China: einst kulturelles Vorbild, später Plagiator und heute Weltmacht

Der Chinesische Turm in München, 1895 (Foto: Wikimedia)

In den Nachrichten erfahren wir beinahe täglich von der neuen Großmacht China, die sich aufmacht, als technologischer Innovator die Vereinigten Staaten zu überholen. In Bereichen wie Telekommunikation und Künstlicher Intelligenz scheint dies schon geschehen zu sein. Das weckt Ängste in den westlichen Gesellschaften vor dem schleichenden Machtzuwachs der autokratisch regierten sog. Volksrepublik China. Einer der häufig angewandten Abwehrmechanismen ist die Diffamierung Chinas als „Kopier-Wirtschaft“, d.h. China soll ein Meister der Industrie-Spionage und praktischen Anwendung der dadurch gewonnenen Erkenntnisse sein. Da war sicher einmal etwas daran, allerdings muss man das Perfekt in diesem Satz deutlich betonen. China ist heute außerordentlich innovativ, wie die zunehmende Zahl an Patenten und der weltweite Export-Erfolg seiner Waren zeigen. Das „Kleinmachen“ chinesischer Innovationskraft ist zu einem großen Teil aus einem Gefühl des Neides geboren und dies hat mich veranlasst, die Geschichte der kulturellen Beziehungen zwischen China und Europa etwas näher zu betrachten.

Weltverändernde Entwicklungen wie das Schießpulver, der Kompass oder die Papierherstellung haben ihren Weg von China nach Europa gefunden. Diese Neuerungen sind von China-Reisenden wie Marco Polo (1254 – 1354) oder über die Seidenstraße von den Arabern im 12. und 13. Jahrhundert in den Westen gebracht worden, wo sie weiterentwickelt und „massentauglich“ gemacht wurden.
Wir können uns die Gegenwart ohne diese Gegenstände kaum vorstellen. Kriege wären anders verlaufen und der Rest unserer Welt wäre mangels Orientierung vielleicht nicht entdeckt worden und wir wären ewig dumm geblieben, da es keine Bücher gegeben hätte. Ein Zyniker mag fragen „…na und?“. Wir hätten nie etwas von den heute noch uneingeschränkt geltenden fünf Tugenden des chinesischen Philosophen Konfuzius (? -479 v. Ch.) gehört (Menschlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit und Weisheit) und seine Behauptung „Der Weg ist das Ziel“ wäre kein geflügeltes Wort geworden.

Nicht weniger hat die chinesische Genusskultur unsere hedonistische Lebensart beeinflusst. Von seiner Auswirkung am bedeutendsten war dabei der Tee, heute das am meisten konsumierte Getränk der Welt. Es gibt zahlreiche chinesische Legenden, wie der Tee vor etwa fünf Jahrtausenden entdeckt wurde. Alle ranken sich um die wach machende Wirkung von Aufgüssen der grünen Teeblätter. Trotz seiner langen Geschichte im Reich der Mitte, die sich bald auch auf die anderen Länder Ostasiens ausdehnte, fand erst im 17. Jahrhundert der Tee seinen Weg auch nach Europa. Die Holländische „Ostindische Kompanie“ wurde gegründet und brachte den ersten Tee aus China auf dem Seeweg in die Niederlande. Um 1650 kam er schließlich von dort nach England und eroberte zunächst die aristokratische Welt, wurde aber bald zum Lieblingsgetränk aller Gesellschaftsschichten im Vereinigten Königreich und seinen über die Welt verstreuten Kolonien. Die britische Teekultur setzte auch die Maßstäbe für die weltweite Kommerzialisierung des Tees.

Neben dem Tee wird auch der Beginn der Geschichte der Nudeln nach China verortet. Wieder soll es Marco Polo gewesen sein, der auch chinesische Teigwaren nach Europa brachte. Nach heutigem Stand der Geschichtsforschung gibt es mehrere Interpretationen für die Entstehung der Pasta. Da die bekanntesten Gerichte dieser Art, wie Spaghetti, Ravioli oder Fettuccine aus Italien stammen, wird gelegentlich angenommen, dass dort auch deren Ursprung liege. Es gibt aber mehrere historische Quellen, die nahelegen, dass unterschiedliche Arten von Nudeln unabhängig voneinander entstanden sind und somit kein konkretes, gemeinsames Herkunftsland haben. So erfanden die andalusischen Mauren z.B. das heute im Maghreb so beliebte Couscous. Dieses besteht aus den Getreidesorten Weizen- oder Gerstenmehl und Wasser, also den recht einfachen Zutaten aller Pasta-Variationen, die tatsächlich global verfügbar waren und noch sind.

Der bedeutende kulturelle Einfluss Chinas in Europa wurde im 17. und 18. Jahrhundert besonders deutlich, als die wohlhabenden Gesellschaftsschichten angefangen hatten, sich für „Chinoiserien“ zu interessieren. Es begann im Zeitalter des Barock, mit Fortsetzung im Rokoko: auf der Suche nach immer mehr sinnlichen Reizen entwickelte sich eine enorme Begeisterung für chinesische Kunst und Dekoration, Porzellan, Seidenstoffe und Lackarbeiten. Teilweise wurden diese Dinge im Original direkt aus China importiert, vielfach wurden sie aber mehr oder weniger fantasievoll von europäischen Künstlern im chinesischen Stil interpretiert und hergestellt. Maler wie Jean-Antoine Watteau (1684 – 1721) und François Boucher (1703 – 1770) haben chinesische Motive auf die Leinwand gebracht. Gleichzeitig begann man in den Parks und Gärten Europas Pagoden und Teepavillons und sogar chinesische Wasserlandschaften zur Freude der Besucher zu errichten. Höhepunkt dieser Welle in Deutschland war das von Friedrich dem Großen (1712 – 1786) in Auftrag gegebene „Chinesische Haus“ beim Schloss Sanssouci in Potsdam, einer Mischung aus architektonischen Rokoko-Elementen und chinesischer Architektur.

Zur Komplettierung des „China-Gefühls“ war die Herstellung von Porzellan, dem geheimnisumwitterten Material chinesischer Vasen, unbedingt erforderlich. Erst 1708 gelang es einem Gelehrten aus dem sächsischen Meißen ein dem Porzellan vergleichbares, weißes, durchscheinendes und hartes Material herzustellen. Mit dem blauen Zwiebelmuster bemalt, wurde es ein Welterfolg!

In den heutigen Denkmustern müssten wir zugeben, dass es sich bei den Chinoiserien um einen schweren Fall von „kultureller Aneignung“ gehandelt hat, in der damaligen Wirklichkeit aber war es die Freude an Kunst und Lebensart eines der ältesten Kulturvölker auf dem Globus!

Bleiben Sie stets neugierig …und genussvoll durstig!

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