Mein Stockholm

Ein heller Wintertag in Frankfurt, mit Schnee auf Straßen und Dächern sowie vorsichtig dahinschlürfenden und wankenden Fußgängern auf den vereisten Bürgersteigen, erinnerte mich an meine Jahre in Stockholm und ich hatte mich entschlossen, meine Gedanken siebzig Jahre zurückwandern zu lassen um einen Rückblick auf jene Zeit zu wagen, die mitbestimmend für mein ganzes Leben wurde. Ich könnte versuchen chronologisch vorzugehen und ab 1955 Jahr für Jahr in meinen Erinnerungen zu kramen um das, was noch übrig ist, schriftlich festzuhalten. Wie vermutlich die meisten Verfasser von Memoiren es tun, könnte ich mir ein historisches Gerüst als Vorlage nehmen und darum herum meinen Rückblick bauen. Ich habe mich aber entschlossen die Jahre 1955 bis 1960 wie durch ein Kaleidoskop zu sehen und mit ihren schillernden Farbtönen an mir vorüberziehen zu lassen, ohne mich durch Fotografien oder schriftliche Aufzeichnungen, über die ich leider nur sehr spärlich verfüge, erinnern zu lassen. So werde ich wissen was tatsächlich in meiner gegenwärtigen Innenwelt noch an Eindrücken vorhanden ist. Lediglich den Stockholmer Stadtplan konsultiere ich gelegentlich um die Korrektheit meiner geografischen Erinnerungen zu überprüfen.

Als wir nach einer abenteuerlichen Fahrt, die den Aufenthalt auf einer Fähre, mit einem grandiosen Mittags-Buffet beinhaltete, an einem Sommertag in Stockholm ankamen sprach ich kein Wort der Landessprache und muss recht verzweifelt gewesen sein, dass weder Freunde noch Geschäfte mit meinen Lieblingsprodukten für mich erreichbar waren. Alles war unbekannt und fremdartig: Auf den Straßen Linksverkehr und, trotz Prohibition, die Bürgersteige voll von Betrunkenen (Linksverkehr und Prohibition wurden bald nach unserer Ankunft aufgehoben). Der erwachsene Sohn des zweiten, protestantischen Pfarrers der Deutschen Gemeinde in der Stadt gab mir Schwedisch-Unterricht und ich machte sehr langsam Fortschritte. Er residierte in der Vorstadt namens Bromma, dort war auch Stockholms Flughafen, an dem ich vorbeikam, wenn ich mit dem Fahrrad zu meinem Unterricht bei ihm fuhr. Der Anblick der dort stehenden Flugzeuge und das aufheulende Geräusch der Motoren erzeugten immer ein unbestimmtes Heimweh nach Deutschland und den sehnlichen Wunsch einmal in so einem Flugzeug zu sitzen und sich in die Lüfte heben zu lassen. Es war ein sehr, sehr heißer Sommer. Viel später nannte man den damaligen schwedischen Ministerpräsident Tage Erlander einen „Sommer 55“, nämlich lang und trocken (er war 23 Jahre lang im Amt!). Lang erschien mir auch die Zeit, in der ich versuchte auf eigene Faust die Stadt zu erkunden um mir die viele Zeit mit ihren extrem kurzen Sommernächten um die Ohren zu schlagen. Im Herbst begann die Schule. An die Vorgänge und Ereignisse, die diese Tatsache begleiteten erinnere ich mich überhaupt nicht. Es muss, trotz aller noch bestehenden Sprachbarrieren recht geräuschlos zugegangen sein. Beskowska Skolan war eine geschichtsträchtige Privatschule auf der Engelbrektsgatan, ein paar Schritte durch den Park namens Humlegården von unserer Wohnung entfernt. Sie war der Dreh- und Angelpunkt meines sozialen Lebens, zumindest bis ich Lisbeth Holmberg getroffen hatte. Wie ich aus dem Internet erfahren konnte, wurde die Schule bis 1976 weitergeführt, dann verkauft und in ein Bürohaus verwandelt. Eine oder zwei Klassen unter mir drückte der Kronprinz, „lillprinsen“ (Kleinprinz) genannt, der heute als Carl XVI Gustaf König von Schweden ist, die Schulbank. Die republikanisch gesinnten Snobs in meiner Klasse behaupteten bösartig er leide unter Legasthenie. Zu einem bestimmten Zeitpunkt meiner frühen Schulzeit wurde trotzdem die Parole unter den Klassenkameraden ausgegeben, dass wir unsere Schule aufgrund der genannten Tatsache „Royal Beskow“ nennen sollten. Heute weiß ich, dass wir ein furchtbar elitärer Haufen mit wohlhabenden Eltern waren und ich spürte schon damals die abstoßende soziale Arroganz einiger meiner Mitschüler. Wir waren stolz auf unsere marineblauen Schulblazer mit den eingestickten, Eichenblatt umrandeten, Großbuchstaben BS auf der linken Brusttasche. Ich habe vor einiger Zeit, auch im Internet, die „Föreningen Gamla Beskowiter“ (Verein der alten Besowiter) gefunden und mir lange überlegt, ob ich mich aus purer Neugierde melden sollte. Aber viele der Mitschüler werden schon nicht mehr am Leben sein und mein Schwedisch ist wieder auf einem Nullpunkt. Deshalb möchte ich mir die traurige Erfahrung dies alles Schwarz auf Weiß dokumentiert zu bekommen, ersparen. Trotzdem spüre ich, dass ich ein Beskowiter Steppenwolf geblieben bin. International bekannte Schüler dort waren z. B. Olof Palme und Sven Hedin. Lokal bedeutende Personen haben das „königliche Beskow“ zu Hauf verlassen. Wir hatten z.T. ganz großartige Lehrer: Ich denke dabei insbesondere and das „Fröken“ Boel Smedmark, die langjährige Klassenlehrerin und an Folke Roth den wunderbaren Musiklehrer von dem ich viel über klassische Musik erfuhr und mit dem ich meine Begeisterung für Mozart teilen konnte.

Unter den damaligen Klassenkameraden wurde insbesondere zwei davon sehr enge Freunde: Mauri Wahlstöm und Tarras Blom. Beide waren etwas wie Außenseiter, jeder auf seine Art. Mauri war der Sanftmütige, der Besinnliche und Stille unter den beiden. Tarras war ständiger Sucher, er wollte alles hinterfragen und war immer neugierig. Mit ihm konnte ich intellektuell viel mehr teilen als mit allen anderen Freunden. Zudem war er ein großartiger Zeichner, der sich in das Thema „Lokomotiven“ vernarrt hatte, die er meisterhaft und manchmal auch, wenn sie in einen Unfall verwickelt waren, sehr ironisch gezeichnet hat. Erstaunlicherweise waren wir nie alle drei zusammen und ich glaube, meine beiden Freunde hätten sich untereinander auch wenig zu sagen gehabt – sie waren einfach zu unterschiedlich. Ich fühlte mich mit beiden sehr wohl, denn sie teilten je eine Facette meiner emotionalen Bedürfnisse. Es waren noch richtige Jungens-Freundschaften wir hatten keinerlei Bedürfnis nach Beziehungen zu Mädchen. Sexualität spielte keine Rolle, d.h. sie war noch nicht in unserem Bewusstsein präsent. Mit Tarras habe ich mich sehr häufig bei uns zuhause getroffen, bin aber selbst nie im Haus seiner Familie gewesen. Vielleicht sahen es seine jüdischen Eltern nicht so gerne, dass ihr Sprössling sich ausgerechnet einen Deutschen als Freund ausgesucht hatte, das Ende der Shoa war gerade mal 16 Jahre her! Aus Tarras wurde ein berühmter Architekt, dessen Zeichnungen und Werke in vielen schwedischen Museen zu sehen sind. Er starb 2014 im Alter von 75 Jahren. Mauris Eltern – er war in Wirklichkeit ein Adoptivsohn – waren sehr aufgeschlossen und haben mich öfter in ihr Landhaus auf einer Insel in den Schären über das Wochenende mitgenommen. Es waren Besuche einer ganz großartigen Natur, die ich geliebt habe.

