Regionaler Wein „will nicht reisen“.  Die Störche bringen beim Rückflug aus dem Süden auch nichts mit!
Die Urlaubszeit naht und mancher Weinfreund freut sich schon auf die Genüsse, die ihn am Ziel seiner Reise im Süden Europas erwarten. Später, wieder zuhause, kommt dann häufig die große Enttäuschung: „dem mitgebrachten Wein ist die Reise aber garnicht nicht bekommen“. Die Situation ist sehr einfach vorstellbar: man sitzt an einem lauen Sommerabend beim Mondenschein zu zweit oder mit Freunden auf der Terasse am rauschenden Meer und geniesst einen gut gekühlten Weißwein, der aus dem Nachbardorf stammt.. Dieses himmlische Getränk scheint, wie nichts anderes, die Stimmung des Abends und die Landschaft einzufangen und alle sind sich einig, selten einen besseren Tropfen genossen zu haben. Man erkundigt sich nach Namen und Jahrgang und am nächsten Tag besorgt man sich ein paar Flaschen dieses Weines. Später, auf dem heimatlichen Balkon oder im Wohnzimmer wird eine Flasche geöffnet. Was sich da auf der Zunge ausbreitet ist eine scharfe, saure Brühe, die nichts mit dem Wein der Erinnerung zu tun hat. Zunächst ist man vermutlich geneigt, dieses geschmackliche Fehlverhalten der langen Reise des Weins zuzuschreiben, in Wirklichkeit hat das andere Ambiente unsere Geschmacksnerven so beeinflusst, daß die Stimmung am Meer nicht mehr aufkommen mag. Der Wein, der der gleiche wie in jener Sommernacht war, ist nicht mehr wiederzuerkennen.
Lassen Sie solche regionalen Weine dort wo sie entstanden sind! So gut sie im Urlaub auch gewesen sein mögen, es lohnt sich meist nicht die Kilos zu schleppen und dafür das Übergewicht im Urlaubsgepäck zu bezahlen. Die Enttäuschung folgt der Freude über den Eigenimport zu oft auf dem Fuße. Der Wein ist nämlich keine fixe, objektive Größe, er unterliegt in hohem Maße der Interaktion mit seinem Konsumenten.
Bis zu seinem Verschwinden in den Kehlen der Geniesser durchläuft der Wein eine Vielzahl von „Sozialisierungsprozessen“, die ihm seinen endgültigen Wert beim individuellen Verbraucher verleihen. Einer dieser Vorgänge ist eben die Erwartungshaltung der Konsumenten: „Endlich im Urlaub! Freiheit, Unbeschwertheit und gutes Wetter werden mich die nächsten Wochen begleiten!“ mit der Offnung des Geistes geht eine Verstärkung sinnlicher Wahrnehmungen einher, die selbstverständlich auch die Geschmacks- und Geruchsnerven einschliessen. Dieser Zustand erhöhter sinnlicher Erregung hält nach dem Urlaub nicht mehr lange an und bewirkt daher die Enttäuschung mit dem mitgebrachten Wein.
|
Vortrefflicher Witz
An dieser Stelle stand bis vor Kurzem noch die Philosophie unseres Weinhandels „La Vineria“. Dieses Unternehmen ist mittlerweile Geschichte: Zum 31. März 2026 haben meine Frau, Isabel del Olmo, und ich unsere Geschäftsaktivitäten aufgegeben. Für uns beide waren die Jahrzehnte, in denen wir mit unseren Kunden ein Teil der spannenden und genussvollen Weinszene Spaniens waren, Herausforderung und Befriedigung zugleich. In meinem „önosophischen Blog“ hatte ich mich bereits vielfältigen kulturellen Themen gewidmet und dies, obwohl der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff „Önosophie“ eigentlich nur die „Weisheit vom Wein“ bedeutet. Wie der Wein selbst können auch die Gedanken eines Hedonisten gelegentlich in ein breiteres zivilisatorisches Umfeld geraten und Bereiche wie die Musik, die Philosophie, die bildende Kunst, die Literatur und auch die Gesellschaftspolitik umfassen. Dieses Spektrum unterschiedlicher Thematiken möchte ich auch weiterhin in meinen Beiträgen bearbeiten. Trotz aller gesundheitspolitisch motivierter Kritik kommt mir der Wein dabei gelegentlich schöpferisch zu Hilfe. Wein in Maßen trinken und genießen ist etwas Emotionales, und im Wein kann der Künstler Inspiration finden. Keiner hat dies schöner und treffender ausgedrückt als Shakespeare in seinem "König Heinrich der Vierte" (2. Teil, 4. Aufzug, 3. Szene), wo er den lebensfrohen Falstaff in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck ausrufen lässt:
(Der Wein) „steigt Euch in das Gehirn, zerteilt da alle albernen und rohen Dünste, die es umgeben, macht es sinnig, schnell und erfinderisch, voll von behenden, feurigen und ergötzlichen Bildern; wenn diese dann der Stimme, der Zunge, überliefert werden, was ihre Geburt ist, so wird vortrefflicher Witz daraus".
Vortrefflicher Witz können selbstverständlich auch die schönen Farben und Formen des Malers oder Bildhauers bzw. die spannenden Klänge des Musikers sein.
Texte um reine Fakten können heute problemlos von Künstlicher Intelligenz (KI) zusammengestellt werden. Um Sachverhalte aber wirklich verstehen zu können, bedarf es einer persönlichen Sicht und einer Interpretation. Die will ich mit meinen Beiträgen liefern, allerdings ohne besondere Ansprüche an Originalität, dafür aber immer mit der strikten Forderung nach Glaubwürdigkeit!
Ich hoffe, dass Sie Freude an meinem Blog haben und freue mich auf „Feedback“!.
Peter Hilgard
|
Leave a Reply