbes macht ihn gerade bei der Jugend zu einem Vorreiter eines neuen, integrativen Verständnisses der spanischen Geschichte. Der zitierte Kommentar zu Bücherverbrennungen wird oft auch in Zusammenhang mit der Zensur des faschistischen Franco-Regimes gebracht. Wie in Deutschland wird auch in Spanien an Heinrich Heine seine demokratische und zutiefst moralische Gesinnung im nationalen und europäischen Kontext bewundert.
*Mit Duero-Tal ist das Tal des granadinischen Flusses Darro gemeint
Bleiben Sie stets neugierig!

