
Orthodoxes Christentum in Serbien (Pixabay, mit Dank an falco)
Eigentlich hatte ich mir schon vor Jahren vorgenommen nicht mehr über politische Themen zu schreiben, aber was vor Kurzem in Serbien geschah hat mich motiviert mal wieder meine eigene Meinung dazu in Worte zu fassen. Das Balkan-Land Serbien war, in meinem Bewusstsein, nie mehr als der klägliche Rest des vergangenen Staatenbundes Jugoslawien. Sein einstiger Führer, der später vom Den Haager Internationalen Gerichtshof als Kriegsverbrecher verurteilte Slobodan Milošević prägte lange mein Bild von Serbien. Der spätere ultranationalistische Aleksandar Vučić baute ein autokratisches System auf, dessen Innen- und Außenpolitik sich intensiv an den persönlichen Interessen der Mitglieder des Staatsapparates orientierte und sehr wenig Sympathie für das Land aufkommen ließ. Das Ergebnis der vorgezogenen Parlamentswahlen am 26. Oktober 2026 veränderte meine Sichtweise auf Serbien schlagartig. Was war passiert?
Die junge oppositionelle „Studentenliste“ hat einen völlig unerwarteten Wahlsieg errungen und wird nun als Regierung mit absoluter Mehrheit die Verantwortung für Serbien übernehmen. Die Wahl erinnert ein wenig an die Ereignisse im ebenfalls autokratische regierten Ungarn vor etwa 6 Monaten, als Péter Magyar und seine Tisza-Partei die langjährige Herrschaft von Viktor Orban übernahm und dieser, ohne Widerstand zu leisten, seine Wahlniederlage anerkannte und sang- und klanglos abtrat. Auch Vučić hat sofort nach seiner Abwahl den Rückzug verkündet. Sind osteuropäische Autokraten vornehmer und kompromissbereiter als amerikanische, mag man angesichts des Verhaltens des gegenwärtigen US-Präsidenten fragen? Ihren Anfang nahm die Studentenbewegung in der Ortschaft Novi Sad an der Donau. Als dort im November 2024 das Vordach des Bahnhofes einstürzte und 16 Menschen dabei ums Leben kamen formierten sich dortige Studenten zum Protest gegen die Verursacher dieses Unglücks. Man beschuldigte sie der Korruption und mangelnden Überprüfung der öffentlichen Sicherheit. Diese Bewegung ergriff bald weitere gesellschaftliche Kreise im ganzen Land und weitete sich zu einer nationalen, basisdemokratisch ausgerichteten Organisation aus. Die Funktionäre der Gruppe setzten sich aus Hochschullehrern, Ärzten, Wissenschaftlern, Künstlern und Studenten zusammen. Ihr Spitzenkandidat ist der Arzt und Kardiologe Ilija Srdanović aus Novi Sad.
Auf diese Leute wartet nun eine Mammut-Aufgabe: In den Behörden des Landes sitzen natürlich noch die Kader des abgewählten Präsidenten und seiner Partei, sie könnten der neuen Regierung viele Steine auf ihren Reformweg legen. Ein weiteres Problem könnte die große Vielfalt der Ideologien und Meinungen innerhalb der Studentenliste sein. Das einzige verbindende Element unter ihnen war ja nur der Wille das Sytem Vučić zu überwinden bzw. abzulösen. Ansonsten fanden sich unter ihnen, Sozialisten, Linksliberale und Nationale sowie vermutlich auch Unpolitische, deren Konsensbildung in einer Regierung schwierig werden dürfte. Immerhin gibt es einige Gemeinsamkeiten, die von allen geteilt werden: Die Rückkehr zum transparenten Rechtsstaat, die Freiheit von Rede, Medien und der Presse und Mitgliedschaft in der Europäischen Union scheinen von allen als unabdingbar angesehen zu werden. An dem traditionell guten Verhältnis zu Russland und an der Kosovo-Frage werden sich die Geister scheiden.
Die jüngere Geschichte Serbiens ist geprägt von den verschiedenen, aufeinander folgenden Staatsformen. Nach dem Ersten Weltkrieg entstand 1918 das sog. Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Nach der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1941 wurde Serbien unter deutsche Militärverwaltung gestellt und dort eine von der Reichsregierung in Berlin abhängige serbische Administration errichtet. Die kommunistischen Widerstandskämpfer unter der Führung von Marschall Tito übernahmen 1945 die Macht und Serbien welches ein Teil der Volksrepublik Jugoslawien wurde. Nach dem Tod von Tito zerfiel das Reich und die einzelnen Staaten, einschließlich Serbiens zusammen mit Montenegro, erklärten sich für unabhängig. Diese Zeit war von verschiedenen, kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt, in denen ethnischer und religiöser Hass dominierte. Später untersuchte der Internationale Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag die während der post jugoslawischen Kriege verübten Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen. 2006 löste sich Montenegro aus der Union mit Serbien. Vučić, der einstige Informationsminister unter Präsident Milošević, wurde 2007 serbischer Präsident. Seine Präsidentschaft dauerte bis zum historischen Wahlsieg der Studentenliste 2026. Die Nichtanerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo ist bis zum heutigen Tage eine scheinbar unüberwindbare Mauer für bisher alle serbischen Regierungen und in der Bevölkerung ein emotionaler Dauerkonflikt gewesen. Es wird interessant sein zu sehen, wie die neue Regierung damit umgeht.
Nachdem ich die Nachricht vom großartigen Sieg der Studentenliste in Serbien gehört hatte, waren meine persönlichen Empfindungen Freude und Erleichterung sowie eine Stärkung meiner Überzeugung, dass die Demokratie eine vernünftige und adäquate Staatsform für uns Europäer ist. Die serbische Jugend hat dies offenbar begriffen und sich im Wahllokal entsprechend verhalten. Die große Hoffnung ist natürlich, dass wir uns hier in Deutschland, wie unsere Freunde auf dem Balkan, in der Bedrängung durch den Autoritarismus, ähnlich verhalten würden!
Bleiben Sie stets neugierig – das stärkt Ihre Gehirngesundheit!
