Die Kultur des Taschentuchs

Klassischer Gebrauch des Taschentuchs. (Foto: Pixabay, mit Dank an Peter Danbury)

An einem der ersten Sommertage bin ich, gleichsam als Begrüßung der neuen Jahreszeit, zu meinem Lieblings-Eisladen gegangen und habe mir einen Becher voll der süßen, kalten Verführung genehmigt. Als das Gefäß leer gelöffelt war, wollte ich mir den Mund abwischen und bemerkte, dass ich meine Papiertaschentücher zu Hause vergessen hatte. Ich musste zurück in das Geschäft, um mir eine Papierserviette geben zu lassen. Dann erinnerte ich mich daran, dass meine Großmutter ständig ein parfümiertes Taschentuch unter dem Ärmel am Handgelenk trug und mein Vater immer peinlich darauf achtete, dass er sich morgens ein frisches Taschentuch in die Hosentasche steckte. Keinem von den beiden wäre mein Fehlendes-Taschentuch-Schicksal am Eissalon widerfahren! Immerhin wurde ich durch diese kleine Begebenheit dazu motiviert, mich mit dem „Kulturgut Taschentuch“ und seiner Geschichte zu beschäftigen.

Nicht nur in Europa, auch in China und anderen Ländern des Fernen Ostens sowie im südamerikanischen Inka-Reich gab es persönliche Tücher, die im praktischen Gebrauch unseren Taschentüchern sehr nahekamen. In unseren Breitengraden war das Taschentuch nicht immer ein „Schnupf-, Schnäuz- oder Nastuch“ zur Entfernung von Nasensekret. Es gab auch Zeiten und Gesellschaften, in denen Tücher ausschließlich als „Mund- oder Schweißtücher“ Benutzung fanden und schließlich wurden sie zu reinen Prestige- bzw. Repräsentationszwecken, entsprechend aufgemotzt, äußerlich getragen, um bewundert zu werden. Bereits in der Antike sind Taschentücher dokumentiert, allerdings nur als Mund- (Orarium) und Schweißtücher. Das Orarium war der römische Vorläufer der Serviette und wurde bereits damals aus Leinen gefertigt. Interessant ist auch die römische Sitte bei öffentlichen Spielen, mit Taschentüchern winkend, die Wettstreitenden anzufeuern. Aus dieser Gewohnheit ist vielleicht der Gebrauch eines Taschentuchs zum Abschiedswinken bei Abfahrt einer Kutsche oder der Eisenbahn entstanden. Auch zur Erstversorgung von Wunden waren sie gelegentlich so nützlich wie als Aufbewahrungsort für Münzen, was schließlich einer frühen Form des Portemonnaies gleichkam.

Die funktionelle Körpernähe der Taschentücher führte im frühen Mittelalter dazu, dass sie von den Burgfräulein ihren jeweils angebeteten Liebhabern auf fantasievolle Art als „Liebespfand“, zugesteckt wurden. Gelegentlich bekamen sie es später zurück, getränkt mit dem Blut des im Ritterturnier besiegten Gegners. Das war der Beginn der Personalisierung des Taschentuchs. Mit ihm konnte man, durch entsprechend aufwendige Bestickung oder Webart, seinen Wohlstand und Geschmack demonstrieren. In den Zeiten der Renaissance war Italien, wie in der Kunst, auch in der Mode Vorreiter in Europa und daher kamen die schönsten und begehrtesten Ziertücher aus Venedig. Etwas später übernahm Frankreich diese Rolle und Katharina von Medici (1519 – 1589), die aus der berühmten Florentiner Familie gleichen Namens stammte und durch ihre Heirat mit Heinrich II. Königin von Frankreich wurde, führte am dortigen Hof das Taschentuch (mouchoir) ein. Sie benötigte diese Tücher, weil sie sich als eine der Ersten in Europa dem Vergnügen des Tabakschnupfens hingab. Die in George Bizets (1838 – 1875) Oper „Carmen“ besungene Tabakfabrik im spanischen Sevilla war die erste europäische Produktionsstätte für Schnupftabak, der im 19. Jahrhundert, zusammen mit den entsprechenden Taschentüchern, seinen ersten kommerziellen Höhepunkt erreichte.

Die Beliebtheit in Frankreichs Adelskreisen und die vereinfachten, effizienteren Herstellungsmethoden sorgten dafür, dass das Taschentuch als Zeichen von Status und Stil schon im 18. Jahrhundert in ganz Europa populär wurde. Allerdings war während der Französischen Revolution das Taschentuch noch immer ein Merkmal des bekämpften Adels und seine öffentliche Zurschaustellung konnte den Betreffenden schnell auf die Guillotine bringen. In der Zeit der Romantik wurde auch das Taschentuch „romantisiert“ indem es zu einem „Symbol der Liebe“ stilisiert wurde. Wie einst im zelebrierten Mittelalter überließen die jungen Mädchen auf verschiedene Weise ihre Taschentücher, die sie entweder im Dekolleté oder im Ärmel ihres Kleides trugen, den jungen Männern. Diese steckten es dann demonstrativ in eines ihrer Knopflöcher, um damit ihre Zuneigung zur einstigen Eigentümerin zu bezeugen.   Mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert begann auch die Massenproduktion des Taschentuchs und es wurde tatsächlich für breite Bevölkerungsschichten zugänglich. Man besann sich wieder auf seine Funktion und es wurde vornehmlich für das Nase-Putzen und Abwischen der Hände benutzt. Ihre leichte und mittlerweile auch preisgünstige Verfügbarkeit machte regelmäßiges Auswechseln der Taschentücher möglich.

Von diesem Punkt der Geschichte ist es nur der Katzensprung eines knappen Jahrhunderts bis zur ubiquitären Verfügbarkeit von Papiertaschentüchern zum Wegwerfen. Sie sind mittlerweile weltweit zum festen Bestandteil des Alltags der Menschen geworden. Eine wichtige Voraussetzung für diese Entwicklung war die wissenschaftliche Erkenntnis, dass viele Krankheiten durch Bakterien und Viren der Mund- und Rachenschleimhaut übertragen wurden und so sprachen hygienische Gründe für den Gebrauch von leicht entsorgbaren Einmaltaschentüchern.  Im anglo-amerikanischen Sprachraum ist die Papiertaschentuchmarke „Kleenex“ zum Synonym für Wegwerftücher geworden. Ihr Slogan “Don’t carry a cold in your pocket”, war so einfach wie genial. In Deutschland kamen ein paar Jahre später (1929) die “Tempo-Taschentücher“ aus Zellstoff mit dem dümmlichen Werbespruch „Drum merkt es Euch für immer, Leute – Tempo muss man haben heute“ auf den Markt und wurden rasch zum deutschen Marktführer, der sie bis heute geblieben sind.

Bleiben Sie stets neugierig …und genussvoll durstig!

 

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