Der Weingenuss hätte Wagner und Brahms zusammenführen können

Sehnsuchtsort der Weinfreunde auch schon im 19. Jahrhundert: das Rheintal

Wenn Musikhistoriker vom „Krieg der Romantiker“ sprechen, meinen sie den Streit zwischen zwei Betrachtungsweisen der Musik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die eine Richtung wollte  die Harmonien der Klassik auflösen und der Musik ein erzählerisches Programm unterlegen während sich die anderen Musiker der Tradition verpflichtet fühlten und der „absoluten Musik“ huldigten. Die progressive „Neudeutsche Schule“, die ihre Heimat in Weimar hatte, wurde von Franz Liszt und Richard Wagner angeführt, während die Protagonisten des konservativen Kreises, vorwiegend in Leipzig ansässig und auf dem Einfluss von Felix Mendelsson-Bartholdy fußend, Clara Schumann, Johannes Brahms und der Star-Geiger Joseph Joachim waren. Interessanterweise war für beide Gruppen der geistige und künstlerische Vater ihrer Bewegung Ludwig van Beethoven.

Es war der berühmt-berüchtigte Musikkritiker Eduard Hanslick („der Inhalt der Musik sind tönend bewegte Formen“), der gegen die „Zukunftsmusik“ eines Liszts und Wagners ins Feld zog und als den wahren Erben der deutschen Musiktradition Johannes Brahms auserkor.  Kurioserweise war der dem Publikum noch weitgehend unbekannte „Traditionalist“ der jüngste unter den Kontrahenten im „Krieg der Romantiker“ während Liszt und Wagner bereits gestandene Männer und weltweit anerkannte Künstler waren. Aber Brahms bekam Unterstützung von prominenter Seite: Clara Schumann, die Witwe von Robert Schumann und Weltstar auf dem Pianoforte, mochte die Musik der „Neutöner“ und den beginnenden Wagner-Kult überhaupt nicht. Sehr zwiespältig war die Rolle von Friedrich Nietzsche in dieser Angelegenheit. Trotz seines vorangegangenen Bruches mit ihm schlug er sich im Komponisten-Streit auf die Seite Richard Wagners und schmähte Brahms, über den er sarkastisch schrieb: „Sein Glück war ein deutsches Missverständnis: man nahm ihn als Antagonisten Wagners, – man brauchte einen Antagonisten! – Das macht keine notwendige Musik, das macht vor Allem zu viel Musik!“. Künstlerisch kamen sich Wagner und Brahms so gut wie nicht ins Gehege, denn Wagner komponierte vorwiegend Opernmusik und Brahms war als Verfechter der absoluten Musik der geborene Symphoniker. Während in Wagners Denken Revolution und Reformwille  die geistigen Eckpunkte waren, war Brahms ein bürgerlicher Traditionalist aus tiefster Überzeugung.

Trotz allen Unbehagens an der Musik schien Brahms die Meisterschaft Wagners anzuerkennen und am 7. Februar 1864 kam es zu dem einzigen Treffen der beiden Komponisten im oberbayrischen Penzing. Brahms hatte den polnischen Pianisten und Liszt-Schüler Carl Tausig um Vermittlung der Begegnung gebeten. Die beiden Kontrahenten haben sich offenbar recht gut verstanden, aber eine Freundschaft wurde daraus nicht, obwohl dies hätte sein können, denn beide Komponisten teilten neben der Musik noch eine weitere Vorliebe: gutes Essen und den Wein. Neben der beruflichen Aktivität hätte es demnach noch andere Gemeinsamkeiten geben können. Die Werke der Komponisten geben uns nur bedingt Auskunft über einen gastrosophischen Kontext. Bei Wagner am ehesten noch im Zusammenhang von Wein mit seinen Opern. Wenn man von den Zaubertränken im „Ring“ oder „Tristan“ absieht, bleibt die Aufforderung an die Mädchen Wein auszuschenken: „Steuermann her! Trink mit uns!“ im „Fliegenden Holländer, oder der Wein beim Liebesmahl der Gralsbrüder im „Parsifal“. In der symphonischen Musik von Brahms sucht man vergebens nach Hinweisen auf seine Freude am Wein.

Wie wir aus entsprechenden Briefen der beiden Musiker wissen, scheinen sie die Vorliebe für Rheinwein geteilt zu haben. Ein Freund von Brahms war der Weingutsbesitzer und Geigenspieler Rudolf von Beckenrath aus Rüdesheim, dessen Weine offenbar kreative Kräfte in Brahms geweckt hatten. Von Richard Wagner erfahren wir über seinen Weinhändler in der alten, sächsischen Heimat, dass er immer wieder „Erbacher“ bestellt hat, dem gelegentlich auch ein Paar Fläschchen „Marcobrunner“ beigefügt waren. Während sich Brahms über die von ihm konsumierten Mengen an Wein ausschweigt, erfahren wir aus Wagners Bestellungen bei C. Lauteren & Sohn in Leipzig, dass er relativ regelmäßig ein Ohm „Erbacher“ bestellte. Ein Ohm (von lat. Ama = Eimer) war ein mitteleuropäisches Hohlmaß und entsprach ca. 150 heutigen Litern. Der unverheiratete Brahms, der trotz seiner vielen Freunde, ein eher zurückgezogenes Leben führte, konsumierte naturgemäß weniger als der gesellschaftlich sehr aktive Wagner in Cosimas und seinem gastfreundlichem Haushalt.  Unter Weinfreunden berühmt wurden Brahms´ letzte Worte.  Bei ihm waren in seiner letzten Nacht die Vermieterin und sein Arzt als Zeugen anwesend. Um Mitternacht wurde er unruhig und bekam eine Morphium-Injektion und um vier Uhr, nachdem er erneut von Unruhe geplagt wurde, schenkte man ihm ein Glas Rheinwein ein, das er austrank und sagte: „Ach, das schmeckt schön.“ Er starb gegen 8.30 Uhr am 3. April 1897. Richard Wagner war 14 Jahre vorher in Venedig in seinem geliebten Palazzo Vendramin verstorben.

Die beiden Charaktere der Komponisten waren zu unterschiedlich, als dass eine wirkliche Annäherung zwischen ihnen hätte stattfinden können. Brahms konnte, im Gegensatz zu Wagner, mit dem Erfolg nicht wirklich umgehen, er war ihm immer irgendwie verdächtig. Wagner suchte ihn mit all seiner Kraft und schuf sich ein Netzwerk, welches ihn bei seinen häufig überdimensionierten Plänen unterstützte. So konnten, gegen alle negativen Prognosen, Bayreuth mit den Richard Wagner-Festspielen entstehen und bis heute überleben.

Bleiben Sie stets neugierig …und genussvoll durstig!

 

 

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