
Wilhelm Buschs „Lehrer Lämpel“ könnte auch ein Besserwisser-Chefarzt sein!
„Ich will kein Patient sein“, es ist kaum vorstellbar, dass nicht jeder von uns diesen Ausruf, in entsprechenden Situationen, von sich geben würde. Unabhängig von der Feststellung, dass man erst krank sein muss, bevor man Patient eines Arztes, einer Ärztin oder eines Ärzte-Teams wird, und man diesen Zustand niemals herbeiwünscht, ist jedes Verhältnis von Arzt zu Patient mit Problemen belastet. Auf der Patientenseite spielt das Gefühl der Abhängigkeit eine ganz zentrale Rolle. Die Verquickung von medizinischem Fachwissen des Arztes oder der Ärztin mit dem Bedürfnis nach Vertrauen und die Verletzlichkeit im Zustand der Krankheit, schafft eine Hierarchie, in der der Arzt die Oberhand hat. Der Patient muss sich dem Arzt unterordnen und ihn oder sie vorübergehend als Herr über seine physische Existenz anerkennen. Nur unter diesen Voraussetzungen ist ein Vertrauensverhältnis zum behandelnden Arzt aufbaubar, der seinerseits die Motivation des Kranken, bei der Therapie mitzumachen, dringend benötigt.
Bereits in der Zeit, als ich in den 60er Jahren in der Ulmer Universitätsklinik als Assistent arbeitete, hatten wir jungen Ärzte in der medizinischen Ambulanz dieses psychologische Ungleichgewicht im Verhältnis zu unseren Patienten gespürt. Unsere gemeinsame Aktion bestand damals darin, dass wir uns die weißen Kittel vor dem Krankengespräch auszogen, unsere Krawatten entfernten und so glaubten weniger paternalistisch bzw. autoritär zu wirken. Dadurch hofften wir die Patientenautonomie zu stärken und ein Gefühl der Selbstbestimmtheit bei unseren Gesprächspartnern zu vermitteln, was letztlich die Abhängigkeit der Patienten verringern sollte. Dem Experiment wurde von der Klinikleitung nach ein paar Wochen durch eine Anweisung und zu unserer Frustration, ein Ende bereitet. Immerhin hatten wir seinerzeit das starke Gefühl, dass wir unserem Ziel ein wenig näher gekommen waren. Heute glaube ich zu wissen, dass wir letztlich nur eine Art der Selbstbefriedigung durch unsere Aktion bewirkt hatten: Wir fühlten uns besser, weil wir einen „revolutionären“ Akt durchgezogen hatten. Ob die Patienten tatsächlich profitiert hatten, blieb offen.
Diese erhebliche Machtasymmetrie, die immer im Sprechzimmer zu spüren war, hat letztlich bewirkt, dass ich unter meinen Kollegen nie einen echten Freund gefunden habe, weil ich gedanklich diese potenzielle Abhängigkeit auch auf ihn/sie übertrug, denn ich könnte ja einmal sein/ihr Patient werden. Nur zwei Ausnahmen von dieser selbst aufgestellten Regel habe ich in meinem Leben gemacht: Eine Ärztin aus einem völlig anderen Fachbereich war über viele Jahre meine Partnerin und Jahrzehnte später ein etwa gleichaltriger Freund, mit dem ich die Freude am Wein und der bildenden Kunst teilte. Bei beiden habe ich es aus den genannten Gründen immer versucht, sie aus dem fachlichen Aspekt meiner Krankheiten möglichst herauszuhalten. Mir ist klar, dass Krankheitssituationen körperliche und emotionale Verletzlichkeit schaffen. Die mögliche Preisgabe von intimsten Informationen an einen Freund oder eine Freundin schreckt mich ab, nicht weil ich etwas ihnen gegenüber zu verbergen hätte, sondern weil damit die Gefahr eines Verlustes meiner, nach außen sorgsam gehüteten Integrität einhergehen könnte. Wir alle, Ärzte und Patienten, haben ein Bild von uns selbst vor Augen, wie wir uns unserer Umgebung gegenüber dargestellt wissen wollen. Das ist Teil der ganz speziellen Persönlichkeit jedes Einzelnen. Als Arzt in der Ambulanz einer Krebsklinik habe ich erfahren, wie wichtig die emotionale Anteilnahme am Schicksal der Patienten ist. Aber eine Überidentifikation mit dem Los des Kranken kann für die eigene Psyche sehr problematisch werden.
Nach Gesprächen mit Unheilbaren, häufig nach Dienstschluss im Arztzimmer, habe ich oft schlaflose Nächte verbracht. Zwar glaubte ich, dass ich ein Bedürfnis der Patienten nach Mitteilung ihrer Befürchtungen und Ängste, erfüllt hatte, aber für mich blieb dann nur die nächtliche Beschäftigung mit dem Tod. Offenbar ist es sehr wichtig in der Beziehung von Arzt zu Patient und vermutlich genauso in der Beziehung von Patient zu Arzt, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten. Es ist mir gelegentlich passiert, dass Patienten auf mich frühere Beziehungserfahrungen projiziert haben. Beispielsweise spürte ich bei den genannten Gesprächen, wie ich zur Vaterfigur oder zum vermeintlichen Ehemann stilisiert wurde. Auf diese Personenübertragung nicht emotional zu reagieren und sie von sich zu weisen, ist mir immer sehr schwergefallen, denn ich wollte auf keinen Fall Hoffnungen zerstören, die sich für den Patienten durch die Übertragung einer geliebten Person auf mich vielleicht ergeben würden.
Die Dynamik der Arzt-Patienten-Beziehung ist offensichtlich außerordentlich komplex und wenn ich es richtig sehe, fällt es mir persönlich als Arzt und Patient sehr schwer, ein wirkliches Vertrauensverhältnis mit einem behandelnden Kollegen aufzubauen, denn ich weiß ja, dass dieser auch sein Brot durch mich verdient und deswegen vielleicht Maßnahmen ergreift, die für mich eher unnötig sind, aber auf die Abschlussrechnung gesetzt werden können. Dies ist mit ein Grund dafür, dass ich keine Freundschaft mit Kollegen eingegangen bin, denn ich wollte niemals mitverantwortlich für ihr persönliches Wohlergehen sein. In früheren Jahren war es genau aus diesem Grund unüblich, dass man bei Konsultationen oder der Behandlung eines Kollegen oder einer Kollegin ein Honorar verlangte.
Bleiben Sie stets neugierig!

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