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Rotwein ist für alte Knaben…

Es ist ja sprichwörtlich: die Liebe zum Wein nimmt im Alter zu. In der Sprachkultur aller weintrinkenden Völker gibt es unzählige Aphorismen, die auf die Verbindung von Wein und Alter hinweisen. „Guter Wein ist der Alten Milch” findet sich z.B. in der Sprichwortsammlung des Karl Simrock aus dem Jahre 1846. Dort sind auch noch viele andere Volksweisheiten zum gleichen Thema aufgeführt. Wilhelm Busch, der selbst wahrlich kein Kostverächter war, hat sie später auf einen humorvoll poetischen Punkt gebracht:

„Rotwein ist für alte Knaben
Eine von den besten Gaben.”

Ältere Weinfreunde scheinen häufiger jüngere Weine zu bevorzugen und begründen dies  vordergründig mit der kürzeren Zeit, die ihnen verbleibt Weine bis zur Trinkreife zu lagern. Aber dieses Phänomen hat möglicherweise einen allgemeineren gesellschaftlichen Hintergrund. Am Beginn des 21. Jahrhundert leben wir in einer Art von „Jugendwahn”. Jugend ist zu einer Ideologie geworden, die vom Kommerz schamlos ausgenutzt wird. Schönheitschirurgen haben, zusammen mit der Kosmetikindustrie bei Frauen und Männern Hochkonjunktur. Die Werbung hat längst herausgefunden, daß man ein Produkt mit dem Image der Jugendlichkeit wesentlich besser verkauft als mit einer Marke die Alter und Reife ausdrückt. Tatsächlich beklagen sich manche Weinfreunde darüber, daß Weine heutzutage im allgemeinen viel zu jung getrunken werden. Ist auch das Ausdruck der zwanghaften Huldigung der Jugendlichkeit?

Im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gab es schon Regeln für das altersabhängige Weintrinken. Kein geringerer als Platon hatte sie formuliert. Er wurde ja bekanntlich der Schirmherr der idealisierten, nicht-sinnlichen Liebesbindungen, eben der „platonischen Liebe”, und Abstinenz war auch beim Trinken weitgehend seine Empfehlung. Knaben unter achtzehn Jahren sollten ganz auf den Wein verzichten, einem Mann um die dreissig wurde angeraten den Wein nur in Maßen zu geniessen und sich nie zu betrinken. Geht er auf die vierzig zu, konnte er nach Herzenslust trinken, denn der Wein war das Heilmittel gegen den „strengen Ernst des Alters”. Noch ältere Personen hat man wohl zu Platons Zeiten eher selten angetroffen, denn er geht nicht auf sie ein. Auch war es vom Beruf, bzw. dessen Ausübung, abhängig, wer trinken durfte und wer nicht. Immer dann, wenn eine Eintrübung des Geistes Probleme mit anderen Menschen verursachen konnte, sollte der Mann lieber zum Wasser greifen. Platon nennt die Soldaten, Steuermänner und Richter als Beispiel von Berufsgruppen für die ein relatives Abstinenzgebot gelten sollte. Grundsätzlich verurteilte er in seinen „Gesetzen” die Trunkenheit, aber älteren Menschen könne der Rausch durchaus zuträglich sein, denn durch ihn käme die jugendliche Spontaneität zurück, schrieb er. „Im Rausch singen und tanzen sie wieder” und dies, fand Platon, würde ihnen helfen aufgeschlossener und tugendhafter zu sein. Was für eine weise Einsicht, die eines großen Philosophen wahrhaft würdig ist! Daß die Frauen in diesem antiken Text mit keinem Wort erwähnt wurden zeigt, daß sie in jenen Tagen vom Weingenuß praktisch ausgeschlossen waren.

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