
Anzeige für Giacomo Puccini’s Oper „Turandot“, 1926.
Bei Wikipedia lautet die Begriffserklärung für „woke“: erhöhtes Bewusstsein für Rassismus und mangelnde soziale Gerechtigkeit. Was simpel klingt und im vergangenen Jahrzehnt als „Wokismus“ zu einer Weltanschauung mit klaren Verhaltensregeln mutierte. Die Geisteshaltung der Woke-Bewegung wurde von Anbeginn von einer gebildeten, bürgerlichen Mitte abgelehnt. Das haben sich Aktivisten vom rechten Rand der westlichen Gesellschaften zu Nutze gemacht, um gegen die, vornehmlich links zu verortenden, politischen Kontrahenten zu polemisieren und vorzugehen. Dieser „Kulturkampf“ ist gerade in den USA in vollem Gange. Ich finde es ganz erstaunlich, dass linguistische Turnübungen wie das sog. „gendern“, mit seinen Sternchen mitten in den Worten, nicht die weltanschaulichen Petitessen gebliebenen sind, die sie von der Sache her ja tatsächlich waren. Etwas tiefer geht da schon die woke Begrifflichkeit der „kulturellen Aneignung“ womit die Übernahme von Sprache, Tanz, Musik oder Symbolen bzw. anderen Eigenschaften einer Kultur durch Mitglieder einer anderen gemeint ist. Dies ist besonders dann beklagenswert, wenn es sich bei der übernehmenden Kultur um frühere oder gegenwärtige Kolonialmächte handelt. Zudem wird die fremde Kultur häufig aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und willkürlich in einen neuen eingebettet. Ich kann das schlechte Gewissen heutiger Generationen bei der Gewalt sowie der materiellen und kulturellen Ausbeutung der Kolonien von den einst dominierenden Mächten sehr gut verstehen. Leider sind etliche Aspekte dieser Geschichte ihrerseits bereits Teil unserer eigenen Kultur geworden.
Man denke nur an die großen ethnologischen Museen, an die Jazzmusik, an viele modische Tänze, an die Palette lukullischer Freuden aus fernen Ländern und an die Weltliteratur, um zu verstehen, wie eng der Kolonialismus mittlerweile mit unserer Kultur verschmolzen ist. Reden wir bei all diesen Dingen über einen bewussten Dialog mit der fremden Kultur oder bleiben wir bei stereotypen Darstellungen und/oder den alten und verzerrenden Machtstrukturen stehen? Der Machtfaktor ist ganz entscheidend im Kontext der kulturellen Aneignung, so ist das Singen von Mozart-Liedern durch eine afroamerikanische Sängerin oder das Dirigat eines Japaners von Beethovens Musik, für uns selbstverständlich völlig akzeptabel, da beides überhaupt keinen, auch keinen latenten, Machtanspruch beinhaltet.
Kaum anderswo finden wir so viele Anleihen an andere Kulturen wie in der Opernliteratur, denn die geografische Ferne übte für Musiker schon immer eine magische Anziehungskraft aus. Giacomo Puccini (1858 – 1924) ist mit seinen beiden Opern Madame Butterfly und Turandot ein klassisches Beispiel. Cio-Cio San, alias Butterfly, und der amerikanische Offizier Pinkerton stellen die üblichen Klischees einer Japanerin und eines US-Amerikaners dar: sie, sanft, untergeben und liebend, er, ein skrupelloser, fordernder Macho. Die grandiose Musik erschafft aus diesen Personen Menschen aus Fleisch und Blut und macht sie in hohem Maße bühnenreif. Die chinesische Prinzessin Turandot und ihr Vater entsprechen genau der europäischen Verunglimpfung der angeblich machthungrigen und grausamen Herrscher des Landes. Aber „Nessun dorma“, eine der berühmtesten Arien der Operngeschichte, versöhnt mit allem Klischeehaftem des Librettos.
Von „Zigeunern“, heute im Woken-Jargon „Sinti und Roma“, oder korrekt gar „Sinti:ze und Rom:nja“ genannt, erzählt uns Azucena in Giuseppe Verdis (1813 – 1901) „Il Trovatore“ und George Bizets (1838 – 1875) „Carmen“, eine „Zigeunerin“, die sich am Rand der Gesellschaft bewegt. In beiden Opern werden wir in ein „Zigeunerlager“ geführt, wo die Regie durch undifferenzierte Darstellungen entsprechend leicht zur kulturellen Aneignung der Lebensformen dieser Volksgruppe kommen kann. Ich habe verstanden, dass „Zigeuner“ der furchtbare Verfolgungsbegriff im Nationalsozialismus war, und deswegen sage ich das Wort gerne auf Spanisch: „gitanos“, was weniger belastet ist, bzw. setze es in Anführungsstriche. In den beiden genannten Opern sind die „gitanos“ im Grunde sehr liebenswerte Personen, trotz ihrer gelegentlich anrüchigen Tätigkeiten.
Ein weiteres, kurioses Beispiel ist Wolfgang Amadeus Mozarts (1752 -1798) Oper „Die Entführung aus dem Serail“. Hier ihre Geschichte im Stenogrammstil: Durch einen Seeräuberüberfall wird Konstanze von ihrem Verlobten Belmonte getrennt. Zusammen mit ihrem Personal wird sie auf einem türkischen Sklavenmarkt verkauft. Sie enden im Palast des Herrschers Bassa Selim, der Konstanze in seinen Harem aufnimmt. Belmonte erfährt davon und versucht seine Geliebte zu befreien. Dabei muss er sich mit dem unangenehmen Haremswächter Osmin auseinandersetzen. Schließlich gibt Bassa Selim nach und es kommt zum glücklichen Ende, denn er erkennt die Macht der Liebe zwischen Konstanze und Belmonte an. Eigentlich hat das Genie des jungen Mozart hier eine aus heutiger Sicht höchst brisante Geschichte vertont. Eine europäische Frau gerät in die Fänge eines fundamentalistischen Moslems. Nur nach Überwindung größter Widerstände gelingt es, den Zusammenprall der Zivilisationen zu verhindern und eine Verhandlungslösung zu erreichen. Die begonnene kulturelle Aneignung des türkischen Stoffes durch den Komponisten wird von ihm selbst und seinem Librettisten lösungsorientiert ausbalanciert.
Die Debatte um die kulturelle Aneignung in den Operntexten bleibt unverändert lebendig und facettenreich. Selbst wenn der Stern des Wokismus schon längst wieder am Sinken ist, sollten wir die sog. „kulturelle Aneignung“ immer im Licht interkultureller Zusammenhänge im Dialog und im Geist der Verständigung sehen und dabei auch die häufig großartigen künstlerischen Ansätze nie vergessen.
Bleiben Sie stets neugierig – das stärkt Ihre Gehirngesundheit!

Leave a Reply