Irgendwann meinten meine Eltern wohl, dass ich auch mit dem femininen Teil meiner Altersgruppe in Kontakt kommen müsse und sie meldeten mich bei der Tanzschule des Holger Rosenquist auf der nahe gelegenen Humlegårdsgatan an. Auch das war, wie die Schule, ein nobler Verein. Adrett, wohlgekleidet und mit den entsprechenden elterlichen Ermahnungen versehen, machte ich mich an einem dunklen Wintertag erstmals auf den Weg dorthin. Im rechteckigen Unterrichtsraum saßen auf der einen Längsseite die Mädchen und auf der gegenüberliegenden die Knaben. Wir lernten Foxtrott, Tango und Cha cha cha. Im ersten Unterrichtsjahr interessierten mich die Mädchen überhaupt nicht und ich fand die Verbeugung, die ich jedes Mal machen musste, wenn ich eines von ihnen zum Tanz aufforderte, absolut lächerlich. Mir fehlte die notwendige Selbstsicherheit und ich spürte wie verklemmt ich dem anderen Geschlecht gegenüber war. Dagegen war der Lehrer Rosenquist ein perfekter Gentleman, der uns die Etikette des Umgangs innerhalb der Geschlechter lehrte. Ich erinnere mich noch an die Faszination, die von diesem Mann ausging. In dieser Zeit habe ich für alles Englische geschwärmt und Holger Rosenquist verkörperte für mich den unwiderstehlichen Charme des Britischen, obwohl er natürlich „nur“ ein schwedischer Tanzpädagoge war.

Im Tanzkurs ein Jahr später traf ich dann auf Lisbeth Holmberg, mit der ich die Liebe entdeckte. Mit ihr habe ich die erste große Romanze meines Lebens erlebt. Beide haben wir uns zu einer liebe- und respektvollen Körperlichkeit vorgetastet. Diese Zeit des Erwachens meiner Sexualität verkläre ich ganz sicher heute im Greisenalter und gerade, weil sie nie zu einer wirlichen, sexuellen Erfüllung geführt hat, hatte sie etwas wunderbar Behutsames. Selbstverständlich gab es auch Zeiten der kurzzeitigen Entfremdung durch Eifersucht und Mistrauen, aber aus heutiger Perspektive war das eher ein abwechslungsreiches Spiel mit unseren Emotionen, die wir, außer mit dem klischeehaften „Jag älskar dig“ (Ich liebe Dich) nie verbalisiert hatten. Dank Lisbeth hatte sich mein Schwedisch auch langsam perfektioniert und so wuchs eine kleine Gruppe von gemeinsamen Freunden heran. Lisbeth belegte, neben der Schule, irgendeinen Graphikkurs in einer Art Volkshochschule. Eines Tages traf ich sie ganz aufgelöst nach so einer Stunde und sie erzählte mir mit furchtbarer Abscheu, dass sie heute einen nackten Mann hätten malen müssen. Obwohl ich ihre Aufregung überhaupt nicht verstand, habe ich ihr aus Solidarität beigepflichtet aber innerlich spürte ich den Kleingeist dahinter, der wohl ein Abbild des elterlichen Spießbürgertums war. Ich hatte mich mit den Eltern, denen ich einmal vorgestellt wurde, immer gut vertragen und auch manche Abendstunden mit ihnen und Lisbeth, in ihrer Wohnung auf der Fleminggatan, vor dem gerade für teures Geld angeschafften Fernseher gesessen. Fest verankert in der Erinnerung sind die Fernsehnächte, in denen der Schwede Ingemar Johansson gegen Floyd Patterson in den USA um den Weltmeistertitel im Schwergewichtsboxen kämpfte.  