„Meine Stunden mit Leo“ – ein herrlich anständiger Sex-Film

Kino-Annonce von 2022

Drei Frauen haben großes Kino gemacht: die Australierin Sophie Hyde als Regisseurin, die Engländerin Katy Brand als Drehbuchautorin und die wunderbare Emma Thompson als Hauptdarstellerin.  „Meine Stunden mit Leo“ heißt der Film in der deutschen Version undGood Luck to You, Leo Grande in der englischen Originalversion (hier der deutsche Trailer). Ein Streifen, der mich restlos begeistert hat, weil er auf eine unheimlich sympathische Weise das Tabu der ästhetischen und kosmetisch makellosen Körper als Sexualobjekte durchbricht. In dem Kammerspiel von etwas über 90 Minuten kommen nur drei Personen vor: Nancy Stokes, eine Witwe und pensionierte Religionslehrerin, Leo Grande, ein junger Sexarbeiter, den Nancy für einen Besuch in einem Hotelzimmer gebucht hat und schließlich noch Becky eine ehemalige Schülerin von Nancy, die als Kellnerin in der Lobby des gleichen Hotels die Gäste bedient. Während ihrer ersten Begegnung erzählt Nancy Leo von ihrer sexuell völlig unerfüllten Ehe, sie habe in ihrem Leben bisher noch nie einen Orgasmus gehabt. Leo zeigt sich offen für die Probleme seiner Klientin und beginnt von sich zu erzählen. Seine Familie wisse nichts von seinem Job und glaube, er arbeite auf einer Bohrinsel. Seine Arbeit sieht er positiv, denn die Begegnung mit Menschen schaffe ihm große Befriedigung. Behutsam versucht er Nancys Sinne zu stimulieren, aber diese reagiert auf jede körperliche Annäherung abweisend und fängt an über ihre Kinder zu reden, von denen sie offenbar ausgesprochen wenig hält.

Um den Weg zu ihrem Ziel zügig zu beschreiten und weiteres Geld für die Arbeitsleistung Leos zu sparen, übergibt sie beim zweiten Treffen Leo schamhaft eine Wunschliste, in der sie verschiedene sexuelle Praktiken aufgeschrieben hat, die sie gerne mit Leo erleben würde. Obwohl sie immer noch sehr gehemmt und verkrampft wirkt, spürt sie immerhin das Verlangen Leos Körper zu berühren. Nancy eröffnet ihm, dass sie versucht habe, mehr über sein Privatleben herauszufinden, um zu wissen, wer er denn in Wirklichkeit sei. Leo ist empört, weil sie sich nicht an die stille Verabredung gehalten hat und unerlaubt in sein Privatleben eingedrungen sei.

Trotz allem kommt es zu einer weiteren Verabredung, bei der sich die beiden in der Hotellobby treffen, um gemeinsam einen Kaffee zu trinken. Die Bedienung Becky erkennt Nancy als die ihr bekannte Lehrerin namens Mrs. Robinson wieder, denn sie war im College einst ihre Schülerin. Als erstes Zeichen, dass die vorangegangenen Treffen mit Leo etwas in ihr bewirkt haben, entschuldigt sich Nancy bei Becky, dass sie sie in der Schule einst wegen anzüglicher Kleidung als Schlampe bezeichnet hat und gesteht ihr gleichzeitig, dass sie sich im Hotel mit Leo zum Sex verabredet habe. Schließlich gehen sie und Leo auf das Hotelzimmer und haben Sex, den Nancy nun in vollen Zügen genießt und einen Orgasmus hat. Leo sieht darin die gewünschte Erfüllung seiner Aufgabe und verabschiedet sich, beide wünschen sich Glück für ihre jeweilige Zukunft. Die 55-jährige Nancy bleibt völlig nackt vor dem Wandspiegel in Betrachtung ihres Körpers stehen. Diese Sekunden, die der Zuschauer „hautnah“ miterlebt, sind der Höhepunkt des Films.

Soweit die kurzgefasste Handlung des Filmes. Nancys bewusstes visuelles Erleben ihres Körpers und die tiefe Befriedigung, die dieses Bild bei ihr erzzeugt, ist wunderschön und zutiefst menschlich.  Der etwas schlaffe und faltenreiche Körper hat alle vermeintliche Peinlichkeit abgelegt und strahlt in dieser Situation. Er wird zu einer Lobpreisung der Sexualität, die vieles, was sonst kinematografisch unter dieser Thematik festgehalten wurde, bei weitem übertrifft und den abgedroschenen Begriff „sexy“ zur Beschreibung dieses Streifens nur banal erscheinen lässt. Danke Emma Thompson für die Courage diese Botschaft auf so eine herzerfrischende Art zu überbringen! Es ist ein das große Kunststück der Regisseurin, einen Film über ein rein sexuelles Motiv zu drehen, ohne eine einzige Sex-Szene zu zeigen. In den intimen Gesprächen von Nancy und Leo im Zimmer oder in der Lobby, erfährt der Zuschauer alles über die sinnlichen Reize und Gefühle, die zwischen den beiden Partnern ausgetauscht wurden und kann diese sehr präzise nachempfinden. An der Stelle muss ich auch dem irischen Darsteller Leos, Daryl McCormack, Tribut zollen, denn er spielt seine Rolle mit großem Einfühlungsvermögen und ist ein ebenbürtiger Partner der weltberühmten Schauspielerin.

Alles in allem finde ich dieses kleine Meisterwerk einen der sehenswertesten Filme zum Thema Emanzipation einer Frau aus der bürgerlichen Langeweile und Borniertheit. Gleichzeitig ist es eine wohlklingende Hymne auf die generationsübergreifende Zuneigung von Menschen und den Respekt für einander. Der Film, das Drehbuch und die beiden Hauptdarsteller haben zu Recht viele Preise und Preis-Nominierungen eingeheimst. Der Streifen ist mittlerweile auch auf DVD verfügbar!

Bleiben Sie stets neugierig… und genussvoll durstig!

 

 

 

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