
Das berühmteste Gemälde der Welt: Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle -Die Erschaffung Adams
Mich haben Mythen, die die Entstehung der Welt beschreiben, schon immer fasziniert. Jeder Kulturkreis auf unserer Erde hat offenbar seine eigene Schöpfungsgeschichte, die versucht den Ursprung der jeweiligen Gesellschaft, ihres Landes, des gesamten Planeten und des ihn umgebenden Universums zu beschreiben. In der germanischen Edda spielen Eis und Feuer bei der Geburt der Götter die überragende Rolle und aus diesen übernatürlichen Wesen entstand schließlich die Materie. In der chinesischen Mythologie war die Welt ein Ei aus dem die dunkle Erde (Yin) und der helle Himmel (Yang) entstanden. Die alten Ägypter glaubten an ein Urwasser, aus dem der Schöpfergott stammte, dessen Gedanken die Welt schließlich erschufen. Ich könnte noch viele andere Mythen aus anderen Ländern und Kontinenten aufzählen, würde aber dadurch keinen weiteren Erkenntnisgewinn erzielen, denn es liefe immer auf eine höhere Macht hinaus, durch deren Willen die Schöpfung in Gang gesetzt wurde.
In meiner persönlichen Vorstellungswelt ist die schlichte Erzählung der Genesis am Beginn des ersten Buches Moses einer der schönsten, weil poetischsten, Schöpfungs-Mythen. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“. Dann schuf Gott Licht, teilte das Land vom Meer und bevölkerte beides mit Lebewesen. Mose redet von der Schöpfung des Lichtes, das die Dunkelheit erhellt. Obwohl der biblische Text bereits selbst wie Musik klingt, redet Moses aber überhaupt nicht von der Schöpfung von Tönen, die die Stille durchbrechen. Trotzdem muss es Laute in der ursprünglichen Wildnis gegeben haben, denn das Meer rauschte und der Wind Pfiff und schließlich gab es den Zusammenklang (griech.: Symphonia) all der irdischen Töne mit denen der Planeten zu einer kosmischen Klang-Harmonie. Richard Wagner hat in dem Vorspiel zum „Rheingold“ diese Schöpfungsstimmung akustisch erfahrbar gemacht. Töne sind ursprünglich nur Geräusche, die von den meisten Lebewesen wahrgenommen werden; erst der Mensch hat aus diesen den Klang erschaffen, der in all seinen Farben die Musik möglich gemacht hat.
Die Genesis berichtet weiter, dass ein Ur-Urenkel von Adam und Eva namens Jubal der Vater aller späteren „Zither- und Flötenspieler“ gewesen sei. Von seinem Bruder Tubal-kain „sind hergekommen alle Erz- und Eisenschmiede“. Die Brüder Jubal und Tubal-kain könnten am Beginn der mythologischen Verquickung von Musik mit der Kunst der Schmiede stehen. Einer griechischen Legende nach soll nämlich Pythagoras von Samos in einer Schmiede begleitet von Hammer- und Amboss-Tönen die Theorie der Musik entwickelt haben.
Im Gegensatz dazu redet die atheistische Version des Verlaufes der Schöpfung vom „Urknall“, also tatsächlich von einem Geräusch, das am Anfang unserer langen Geschichte stand. Die Welt entstand demnach mit einem Paukenschlag! Der Rest der Historie sind trockene, mathematische Formeln, die nicht für den Intellekt von Schöngeistern gedacht waren, sondern nur für den von entsprechend ausgebildeten Wissenschaftlern. In dem Mythos von der Entstehung der Welt, wie er von den sog. Orphikern in der Antike propagiert wurde, spielten der Sänger Orpheus und seine Musik eine zentrale Rolle. Ich selbst spüre sehr intensiv, dass die Musik tatsächlich in der Lage wäre, die rationalen und die mystischen Schöpfungsgeschichten miteinander zu versöhnen und zu einem einheitlichen Bild zusammenzuführen und sinnlich erfahrbar zu machen. Dazu benötigen wir die menschliche Stimme, deren zentrale Figur eben jener Orpheus war. Er konnte durch die Macht seines Gesanges nicht nur den Lauf von Flüssen verändern, sondern auch die Götter der Unterwelt dazu bringen, zuzulassen, dass er seine Geliebte Eurydike aus ihrem Reich zurückholte. Ein die Stimme begleitendes Instrument war da gerade recht, und Hermes, der griechische Götterbote, erfand die Lyra, die er später an Apollon, den Gott der Musik, weitergab. Dieser konnte mit seinem Spiel wilde Tiere besänftigen und sogar Steine beleben. Die olympische Göttin Athene, die Weisheit und Kunst vertrat, soll der Menschheit den Aulos, die antike Flöte, geschenkt haben. So ist letzten Endes die Musik, wie wir sie heute kennen und lieben, entstanden. Der Mythos ihrer Geschichte weist tatsächlich auf ihren göttlichen Ursprung hin.
Die nächste Frage ist: Warum und wozu hat man Musik überhaupt gemacht? Vermutlich waren es die Gründe, die noch heute zum Musizieren anregen: Kinder zu beruhigen oder zum Schlafen zu bringen, zur Partnerwerbung, beim gemeinsamen Arbeiten, zum Tanz, im Krieg und nicht zuletzt im religiösen, bzw. spirituellen Rahmen. Es scheint, als ob die Musik weltweit, über alle Kulturen hinweg, Grundstimmungen vermitteln könne. Im Laufe ihrer Entwicklung ist sie aber dann der Entwicklung ihrer jeweiligen Gesellschaft gefolgt hat sich entsprechend differenziert und (leider auch) kompliziert. Heute stellt sich die Musik überall als menschliche Ausdrucksform dar, die man erst erlernen muss. Musik hat sich sogar teilweise kommerzialisiert, d.h. Musiker werden zu Unternehmern und verkaufen ihr Können. Das stört den Musikfreund nicht, solange der Künstler seine Seele zum Schwingen bringt und das Göttliche in den Tönen offenbart!
Bleiben Sie stets neugierig!