Fernsehen gab es bei mir zuhause nicht und daher wurden diese Stunden am Bildschirm für mich zu einem Fenster in eine faszinierende, technologische Zukunft. Der Vater war Beamter bei der Stadt Stockholm und die Mutter eine erfolgreiche, freie Schriftstellerin von recht banalen Kinderbüchern. In einem davon kam ich später auch einmal vor unter dem Namen Robert! Beide waren sehr besorgt um das Wohlergehen ihrer Tochter und gaben uns immer wieder Vorschläge was wir beide gemeinsam unternehmen könnten (um ja nicht auf Abwege zu geraten!). Da war u.a. auch eine Vorstellung des dänischen Alleinunterhalters und Chansoniers Max Hansen, den meine Eltern noch aus den Zeiten vor dem Krieg kannten und da war auch die große Josephine Baker, die ein Gastspiel in der Stadt gegeben hatte, Wir haben diese Unterhaltungsfossilien gesehen und gehört, aber nachhaltigen Eindruck haben beide nicht auf mich gemacht. Schließlich motivierten sie uns in das neue Musical „My fair Lady“ mit dem großartigen Jarl Kulle als Mr. Higgins zu gehen. Davon war ich ganz begeistert, denn die Musik war eingängig und wunderschön. Allerdings hießen meine Ikonen damals Louis Armstrong, Elvis Presly, Chuck Berry und Little Richard. Jahreshöhepunkte waren für Lisbeth und mich die Mittsommer-Feste in irgendwelchen Kommunen am Stadtrand. Die waren mit viel Folklore und Alkohol verbunden und einmal mussten wir meine Eltern mitten in der hellen Nacht anrufen, damit sie uns abholten, weil es zu Schlägereien kam und wir Angst bekommen hatten und nur fortwollten. Trotzdem gehört heute noch Ingmar Bergmanns Film „Das Lächeln einer Sommernacht“ zu meinen großen cineastischen Favoriten – auch aus nostalgischen Gründen, denn die Welt-Premieren vieler Bergmann-Filme habe ich in einem Kino auf der Biblioteksgatan gesehen. „Das siebente Siegel“ gehört zu den eindrücklichsten Produktionen dieses begnadeten Regisseurs und erzeugt noch heute bei mir Gänsehaut.

Tarras und ich machten intensiven Gebrauch von den sog. Schülerkarten für die Oper. Wenn es am Abend noch Karten gab, bekamen Inhaber dieser Karte für ein Apfel und ein Ei Eintritt zur Vorstellung. Manchmal saßen wir auf den allerbesten und teuersten Plätzen. Die großen Stars der Stockholmer Oper waren damals Birgit Nielson und Jussi Björling und ich habe sie vielfach in den verschiedensten Rollen gehört. Es gab keine Oper, die auf dem Spielplan stand und die wir nicht gehört haben. Nach den Jahren in Schweden war ich ein regelrechter Opernkenner geworden. Nach der Oper sind wir in frostigen Winternächten häufig auf den nahegelegenen Norrmalmstorg gegangen, denn dort gab es eine legendäre Würstelbude, die würzige Original-Thüringer Bratwurst verkaufte und die, auf einem viereckigen Pappteller mit Senf serviert, tatsächlich ein ganz köstlicher, nächtlicher Imbiss war. Wenn ich daran denke spüre ich noch deutlich den Geschmack und die ihn umgebende Atmosphäre mit all den Nachtschwärmern, die für die fleischige Köstlichkeit in der Kälte anstanden. Die Thüringer Würste stachen so gewaltig von den Hot Dogs ab, die es in vielen Buden über die Stadt verstreut gab. Durch viel Senf und Tomaten Ketchup konnte man sie einigermaßen geschmackvoll machen und so genoss ich sie auch häufiger, als ich alleine zu Fuß oder mit dem Fahrrad, auf Stadterkundung war. Faszinierend war das große Kaufhaus namens NK, es war oft das Ziel meiner Stadtwanderungen und ich konnte Stunden dort verbringen um mir potenzielle Wunschobjekte zu betrachten und den ganzen Glitter der damaligen Konsumwelt zu bewundern. Eines Tages entdeckte ich einen großen Schallplattenladen auf einer