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Ein Abend mit Radu Lupu

Auf diesem Flügel spielte Radu Lupu im Gewandhaus

Mitten auf der Bühne des Leipziger Gewandhauses steht ein Flügel und davor ein schlichter Bürostuhl mit Lehne. Radu Lupu soll heute (am 12. Februar 2017) spielen. Pünktlich um 20.00 Uhr geht links am Podium die Türe auf und ein großer, weißhaariger und bärtiger Mann kommt aufrechten Ganges mit etwas schlürfend-trippelnden Schritten hinaus, geht zum Piano, verbeugt sich kurz vor dem Publikum und setzt sich hin. Sofort beginnen die Töne den Saal zu füllen und eine wohlig warme Atmosphäre füllt langsam den Raum. Die Szene hat etwas Unwirkliches, der Pianist rührt sich kaum nur seine Hände streifen über die Tasten, es sieht etwas mechanisch aus, was aber aus dem Klangkörper kommt ist göttlicher Haydn. Zunächst spielt er die Variationen in f-moll des Hofmusikus von Schloss Esterhászy. Radu Lupo entlockt der Musik aus der sog. Wiener Klasssik  wunderbar gefühlvolle Nuancen, die glücklich machen – die Töne klangen transparent und filigran wie ein zarter Luftstoß.

Die schlichte Schönheit und Kunst seines Klavierspiels zeigte sich ganz besonders in Schumanns Fantasie C-Dur. Radu Lupo hat seinen Körper voll unter Kontrolle: er spielt mit einer Leichtigkeit der Hände, deren Finger eine Palette von Melodien und Harmonien zu einem Hörerlebnis sondergleichen werden lassen. Ich hatte das Gefühl, dass er mich mitnahm an die Grenze zur Unergründlichkeit der Musik. Sein Spiel hatte etwas sehr Intimes und es war geprägt von der menschlichen Reife eines großen Musikers. Noch nie habe ich eine so minimalistische Vorstellung mit so unendlich viel Inhalt gehört und gesehen. Ja, man muss ihn sehen! Majestätisch wie einst wohl Johannes Brahms – mit dem er eine physische Ähnlichkeit hat – sitzt er am Piano und ist ganz Geist und Gefühl. Auch im letzten Stück, Peter Tschaikowskis „Jahreszeiten op. 37b“, entlockte er dem Flügel wunderbare Passagen, obwohl die Musik vielleicht etwas an der Oberfläche blieb.

Wieder zuhause wollte ich mir Klaviermusik von Radu Lupu auf einem Tonträger besorgen und musste feststellen, dass er in den letzten beiden Jahrzehnten keine Musik mehr aufgenommen hat. Selbst Konzertmitschnitte hat er offenbar abgelehnt. Der jetzt 71-jährige Pianist scheint die Auffassung seines rumänischen Landsmannes und dirigierendem Künstlerkollegen Sergiu Celibidache  (1912 – 1996) zu teilen, nämlich, dass man Musik nicht wirklich konservieren könne,  da sie in hohem Maße vom Moment ihrer Schöpfung auf dem Instrument lebe und wesentlich von den Qualitäten des Raumes in dem sie sich entfalte, abhängig sei. Dieses Wissen erhöht beim Zuhörer die Wertschätzung der Musik Radu Lupus ganz beträchtlich, denn in der Tat, häufig glaubt man nicht, dass Lupu ein längst geschriebenes Musikstück interpretiert, es kling vielmehr als würde es in dem Augenblick seines Spielens überhaupt erst komponiert werden.  Lupus Biographie ist nicht nur gespickt mit namhaften Künstler-Preisen sondern enthält auch viele Namen großer Dirigenten, mit denen er zusammen gespielt hat. Über dem Podium des Leipziger Gewandhauses steht in Großbuchstaben der lateinische Wahlspruch: RES SEVERA VERUM GAUDIUM (Wahre Freude ist eine ernste Sache). Wie wahr mit Blick auf Radu Lupu!

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