Ein 44 Jahre alter Rioja begeistert mich  Paternina Gran Reserva „Reserva Especial“ 1968
In meinem anadalusischen Weinkeller, der zugegebenermaßen keine wirkliche Temperaturkonstanz garantiert, fand ich zwei Flaschen eines Weines, den ich vor einigen Jahren bei einem Weinhändler in Granada erstanden hatte. Es war ein 1968er Federico Paternina Gran Reserva, der als „Reserva Especial“ etikettiert war. Die erste Flasche war grauenvoll, die Farbe des Inhaltes war braun und der Duft, besser gesagt, der Gestank, glich dem eines Kuhstalls. Ohne zu probieren landete die Flüssigkeit im Ausguss. Enttäuscht öffnete ich die zweite Flasche, deren Korken schon brüchig zu werden begann. Zwar hatte die Farbe des insgesamt recht hellen Weins auch schon Brauntöne, aber am Rand des Glases schimmerten noch rote Ziegeltöne durch. Das Bukett entfaltete sich sofort: zarte Rauchnoten, feines Leder und eine Fülle von Bergkräutern. Am Gaumen fand sich die gleiche Aromatik, die Struktur war äusserst filigran mit feinen Oxydationsnoten im Hintergrund. Was für ein wundervoll zarter und komplexer Tropfen! Allerdings hielt die Freude nicht allzu lange denn bereits drei8ssig Minuten nach dem Öffnen begann sich die enorme aromatische Vielfalt langsam zu verflüchtigen und nach etwa einer Stunde war der Wein fast mausetot.
Der Jahrgang 1968 wurde als „sehr gut“ vom Kontrollrat der garantierten Herkunftsbezeichnung D.O.Ca. Rioja beurteilt. Trotzdem ist das Risiko mit solchen alten Flaschen sehr gross, dass man furchtbar enttäuscht wird – wie die erste Flasche gezeigt hat. Da sich jede Flasche, selbst unter ähnlichen Lagerkonditionen anders entwickelt, kann man mit gewisser Berechtigung auch auf viel Freude hoffen, wie die zweite Flasche belegt. Hätte ich allerdings die Flaschen in umgekehrter Reihenfolge geöffnet, lebte ich jetzt noch mit der Vorfreude auf einen weiteren Genuß, der dann nicht eingetreten wäre.
In der spanischen Weinkultur liegt das altern von Weinen in der Verantwortung der Kellerei. Dort konnten gute Jahrgänge bis zu zwanzig und mehr Jahre in großen und kleinen Gebinden reifen bevor sie verkauft wurden. Die Konsumenten waren es gewohnt Weine kurz nach ihrem Kauf auch zu trinken. Adäquate Lagermöglichkeiten hatten die wenigsten Weinfreunde und so entwickelte sich nie eine Jahrgangskultur wie etwas in Burgund oder Bordeaux. Dies hat sich zwar etwas geändert, da sich aber der Weinstil auch geändert hat, bleiben Weine wie der Paternina „Reserva Especial 1968“ unwiederbringliche Unikate.
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Vortrefflicher Witz
An dieser Stelle stand bis vor Kurzem noch die Philosophie unseres Weinhandels „La Vineria“. Dieses Unternehmen ist mittlerweile Geschichte: Zum 31. März 2026 haben meine Frau, Isabel del Olmo, und ich unsere Geschäftsaktivitäten aufgegeben. Für uns beide waren die Jahrzehnte, in denen wir mit unseren Kunden ein Teil der spannenden und genussvollen Weinszene Spaniens waren, Herausforderung und Befriedigung zugleich. In meinem „önosophischen Blog“ hatte ich mich bereits vielfältigen kulturellen Themen gewidmet und dies, obwohl der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff „Önosophie“ eigentlich nur die „Weisheit vom Wein“ bedeutet. Wie der Wein selbst können auch die Gedanken eines Hedonisten gelegentlich in ein breiteres zivilisatorisches Umfeld geraten und Bereiche wie die Musik, die Philosophie, die bildende Kunst, die Literatur und auch die Gesellschaftspolitik umfassen. Dieses Spektrum unterschiedlicher Thematiken möchte ich auch weiterhin in meinen Beiträgen bearbeiten. Trotz aller gesundheitspolitisch motivierter Kritik kommt mir der Wein dabei gelegentlich schöpferisch zu Hilfe. Wein in Maßen trinken und genießen ist etwas Emotionales, und im Wein kann der Künstler Inspiration finden. Keiner hat dies schöner und treffender ausgedrückt als Shakespeare in seinem "König Heinrich der Vierte" (2. Teil, 4. Aufzug, 3. Szene), wo er den lebensfrohen Falstaff in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck ausrufen lässt:
(Der Wein) „steigt Euch in das Gehirn, zerteilt da alle albernen und rohen Dünste, die es umgeben, macht es sinnig, schnell und erfinderisch, voll von behenden, feurigen und ergötzlichen Bildern; wenn diese dann der Stimme, der Zunge, überliefert werden, was ihre Geburt ist, so wird vortrefflicher Witz daraus".
Vortrefflicher Witz können selbstverständlich auch die schönen Farben und Formen des Malers oder Bildhauers bzw. die spannenden Klänge des Musikers sein.
Texte um reine Fakten können heute problemlos von Künstlicher Intelligenz (KI) zusammengestellt werden. Um Sachverhalte aber wirklich verstehen zu können, bedarf es einer persönlichen Sicht und einer Interpretation. Die will ich mit meinen Beiträgen liefern, allerdings ohne besondere Ansprüche an Originalität, dafür aber immer mit der strikten Forderung nach Glaubwürdigkeit!
Ich hoffe, dass Sie Freude an meinem Blog haben und freue mich auf „Feedback“!.
Peter Hilgard
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