Nebenstraße der Kungsgatan. Dort konnte ich mir in einer kleinen, schalldichten Kammer alle verfügbaren Platten völlig umsonst vorspielen lassen. Schon in diesen frühen Tagen der Musikbegeisterung war das Piano mein Instrumentenfavorit und ich sammelte viele von Edwin Fischers oder Clara Haskils Einspielungen. Mein ganzes, verfügbares Taschengeld trug ich in diesen Laden und meine Schallplattensammlung wuchs beträchtlich an. Auch das ehrwürdige Konzert-Haus sah mich des Öfteren. Eugen Jochum, ein guter Freund meiner Eltern, dirigierte häufig dort und verbrachte viele Abende während seines Gastspiels in unserem Haus. Ebenso Hans Schmidt-Isserstedt. Gelegentlich kam auch der alte Münchner Nachbar Georg Solti zu Besuch. In Erinnerung ist mir auch ein Konzert unter Otto Klemperer geblieben, in dem der offensichtlich schwerkranke Dirigent am Pult saß und nur mühsam seine Arme bewegen konnte. Trotz all dem hatte sich seine Interpretation von Beethovens rhythmischer Siebenten für den Rest meines Lebens in meiner Seele festgesetzt. Viele der großen Pianisten ihrer Zeit kamen nach Stockholm in das Konzerthaus, ich erinnere mich allen voran an Arthur Rubinstein, Wilhelm Kempff und den wilden Shura Cherkassky. Auch Louis Armstrong habe ich im Stockholmer Konzerthaus Life gehört. Unvergessen bleibt der Stapel weißer Schweißtücher, von denen er alle paar Minuten eines gebrauchte und in einen bereitgestellten Korb warf während er auf seiner göttlichen Trompete blies.

Es gab seinerzeit einen deutschen Chemiker namens Herrmann Römpp der eine Anleitung zum Durchführen einfacher chemischer Experimente geschrieben hatte. Wie ich in den Besitz dieser Schrift kam weiß ich nicht mehr, jedenfalls hat es mich angeregt zuhause in dem begehbaren Wandschrank meines Zimmers ein chemisches Labor einzurichten. Ich hatte eine Chemikalienhandlung entdeckt in der man alle erforderlichen Glasbehälter und -geräte samt der notwendigen Chemikalien kaufen konnte. Ich glaube meine Eltern haben mich in diesem neuen Hobby tatkräftig unterstützt und damit meine Zuneigung zu den Naturwissenschaften sehr aktiv gefördert. Außer einem kleinen Brand im „Labor“ kam es, meines Wissens, zu keinen größeren Unfällen während meines Experimentierens. Meinen Forscherdrang unterstützte auch ganz wesentlich die Buchhandlung Bonniers an der Ecke Sture-und Humlegårdsgatan. In ihr konnte ich, wie einst bei Hugendubel am Münchner Salvatorplatz, nach Herzenslust stöbern, Bücher aus den Regalen nehmen, ihre Bilder betrachten oder anfangen im Text zu lesen. In diesem kleinen Intellektuellenparadies habe ich mich manchmal stundenlang aufgehalten. Hier habe ich auch heimlich mein erstes und einziges Aufklärungsbuch in Sachen Sexualität gekauft, da meine Eltern augenscheinlich wenig Lust hatten mit mir dieses drängende Thema zu erörtern.  Auch der nahe gelegene Zeitungshandel unter dem Betonpilz auf den Stureplan konnte mich begeistern. Im Freien, unter dem steinernen Dach, gab es, auf Tischen ausgelegt oder an Stellwänden hängend, einen Querschnitt von Zeitungen aus der ganzen Welt. Wenn ich dort war spürte ich das bekannte Fernweh und ich freute mich auf die Zukunft, die mir die Welt eines Tages zeigen würde. Ähnlich erging es mir am Anlegeplatz der Schiffe, die nach Finland fuhren. Ich träumte davon eines Tages auch einmal an Bord gehen zu können.

