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Reiner Wein und Religion

Wenn Christen zum heiligen Abendmahl schreiten und ihnen der Kelch gereicht wird, befindet sich darin nicht gewöhnlicher Wein. Er muss vorher von einem Priester gesegnet werden. Gekeltert werden darf der Wein auch nur mit besonderer Erlaubnis des zuständigen Bischofs, der auf die Einhaltung des kirchlichen Reinheitsgebotes achtet. Dies beinhaltet, dass der Wein aus Weintrauben gemacht sein und ohne jede Zusatzstoffe (auch ohne zusätzlichen Zucker) auskommen, also naturbelassen bleiben muß. Gestattet ist lediglich der Zusatz von reinem Weinalkohol zu Stabilisierungszwecken. Der Winzer und auch der Händler, der den Messwein herstellt bzw. vertreibt, muss für die Reinheit seines Produktes eidesstattlich bürgen.

Diese Regeln stammen aus dem Mittelalter, wo es im Weinhandel durchaus üblich war Wein in vielerlei Hinsicht zu verpanschen, d.h. zu strecken oder mit Kräutern geschmacklich zu verbessern. Die Bedeutung, die der Wein in der katholischen Kirche hatte und hat, erklärt, dass man unter Beachtung strikter Auflagen den Messwein in eigener Verantwortung herstellen ließ. Mit der Verbreitung des Glaubens verbreitete sich demnach auch der Weinbau in der ganzen Welt. Bis weit in die Neuzeit war es übrigens Brauch Rotwein als Messwein zu nehmen (siehe obiges Gemälde aus dem 16. Jahrhundert), denn dieser verkörperte bereits mit seiner Farbe das Blut Christi. Erst der Renaissance-Papst Sixtus IV, Erbauer der Sixtinischen Kapelle, ließ 1478 auf Druck der deutschen Bischöfe auch Weißwein als Messwein zu. Bei den Protestanten waren die Regelungen für den Messwein immer wesentlich freizügiger; heute wird dort sogar häufig unvergorener Traubensaft genommen (u. a. auch aus Rücksicht auf Alkoholkranke und Kinder).

Im Judentum gibt es sehr strenge Vorschriften für die Herstellung von Speisen und Getränken. Sie sind in einem Regelwerk für Nahrungsmittel, die zum Verzehr geeignet sind, der Kaschrut, festgelegt. Sehr vereinfacht gesagt ist alles erlaubt was „koscher“ ist. Da in vielen religiösen Riten der Wein auch bei den Juden eine sehr große Rolle spielt, gibt es folglich entsprechend koschere Weine. Das Prinzip ihrer Herstellung entspricht in etwa dem der Messweine, nur mit deutlich komplexeren Vorschriften und Auflagen sowie einer wesentlich rigoroseren Kontrolle durch die Kirchenbehörde, dem Rabbinat. In der orthodoxen Auffassung darf Wein nur von Sabbath feiernden Juden bearbeitet werden und das reicht vom Weinberg bis zur Flaschenabfüllung. Wenn koscherer Wein auf 75° bis 90° C erhitzt wird („mevuschal“) ist und bleibt er koscher, auch wenn er von Nichtjuden verkauft und eingeschenkt wird. Das Erhitzen verändert allerdings sowohl den Geschmack wie die Struktur und die Haltbarkeit des Weins. Weinfreunde, die die Standards der heutigen Vinifikation schätzen, werden mit Mevuschal-Weinen wenig Freude haben.

Vermutlich ging es den gläubigen jüdischen Weinfreunden ebenso: In den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts begann der Rabbiner Israel Silverman eine bis heute anhaltende Diskussion zum Thema koschere Weine, in der er argumentierte, dass mittlerweile die Vinifikationsprozesse praktisch alle automatisch abliefen und daher der physische Kontakt des Weins mit Nicht-Juden keine Rolle mehr spiele. Allerdings wurde dies von anderen Rabbinern teilweise völlig anders gesehen. Heute ist man jedoch zu einer stillschweigenden Übereinkunft gekommen, dass der jeweils zuständige Rabbiner selbst entscheidet welcher Vinifikation er das „koscher“-Siegel gibt und welcher nicht.

Von dieser Entwicklung hat auch die Zusammenarbeit des Celler de Capçanes mit der jüdischen Gemeinde in Barcelona profitiert. In einem kleinen Dorf in der Provinz Tarragona im Weinbaugebiet von Montsant wird der „beste koschere Wein der Welt“ (Robert Parker) gemacht. Bei Capçanes erzählt man gerne welchen Aufwand sie trotz des liberalen Geistes des Rabbiners treiben mussten um das Koschermachen der Geräte zu erreichen. Die verschiedenen Reinigungsvorgänge erfüllen keine hygienischen Funktionen, es geht tatsächlich um eine spirituelle Reinheit der Gegenstände, die mit dem Wein in Berührung kommen. Das Ergebnis kann sich, weiß Gott, sehen lassen. Der 2010er Peraj Ha´abib, Flor de Primavera Kosher ist ein sehr vielschichtiger Wein mit reifen Tanninen, Mineralität und elegantem Schmelz. Das Lesegut stammt größtenteils von uralten Cariñena- und Garnachastöcken mit einem Anteil von Cabernet Sauvignon.

 

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