Drucken Drucken Artikel weiterempfehlen Artikel weiterempfehlen

Mein Urgroßonkel E.W. Hilgard und der Weinbau in Kalifornien

Eugen Waldemar Hilgard

Eugen Waldemar Hilgard

Am Beginn des  neuen Jahres ist vielleicht die Gelegenheit sich eines Verwandten zu erinnern, der von seiner Interessenslage viel mit mir gemeinsam hat. Eugen Waldemar Hilgard, ist ein Großonkel von mir und er war der erste Professor für Weinbau und der Gründungsdekan der Fakultät für Agrarwirtschaft an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Seine Forschungen über den Wein erstreckten sich vom Rebwachstum in den verschiedenen Regionen Kaliforniens bis zur Analytik der Farbe und des Tanningehalts der Beeren und des fertigen Weins. Er personifizierte die Entwicklung der amerikanischen Reb- und Bodenkunde und der Önologie schon im späten 19.  Jahrhundert.

Bereits vor 1890 erschienen Publikationen von Eugen Waldemar, die den Wein bzw. den Weinbau zum Thema hatten. Von seinem Pfälzer Vater Theodor Erasmus Hilgard hatte er schon in früher Jugend die Zuneigung und das Interesse am Wein vermittelt bekommen. Der Vater hatte nach der Emigration seiner Familie nach Belleville, Illinois, dort einen Rebgarten und kelterte selbst Wein, über dessen Beschaffenheit wir nur wissen, dass er aus der Catawba-Rebe, einer Hybridrebe, gekeltert wurde. Sein Name ist aber noch überliefert: „Hilgardsberger” und dieser war ein Rotwein. Die Jahrgänge 1850 und 1853 waren, wie mehrfach berichtet wurde, legendär gut.

Eugen Waldemar hatte von Jugend auf eine Beziehung zum Wein und so nimmt es nicht Wunder, daß er einen Ruf nach Berkeley annahm und sich nach seiner Ankunft dort mit dem bacchantischen Thema wissenschaftlich auseinandersetzte. Der Weinbau in Kalifornien hatte eine vergeichsweise lange Tradition. Der Franziskaner-Mönch Junpero Serra pflanzte in der kalifornischen Missionsstation, Mission San Diego de Alcalá, den ersten kalifornischen Weinberg um über Messwein zu verfügen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1784 legte Pater Serra den Grundstein für weitere 8 Missionsstationen in Kalifornien, die alle mit eigenen Rebanpflanzungen ausgestattet waren. Er wird daher als der Vater des kalifornischen Weines angesehen.

In Kalifornien wurden Setzlinge der Rebsorte Mission, die bis Ende des 19. Jahrhundert den Rebsortenspiegel der Region dominieren sollte, angepflanzt. Mission war eine Spielart, des País, einer in ganz Lateinamerika verbreiteten, spätreifenden Sorte von eher geringer Qualität, Sie stammt von der in Sardinien beheimateten Monica ab, diese wiederum ist spanischen Ursprungs und lebt dort in der heutigen Pansal fort.  In den 1850er und 1860er Jahren importierte der ungarische Soldat und spätere Sheriff von San Diego, Agoston Haraszthy europäische Rebsorten. Neben vielen unbekannten Setzlingen war bereits eine Sorte in seinem Sortiment, die die kalifornische Weinwelt nachhaltig beeinflusste: der Zinfandel.

Haraszthy stelltre bei seinen Anbauversuchen schnell fest, dass das Klima bei San Diego für den Qualitätsweinanbau viel zu warm war. Er gründete daher 1852 Anpflanzungen in der Nähe der Bucht von San Francisco und im Jahr 1857 konzentrierte er seine Anstrengungen auf das Sonoma Tal. Er baute dort den noch heute bestehenden Weinbaubetrieb Buena Vista Winery auf. Zusammen mit der Gundlach-Bundschu Winery , dem ältesten noch bestehenden Familienunternehmen, begründet dieser Betrieb den Ruf des Sonoma Valley als Keimzelle der kalifornischen Weinbauindustrie.

Im Jahr 1861 eröffnete Charles Krug in St. Helena den ersten kommerziellen Weinbaubetrieb des Napa Tals. Wegen der schlechten und meist sehr sumpfigen Böden waren die Erträge dort allerdings gering. Erst die Umsetzung von E.W. Hilgards Forschungen in Berkeley erschlossen das ganze Potential des Weinbaus im Napa Tal.