Von der schwedischen Küche habe ich eigentlich nur etwas mitbekommen, wenn wir auswärts essen gegangen sind. Zuhause haben wir, soweit ich mich erinnere die kleinen Heringsappetithappen, der sog. „Appetitsill“, der aus kleinen Stücken des eingelegten Fisches bestanden und überaus würzig in unendlich vielen Geschmackvariationen verfügbar waren. Ich habe sie geliebt. Ebenso wie ich die schwedischen Käse verehrt habe. Ich erinnere mich an einen, weichen und sahnigen mit einem französisch klingenden Namen, der mir besonders gut geschmeckt hat. Auch das „Gräddfil“ gehörte zu meinen Favoriten. Es handelte sich um eine Art Sauerrahm mit relativ wenig Fett und einer, dem Joghurt ähnlichen Säure. Der Höhepunkt aller gastronomischen Genüsse war das sog. Smörgasbord. Meist ein riesiges Buffet, mit allem was mir lieb und teuer war: eingelegte Heringe, Appetitsill, Gravad Lachs, Aufschnitt aller Art, Käse und Brot sowie warme Köttbullar (Fleischbällchen). Ein weiteres beliebtes Gericht war das „Pyttipanna“, eine Art Resteessen aus Kartoffelwürfeln, Fleisch und Zwiebeln, das Ganze in der Pfanne kross gebraten. Geschmacklich kam es dem „Bauern-Omelett“ meiner Studentenzeit recht nahe. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich damals in Schulzeiten Alkohol getrunken hätte und wenn, dann mal ein dünnes Bier. An Wein habe ich nur die Erinnerung an die Flaschen im Keller, die mein Vater aus Deutschland mitgebracht hatte und die ausschließlich für Gäste reserviert waren. Meine Eltern tranken abends, soweit ich noch weiß, Whisky Soda. Die Flasche „Ballantines“ gehörte zum Inventar wie die Waschlappen im Badezimmer. Spirituosen, Parfüms und andere Luxusartikel konnte mein Vater zollfrei in einem Freihafengeschäft bestellen. Ich bekam in regelmäßigen Abständen ein Fläschchen Yardley Rasierwasser geschenkt. Meiner Anglophilie war es auch geschuldet, dass ich mich nass rasierte und dazu die in einer massiven Holzschale befindliche Yardley Rasierseife benutzte. Von meinem ersten längeren Englandaufenthalt in Oxford, der in diesen Jahren auch stattfand, brachte ich eine Tabak-Pfeife mit, und das Pfeife-Rauchen wurde dann sogar von meinem Vater übernommen, der immer die schönsten englischen Tabake zollfrei bestellte, woran ich partizipieren durfte. Eine weitere Leidenschaft der dreiköpfigen Familie war das Spiel „Monopoly“. Offensichtlich gab es auch viele Freunde meiner Eltern, die spielbesessen waren und an manchen Abenden wurde in großer Runde Monopoly gespielt. Die Sprüche der sog. „Ereigniskarten“ wurden in unseren Sprachgebrauch übernommen so bedeutete z.B. „Gehe zurück auf die Badstraße“ so viel wie „mach dir keine Illusionen“. Monopoly war ein soziales Ereignis, welches allen Beteiligten großen Spaß bereitete.

