
Franz von Lenbach: Clara Schumann (Pastell 1878)
In meinem Bewusstsein ist Clara Haskil (1895 – 1960) die erste Frau, deren Klavierspiel mich mitgerissen hatte. In meiner frühen Schallplattensammlung gab es viele Klavierkonzerte von Mozart, die von ihr gespielt wurden. Ich erinnere mich an die behagliche Wärme und bezaubernde Melancholie in den Klängen des großen Meisters aus Salzburg, die mir von dieser begnadeten Pianistin vermittelt wurden. Haskil war eine in Bukarest geborene, sephardisch-rumänische Pianistin, die sich bereits früh einen Namen als Interpretin Mozarts machte und sie galt später als eine der führenden Pianistinnen ihrer Zeit. Neben ihrem Spiel der Musik Mozarts war sie auch eine großartige Interpretin Beethoven‘ und Schumann’scher Klaviermusik. In den ersten Jahren meiner Musikbegeisterung verleitete mich die Liebe zu Clara Haskils Klavierspiel zu der Annahme, dass Frauen eine ganz besondere Begabung für Klaviermusik haben müssten und meine spätere Bewunderung von Martha Argerich, Alicia de Larrocha, Hélène Grimaud, Khatia Buniatishvili und Beatrice Rana scheinen diese Hypothese zu stützen.
Eine in meinen Möglichkeiten liegende Recherche hat mich leider enttäuscht: Ich habe keinen wissenschaftlich belegbaren Unterschied im Klang oder der Spielweise von Männern und Frauen, bzw. anderen Geschlechtsidentitäten finden können. Die Unterschiede in der Interpretation sind wohl ausschließlich auf die künstlerische Persönlichkeit zurückzuführen, die wiederum von Faktoren wie der Ausbildung und/oder der gesellschaftlichen Prägung des Künstlers abhängig sind. Es gibt immer noch Fiktionen, die erklären wollen, welche Instrumente oder Spielweisen als „männlich“ oder „weiblich“ gelten. Interessanterweise war gerade das Klavier im 19. Jahrhundert ein typisch „weibliches“ Instrument. Derartige Stereotypen haben die Wahrnehmung der Musik durch die Zuhörer erheblich beeinflusst, selbst wenn ihr tatsächlicher Klang völlig geschlechtsneutral war. Diesem Vorurteil war ich auch erlegen! Mir bekannte Studien zur Geschlechterforschung in der Musik zeigten, dass die Rezeption von Musik stark von diesen gesellschaftlichen Bildern und Erwartungen beeinflusst wird.
In der Klaviermusik des 19. Jahrhunderts spielte sicher Clara Schumann (1819 – 1896), die Gattin Robert Schumanns (1810 – 1856), eine überragende Rolle. In der Zeit ihrer Ehe war sie zeitweise bekannter als ihr Mann und dies beruhte auf ihren Fähigkeiten als Pianistin, Komponistin und als Pädagogin. Sie war die erste Künstlerin, die sich, auch dank ihres bestimmenden und energischen Auftretens, in der musikalischen Männerwelt durchzusetzen vermochte. Ihre Liebe zu Johannes Brahms (1833 – 1897), und zu ihrem verstorbenen Ehemann und deren Musik, ließ sie im sog. Romantikerstreit gegen die „Erneuerer“ Wagner und Liszt Partei ergreifen. Nach dem Tod ihres Mannes hörte sie mit dem Komponieren auf. Ihr Werk umfasst Lieder und Romanzen, Variationszyklen, Charakterstücke und das Klavierkonzert in a-moll op. 7 als einziges Stück mit Orchester. Sie komponierte es als Sechzehnjährige und Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847) dirigierte die Uraufführung in Leipzig. Gott sein Dank findet ihre Musik noch gelegentlich Eingang in die heutigen Konzertprogramme und hält damit die Erinnerung an eine auch menschlich sehr starke Frau wach (sie hatte einen kranken Ehemann und acht Kinder zu versorgen bzw. zu erziehen!).
In der Tradition der Clara Schumann spielt auch die in Buenos Aires geborene Pianistin Martha Argerich (geb. 1941). Wie viele der Großen fing sie an, mit 3 Jahren Klavier zu lernen und als sie acht war, gab sie, als „Wunderkind“ apostrophiert, ihr erstes öffentliches Konzert. Das war der Beginn ihrer fulminanten Karriere, die frühzeitig von einer dreijährigen, musikalischen Krise unterbrochen wurde. Nach ihrer Rückkehr in den Musikbetrieb studierte sie bei dem gefeierten Friedrich Gulda (1930 – 2000), und wurde für ihr Spiel mit vielen Preisen geehrt. Mittlerweile lebt sie in Lugano und gehört, mit über 80 Jahren, trotz ihrer überwundenen Krebserkrankung, noch immer zur Piano-Elite der Gegenwart. Ich hatte das große Glück, Martha Argerich vor einiger Zeit beim Sommer-Festival in Granada mit Robert Schumanns Klavierkonzert zu hören. Obwohl ich nur ein dilettantisches Verständnis von Musik habe, war ich von ihrem Spiel hingerissen: Kraft, Brillanz und Ausdrucksstärke hatte ich so noch nie bei diesem wunderbaren Stück gehört! In Erinnerung habe ich auch noch ein magisches vierhändiges Zusammenspiel, welches sie mit ihrem Landsmann Daniel Barenboim als Zugabe zu den „Nächten in Spanischen Gärten“ von de Falla in Frankfurt gab; wobei er dirigiert und sie ra den obligaten Klavierpart gespielt hatte.
Ein Wort noch zu Alicia de Larrocha, ich habe sie leider nie live gehört, dafür aber umso intensiver auf vielen CDs. Ihr wunderbar filigranes, zartes, elegantes und trotzdem überwältigend leuchtendes, beinahe feuriges Spiel, brachte mir die spanischen Klassiker des Impressionismus, wie Enrique Granados, Isaak Albeniz und Manuel de Falla, nahe und ich habe gelernt diese zu verehren und aus tiefem Herzen zu lieben. Frau de Larrocha war ebenfalls als Kind ein Star und hatte mit elf ihr Konzert-Debüt zusammen mit dem Madrider Symphonie-Orchester. Sie war nicht auf spanische Musik fixiert, sondern auch eine großartige Interpretin von Mozart, Beethoven und Schumann. Im Alter von 80 Jahren ging Alicia de Larrocha auf ihre legendäre Abschiedstournee und seither singen nur noch die vielen Tonträger den Klang, den sie der Welt hinterlassen hat.
Bleiben Sie stets neugierig… und genussvoll durstig!