Durch den regen Import europäischer Rebsorten gelangten im Jahr 1863 umgekehrt amerikanische Wildreben nach Europa. Diese waren von der Reblaus (Phylloxera) befallen und lösten in der Folge die größte Katastrophe der europäischen Weinbaugeschichte aus. Ein Pflanzenzüchter aus Texas namens Thomas Munson schlug vor, die edlen europäischen Weinreben auf resistente Unterlagen zu pfropfen. Diese Lösung setzte sich schließlich generell durch und wird bis heute weltweit praktiziert. Sein 1909 veröffentlichtes Buch Foundations of American Grape Culture, war der große Durchbruch und ist noch heute ein Standardwerk an Weinbauschulen. Vieles von Munsons Werk basierte auf den Erkenntnissen und Forschungen von Georg Engelmann, einem Onkel von Eugen Waldemar. Längst vor Munson griff Hilgard die Frage der Phylloxera auf, denn sie spielte auch in Kalifornien eine gewisse Rolle. Zwar hatte er die Lösung des Problems noch nicht zur Verfügung aber er stellte die bekannten Mechanismen der Plage in seiner bewährten, klaren Sprache für die Weinbauern in einer Vorlesung verständlich dar.

Eugen Waldemar war ein großer Connoisseur und Geniesser des Weins und er schrieb schon mit Weitblick am Beginn seiner Zeit in Berkeley „Kalifornien wird eines Tagen zu den besten Weinerzeugern der Welt gehören”. Tatsächlich gewann ein Kalifornier (Inglenook) im Jahre 1889 in Paris auf der Weltausstellung bei einer Weinverkostung einen Preis, was einer kleinen Sensation gleichkam. Eugen Waldemar hatte sich in der Nähe der Mission San José einen Rebgarten von 30 Äckern (=12 Hektar) zugelegt und experimentierte mit eingeführten Rebsorten. 20 Jahre später sollten seine Weinberge der Phylloxera zum Opfer fallen.

Weil er beim Wein so ein großer Qualitätsfanatiker war und dies auch in die Öffentlichkeit trug, geriet er immer wieder in Konflikt mit den großen Weinproduzenten und der Presse. Man solle doch um Gottes Willen nicht einem Universitätsprofessor Glauben schenken, was guten Wein betrifft, war der Tenor. Qualität war nur durch mehr Aufwand im Rebgarten und in der Kellerei zu erreichen, was naturgemäß den Preis in die Höhe trieb und den Gewinn der Hersteller schmälerte. Viele der Weinmacher und Weinbauern im Napa Tal waren Deutsche aus dem Rheingau, von der Mosel oder aus der Pfalz, die häufig aus ähnlichen Gründen wie die Hilgards im 19. Jahrh. ausgewandert sind. Tatsächlich wurden viel Jahre lang die Geschäfte im Napa Tal in Deutsch geführt. Es fiel Eugen Waldemar natürlich leicht mit diesen Leuten zu kommunizieren und sie mögen ihn animiert haben mehrere seiner Bodenkunde-Arbeiten in Deutsch zu publizieren. Hilgards wissenschaftliche Tätigkeit umfasste die Auswertung verschiedener Anbau- (Reberziehungs-)Methoden und die ersten Untersuchungen zum Farbstoff und Gerbsäure (Tannin-)gehalt. Er gilt als einer der Väter des wissenschaftlichen Weinbaus und seine Datensammlung ist noch heute von unschätzbarem Wert für die kalifornische Weinbaugeschichte.

Das s.g. „Hilgard Project”, im September 2002 an der Abteilung für Weinbau und Önologie an Universität von Kalifornien in Davis, heute das “Robert Mondavi Institute”, initiert, trägt Eugen Waldemars Namen. Es beschäftigt sich mit Mess- und Kontrollsystemen zur Verfolgung der Entwicklung von der Traube zum fertigen Wein. Damit wurde ein anderer Aspekt seiner Arbeit geehrt: seine intensive Beschäftigung mit der Weinanalytik. Für den weinhistorisch Interessierten sind die beiden 2008 bei „Pranava Books” in Neu Dehli erschienen Reprint-Bände „Report Of The Viticultural Work” von E.W. Hilgard von größtem Interesse.. Ihr Inhalt gibt einen Einblick in die systematische Arbeit der von ihm geleiteten önologischen Forschungsabteilung.

Diskussion geschlossen.