Es war wohl 1956 als die Reiterolympiade in Stockholm stattfand. Zu diesem Ereignis kamen meine Irnberger Großeltern und andere Verwandte sowie Freunde meiner Eltern in die Stadt. Mein Vater hatte für alle Eintrittskarten besorgt und ich erinnere mich an das ständige Hin- und Her von Personen, die sich ständig zwischen dem alten Stadion, Austragungsort der Spiele, und unserer nahe gelegenen Wohnung auf der Villagatan 13A bewegten. Der Name Hans Günther Winkler und sein Pferd Halla hat sich in meinem Gedächtnis festgesetzt als der überragende Sieger im Springreiten. Damals kannte ich die Namen aller großen Reiter aus Italien, Spanien und anderen Ländern, wie weggeblasen ist davon heute nichts mehr vorhanden. Die Reiterspiele und die vielen, damit verbundenen gesellschaftlichen Aktivitäten haben sich in einer schönen Erinnerung konzentriert. Als ich gerade unser Wohnahaus erwähnt hatte, fiel mir ein Bewohner im Stockwerk unter uns wieder ein: Der Botschafter der Sowejtunion. Wir befanden uns ja damals am Beginn des s.g. Kalten Krieges und mein Bild von Russland war alles andere als positiv. Das ständige Ein- und Ausgehen von Personen in langen, dunklen Mänteln und großen Hüten einen Stock tiefer, regte meine Fantasie an und ich stellte mir vor wie genau in der Wohnung unter mir der dritte Weltkrieg geplant wurde. In mir begann sich das Klischee vom bösen Russen zu festigen, ohne, dass ich je ein Wort mit einer Person aus diesem Lande gesprochen hatte. Über uns, im Dachgeschoss, wohnte der Vertreter der deutschen Firma Zeiss, offensichtlich eine gut situierte Familie mit einer bildhübschen Tochter in meinem Alter. Ich habe mich nie getraut sie anzusprechen, denn sie war eine Prinzessin aus einem Feenland. Ich glaube sie hieß Östermalmstorg, jene große Markthalle in der alle Köstlichkeiten der Welt zu haben waren. Im Vergleich mit dem Angebot in den Delikatessläden Bonns, die mir noch in Erinnerung waren, hatte ich hier das Gefühl ein Schlaraffenland zu betreten. Meine große Freude am Hedonismus hat sicher eine Wurzel in dieser Stockholmer Markthalle. Erstmals in meinem Leben hatte ich Austern, Krabben, Krebse und Hummern gesehen und habe mir vorgestellt wie sie wohl schmecken würden. Vermutlich hat meine Mutter auch gelegentlich Krabben gekauft und sie als kalten Salat zubereitet. Ansonsten blieb mir die gastrosophische Welt der Meeresfrüchte lange verschlossen.

Der Abschluss der Stockholmer Jahre wurde mit meinem Abitur eingeleitet. Es muss im Sommer 1959 gewesen sein als ich eines Mittags zusammen mit meinen Klassenkameraden aus dem Schulportal stürmte, die weiße Studentenmütze auf dem Kopf. Draußen standen unendlich viele Menschen in Gruppen, die uns in Empfang nahmen. So auch meine Eltern und ein großer Haufen meiner und ihrer Freunde. Selbstverständlich war Lisbeth auch dabei. Auf die Tage des Feierns folgte einer der erinnerungswürdigsten Zeiträume meines Lebens. Zu schilden was es bedeutete mutmaßlich frei zu sein ist eine komplexe Aufgabe die eines Wortschatzes bedarf, der sich am emotionalen Zustand jener Stunden orientieren muss. Kein Schulzwang mehr und eine leuchtende Zukunft, die offen für alles Denkbare war. Ich war urplötzlich erwachsen geworden und fühlte mich im Gleichtakt mit der Gesellschaft. Wir, ehemalige Klassenkameraden und ich, sind durch die Stadt gestreift, haben Cocktails geschlürft und fühlten uns wie die Könige. Die Hochgefühle wurden allerdings bald getrübt, denn mein Vater