
Adolph von Menzel, Zeichnung von 1854 (gemeinfrei): Joseph Joachim und Clara Schumann
Das 19. Jahrhundert war die große Zeit der Instrumentalvirtuosen. Franz Liszt, Clara Schumann und Sergej Rachmaninoff stehen stellvertretend für eine größere Anzahl vom Pianisten, deren technisches Können die Musikwelt zum Staunen brachte. Auch auf der Geige gab es Virtuosen, die ihre Zuhörer in beinahe ekstatische Begeisterung versetzen konnten. Niccolo Paganini, Pablo de Sarasate und Henri Vieuxtemps seien beispielhaft genannt. Der einflussreichste unter all den großen Violinisten des Jahrhunderts war aber zweifelsohne Joseph Joachim (1831–1907), der aus dem burgenländischen Kittsee stammte und als Geige-spielendes Wunderkind bereits mit 7 Jahren seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte. Felix Mendelssohn Bartholdy holte den jungen Musiker nach Leipzig ans Gewandhaus, wo er seinen ersten großen Erfolg als Geiger mit Beethovens Violinkonzert feierte. Auch Mendelssohns 1844 fertiggestelltes Violinkonzert stand häufig auf dem Programm des Virtuosen. Im Alter von 22 Jahren lernte er Clara und Robert Schumann und über diese dann den jungen Johannes Brahms kennen. Mit allen Dreien entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die auch künstlerische Früchte trug. Mit Robert Schumann dauerte sie leider nur sehr kurz, war aber dafür besonders intensiv. Schumann sprang in suizidaler Absicht am 27.Februar 1854 in den Rhein, wurde gerettet und verbrachte seine letzten Jahre in einer psychiatrischen Anstalt in Bonn-Endenich.
Auch nach den tragischen Ereignissen hielten die beiden jungen Männer, Joseph Joachim und Johannes Brahms, durch regelmäßige Besuche in der Endenicher Heilanstalt den persönlichen Kontakt mit Robert Schumann aufrecht. Noch kurz vor seinem Zusammenbruch komponierte Schumann 1853 für Joseph Joachim die „Fantasie für Violine und Orchester op. 131“ und etwas später das mysteriöse Violinkonzert. Die eigentlich fröhlich anmutende, wunderbare Fantasie von etwa 15 Minuten, ist durchzogen von zarten, melancholischen Passagen, die so typisch für den Komponisten sind. Joachim hat dieses Stück seines Freundes regelmäßig bis zu seinem eigenen Tode 1904 in die Konzertsäle der Welt gebracht. Trotz der Unterstützung durch den weltberühmten Solisten ist dieses einfühlsame Stück Musik Schumanns aus unbekannten Gründen nie richtig populär geworden.
Ganz anders entwickelte es sich musikalisch in der Beziehung von Joachim zu Johannes Brahms. Letzterer hatte als Pianist eher geringe Kenntnisse von der Geige, wollte aber unbedingt ein Konzert für dieses Instrument schreiben. Joachim unterstützte seinen Freund tatkräftig mit Rat und Tat beim Komponieren. Joachim hatte tatsächlich einen wichtigen Anteil an dem späteren, überragenden Erfolg des „Violinkonzertes in D-dur, op. 77“. Unter dem Dirigat des Komponisten und mit Joseph Joachim als Solist fand das Stück am 1. Januar 1879 im Leipziger Gewandhaus seine Uraufführung und wurde ein großer Erfolg. Trotz aller späteren Kritik an den technischen Schwierigkeiten hat das Konzert Eingang in das Repertoire aller großen Geiger gefunden. Für Joachim war es, wie er selbst einmal äußerte, ebenbürtig mit Beethovens Violinkonzert.
Joachim hatte seine Finger auch im Spiel beim Zustandekommen, des wahrscheinlich beliebtesten romantischen Violinkonzerts überhaupt, dem ersten „Violinkonzert in g-moll, op. 26“ von Max Bruch. Bruch gehörte als Dirigent und Komponist dem Kreis der Traditionalisten an, die sich musikalisch gegen die Erneuerer Richard Wagner und Franz Liszt abgrenzen wollten. Zu dieser Gruppe gehörten neben Brahms und Joachim auch Clara Schumann und Felix Mendelssohn. Bruchs Violinkonzert wurde insbesondere im ersten und dritten Satz von Joachim intensiv bearbeitet. Wieder fand die Uraufführung mit Joachim als Solist, diesmal in Bremen statt. Das melancholische Stück, voller Weltschmerz und instrumentalem Virtuosentum entsprach offenbar dem Zeitgeist, wurde, und blieb bis heute, ebenfalls außerordentlich erfolgreich. Joachim nannte es später „Das reichste und bezauberndste“ Violinkonzert.
Auch das dritte große Violinkonzert der Spätromantik, nämlich op. 53 in a-moll von Antonín Dvořák, verdankt seine Existenz teilweise auch Joseph Joachim. Dvořák sandte die erste Fassung seines Violinkonzertes an Joachim, mit der Bitte um eventuell erforderliche Verbesserungen bei der Instrumentation. Joachim hat sich sehr viel Mühe und viele Anregungen gegeben, die den Komponisten zu einer gründlichen Revision seines Manuskriptes bewogen. Aber auch die zweite Version gefiel dem kritischen Joachim nicht. Er nahm noch einige Änderungen vor, bevor er die Komposition zurückschickte. Dvorak widmete sie schließlich Joachim, aber zu einer Uraufführung mit Joachim als Solist kam es nicht. Die Uraufführung fand 1883 im Prager Nationaltheater ohne Joachim statt. Was dieser an dem großartigen Werk auszusetzen hatte und was ihn abhielt, es in sein eigenes Repertoire aufzunehmen, ist für die heutigen Zuhörer nicht nachvollziehbar. Auch dieses Konzert wurde ein Welterfolg!
Man kann die Bedeutung Joachims für das Musikleben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum überschätzen. Er war der erste Direktor der 1869 gegründeten „Königlich akademischen Hochschule für ausübende Tonkunst“, die später die Musikhochschule Berlin wurde. Die Zahl an talentierten Schülern von Joachim ist kaum überschaubar. Ungeachtet seiner beruflichen und gesellschaftlichen Erfolge und seines Übertritts vom jüdischen zum protestantischen Glauben wurde er immer wieder Opfer antisemitischer Hetze. Insbesondere Richard Wagner und der angesehene Dirigent Hans von Bülow diffamierten den Musiker Joachim häufiger als Juden. Aus heutiger Sicht klingt dies wie das Menetekel, welches ein paar Jahrzehnte später durch das NS-Regime die deutsch-jüdische Musikwelt tief erschüttern und auseinanderreißen sollte.
Bleiben Sie stets neugierig …und genussvoll durstig!



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