Die musikalischen Visionen des Alexander Scriabin

Alexander Scriabin (Foto: Wikipedia, gemeinfrei)In meinem Beitrag „Musik ist meine Religion“ – übrigens eine von vielen Musikliebhabern geteilte Erkenntnis – bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Musik Trost, Hoffnung und Ekstase bieten und somit über eine spirituelle Kraft verfügen kann, die Menschen emotional verbindet und glücklich macht. Bei meinem Stöbern in der neueren Musikgeschichte bin ich kürzlich auf Alexander Scriabins (1872 – 1915) Werk gestoßen. Dieser russische Komponist war in seinem späteren Leben sehr tief in der Theosophie verwurzelt. Musik war für ihn nicht nur eine Kunstform, sondern das Medium um höhere Bewusstseinszustände zu erreichen und damit beim Hörer eine Metamorphose zur Spiritualität in Gang zu setzen. In seiner Musik war er äußerst innovativ: Seine Rhythmik und seine Klangfarben waren unkonventionell und machten ihn gewissermaßen zu einem Vorreiter der späteren Moderne. Scriabin entwickelte einen spezifischen, sechs Töne umfassenden Akkord, den er den „Mystischen Akkord“ nannte. Er war überzeugt davon, dass sich in dieser Harmonie göttliche Kräfte verwirklicht hätten. Man findet ihn in so gut wie sämtlichen Werken seiner zweiten Schaffenshälfte.

 

Scriabin war ein ausgeprägter Synästhesist, er erlebte Musik auch in Farben. In seinen Kompositionen ordnete er Töne und Tonarten ganz spezifischen Farben zu: beispielsweise war für ihn D-Dur ein dunkles Rot und Fis-Dur assoziierte er mit der Farbe Hellblau. Er ging sogar so weit, dass er in seinem Orchesterstück „Prométhée. Le Poème du feu“ (Prometheus. Das Gedicht des Feuers) die Verwendung eines sog. „Lichtklaviers“ (www.youtube.com/watch?v=9CruEBhdxJE) vorschrieb. Dabei handelt es sich um ein Tasteninstrument, mit dem man Farben und Farbkombinationen in den Konzertraum projizieren und auf diese Weise die visuelle und akustische Erfahrung zeitlich vereinen konnte. Hierin kann man auch den ersten Schritt zur Verwirklichung seiner Lieblingsidee, dem „Gesamtkunstwerk“, sehen. Für Scriabin war dieser Begriff wesentlich umfassender definiert als bei Richard Wagner. Scriabin schwebte tatsächlich ein multimediales, sinnliches Erlebnis vor. Er wollte sogar den Geruchssinn mit einbeziehen. Außerdem sollten die Landschaft, in der „Open-Air“ musiziert wird, der Tanz und die Poesie in das Werk integriert werden.  Die Musik sollte nicht nur einem ästhetischen Ideal entsprechen, sondern auch magische Kräfte freisetzen, die ein spirituelles Empfinden bewirken, welches die Verbindung zum Göttlichen ermöglichte. In Prometheus greift Scriabin zurück auf fast alle damals verfügbaren technischen Mittel der Orchestrierung, wir hören einen massiv verstärkten Klangkörper, ergänzt mit Glocken, die damals gerade erfundene Celesta, Tamtam, Orgel, Chor und Klavier. Nach seiner Uraufführung 1911 in Moskau waren sich die anwesenden Musikkritiker einig, dass das Werk etwas grundsätzlich Neues in der Musik darstellte und in die Zukunft weisen würde. Andere Werke Scriabins, wie z. B.Le Poème de l’Extase“ (Das Gedicht der Ekstase) sind konzipiert, eine Art von Rausch zu erzeugen, bei dem der Zuhörer in einen Zustand gerät, in dem er sich als Einheit mit dem Kosmos wahrnimmt. Es ist viel über die Spiritualität in Scriabins Musik geschrieben worden, die ja sehr eng mit seiner individuellen Weltsicht und seiner Begeisterung für die Theosophie und andere esoterische Philosophien verknüpft war. Ich habe viele Parallelen zu Claude Debussy und seinem geistigen Umfeld gefunden, aber wie sich eine Philosophie letztlich musikalisch beschreiben lässt, erschließt sich mir nicht. Man könnte musikalische Metaphern benutzen, etwa im Sinne von Leitmotiven, deren jeweilige Bedeutung man aber erst einmal beschreiben bzw. gleich durch Überschriften oder verbale Hinweise in der Partitur erklären müsste. Ansonsten gilt das eingangs Gesagte: Die Musik selbst ist eine spirituelle Kraft von enormer Transzendenz, das Gedankengebäude darum herum muss sich der Zuhörer allerdings immer selbst erschaffen, wie es etwa Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) getan hat.

Scriabins musikalischer Lebenslauf begann mit dem Studium am Moskauer Konservatorium. Schon als Teenage-Pianist begann er zu konzertieren und für das Klavier zu komponieren. Problemlos kann man seine großen Vorbilder, Chopin, Liszt und Schumann in seinen frühen Stücken erkennen. Offenbar der Überanstrengung geschuldet, drohte ihm 1893 die Spielfähigkeit der rechten Hand verloren zu gehen. Der verzweifelte Kampf gegen diesen Zustand hat Scriabin schließlich in seinem Sendungsbewusstsein als Künstler bestärkt und ihn für mystische Erfahrungen geöffnet. 1904 verließ er Russland und lebte fortan in der Schweiz, in Italien und in Belgien. In Brüssel wandte er sich der Theosophie zu, die ihn den Rest seines Lebens als esoterische Basis begleiten sollte. Die Theosophie verstand sich damals als eine den Weltreligionen übergeordnete und unabhängig von deren Strukturen stehende Lehre. Nach 14 Jahren im Ausland kehrte er nach Russland zurück, wo er durch sein ganzes Schaffen immer deutlichere Vorstellungen von der philosophischen und psychologischen Bedeutung der Musik erreichte. Am Ende seines Lebens begann er mit den Planungen eines musikalisch-theatralisch-kultischen „Mysteriums“. Trotz aller aus heutiger Sicht offensichtlichen Redundanz seiner geistigen Aktivitäten blieb Scriabin eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der musikalischen Zeitenwende des ausgehenden 19ten und beginnenden 20sten. Jahrhunderts. Seine symphonischen Werke und seine grandiose Klaviermusik im spätromantischen und späteren, tonal unabhängigen Stil findet sich in vielen Einspielungen, die uns diesen großen und vielseitigen Künstler nahebringen (z.B. Die vollständige Klaviermusik gespielt von Dimitri Alexeev).

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