erhielt seine Versetzung zurück nach Bonn ins Auswärtige Amt. Das bedeutete Abschied von Schweden, Freunden und einem lieb gewonnenen Ambiente. Als es dann tatsächlich so weit war und wir wieder in West-Deutschlands damaliger Hauptstadt Bonn waren, fiel ich in eine tiefe Depression, denn alles was ich in meinem Leben in diesem Land vorfand war grau und triste. Schweden hatte nach frischer Meeresbrise und Sommerblumen geduftet, hier herrschte ein unangenehmer Geruch nach ranziger Butter und altem Leder. In meiner schmachtenden, unerfüllten Liebe zu einem blonden Mädchen im fernen Norden erschien mir mein altes Vaterland, in dem ich wieder die noch vielfach vorhandenen Ruinen des Krieges  sehen musste, wie ein abgestorbener Wald auf einem verlassenen Gelände. Noch zwei darauffolgende Sommer fuhr ich zurück nach Stockholm, arbeitete entweder im Deutschen Touristenbüro oder in der Königlichen Bibliothek als Studentische Hilfskraft – die ersten bezahlten Arbeitsstellen meines Lebens! Unsere Telefonnummer auf der Villagatan kenne ich noch heute, allerdings auf Schwedisch: 11 39 26 – das Langzeitgedächtnis geht als letztes verloren! Dann kam das Ende in München, denn dort ich hatte meine spätere Frau und Mutter meiner Kinder getroffen.

Wenn ich heute auf meine „schwedischen Jahre“ zurückblicke wird mir sehr bewusst, wie lange ich diese idealisiert hatte. Retrospektiv erschien es mir als hätte ich in einer Märchenwelt gelebt, die von der Wirklichkeit einigermaßen weit entfernt war. Oder war es vielleicht ich selbst, der seine Erinnerungen und Gefühle so ausgerichtet hat, dass sie meinem Idealbild nahekamen? Wie immer es war, ich hatte gelernt, dass eine Sprache auch eine Kultur und eine Lebenseinstellung bedeutet. Wenn ich Schwedisch sprach hatte ich irgendwie eine andere Persönlichkeit als wenn ich in Deutsch kommunizierte. Später habe ich das gleiche Phänomen nach einem jahrelangen England-Aufenthalt mit der englischen Sprache beobachtet. Das zeigt mir wie sehr unser Denken, Tun und Handeln von der Gesellschaft, in der wir uns befinden, abhängig ist. Es zeigt aber auch die große emotionale und intellektuelle Variationsbreite der eigenen Person. Ich glaube fest, dass alle Menschen diese Fähigkeiten haben, sie aber nur verkümmern lassen, indem sie niemals den Versuch unternehmen sich „dem Anderen“ wirklich zu nähern. Wenn ein Bürger in seinem Caravan von Düsseldorf an den Strand von Antalya in der Türkei fährt um dort auf dem Campingplatz die mitgebrachten Dosen mit Sauerkraut und Würstchen zu verzehren, wird er sich kaum einer anderen Kultur nähern, sondern weiterhin in der Heimat eher ausländerfeindliche Parolen aufnehmen und weiterverbreiten. Die temporäre, geografische Veränderung alleine bewirkt noch gar nichts, auch die südliche Sonne verändert kein Bewusstsein. Man muss lernen Geist und Seele für das „Fremde“ zu öffnen. Als Teenager ist mir das nicht schwergefallen. Herrmann Hesses Worte aus seinem Essay „Die Wanderung“ gelten auch heute noch uneingeschränkt für mich: „Ich bin ein Verehrer der Untreue, des Wechsels, der Phantasie. Ich halte nichts davon, meine Liebe an irgendeinen Fleck der Erde festzunageln. Ich halte das, was wir lieben, immer nur für ein Gleichnis. Wo unsere Liebe hängen bleibt und zur Treue und Tugend wird, da wird sie mir verdächtig.” Wenn Wir nur alle diese Gedanken nachvollziehen und danach leben könnten!

Peter Hilgard, 1.02.2026

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