Die Sternstunde eines Riesling-Muffels

„Der gelbe Riesling von der Mosel“; Illustration entstanden vermutlich um 1830. Wickipedia gemeinfrei

Laut  Wikipedia ist im heutigen Sprachgebrauch der Muffel ein „geschlechtsneutrales Schimpfwort für die Eigenschaften Übellaunigkeit und Engstirnigkeit“. Entsprechend erzeugt Wein aus der großen deutschen Rebsorte bei einem Riesling-Muffel tatsächlich Übellaunigkeit. Ich zählte mich bislang zu dieser merkwürdigen Gruppe von Weinfreunden, aber spätestens seit der grandiosen Probe mit dem Collegium Vini im Bremer Ratskeller am 14. Mai 2022 weiß ich auch, dass die Bezeichnung Engstirnigkeit für Personen meinesgleichen ihre volle Berechtigung hat. Dabei war ich dem Riesling gegenüber nicht immer ablehnend eingestellt. Erst als ich nach einem feucht-fröhlichen Wochenende an der Mosel mit einer wochenlangen Gastritis bestraft wurde, begann die Liebe zu erlöschen. Die Äpfelsäure im Wein macht mich krank und so verschob sich meine Liebe zu Weinen, die den „biologischen Säureabbau“ hinter sich hatten, oder die von Natur aus säureärmer waren. Diese Weißweine konnten zum Teil auch gut altern und dabei attraktive, neue Duft- und Geschmacksnoten entwickeln.

Was sich aber an diesem denkwürdigen Samstagnachmittag in Bremen an meinen Geschmackspapillen- und Geruchsnerven abgespielt hatte, übertraf selbst manche, hochkarätige Burgunder-Verkostung älterer Jahrgänge an der ich teilgenommen hatte. Der für den Wein lichterloh brennende „Ratskellermeister“ Karl-Josef Krötz, führte uns mit großer Sachkenntnis und erzählerischem Charme durch eine Probe aus dem Bestand des Ratskellers. Neben interessanten Rot- und Weißweinen der jüngeren Vergangenheit war es am Ende der Probe die Sammlung von Veteranen aus den 50iger bis 70iger Jahren die meine Sinne vollständig in Beschlag nahm. Es fing schon ganz großartig mit der 1971er Josephshöfer Riesling Beerenauslese von der Mosel (Reichsgraf von Kesselstadt) an und endete mit dem 1953er Rauenthaler Gehrn Riesling Auslese Cabinet aus dem Rheingau (Staatsweingüter Eltville). Schon die alten Weinbezeichnungen wie „Cabinet“ und „feinste Spätauslese“, die es heute nicht mehr gibt, verbreiteten ein historisches Flair welches wir auch bei der Kellerbesichtigung intensiv zu spüren bekommen hatten. Weitere Raritäten dieser Probe waren ein 1966er Marcobrunner Riesling Auslese Cabinet aus dem Rheingau (Freiherrlich Langwerth von Simmern´sche Kellerei), ein 1959er Trierer Kreuzberg Riesling feinste Spätauslese von der Mosel (Landes-Weinbaulehranstalt Trier) und ein 1951er F.M. Schloss Johannisberger Riesling Cabinets Wein Faß Nr. 1 aus dem Rheingau (Fürst von Metternich-Winneburg´sches Domänenrentamt).

Es wäre vermessen von mir auch nur zu versuchen die alten Weine einzeln zu beschreiben. An dieser Aufgabe müsste ich kläglich scheitern! Trotzdem drängt es mich wenigstens anzumerken, dass die Komplexität der Düfte und Geschmäcker beeindruckend war. Neben dem immensen Spektrum der Kräuternoten, waren es Trockenfrüchte-, Schokolade- und nussige Töne, die ich ausmachen konnte. Oxydative Altersnuancen habe ich nicht wahrgenommen. Erstaunlich auch der Abbau der Süße über die vielen Jahre: alle Weine waren wunderbar ausgeglichen und haben maximalen Gaumenspaß gemacht. Selbst die Säure hatte sich in den Hintergrund gemogelt. Wie  Humphrey Bogart in der Schlussszene von „Casablanca“ kann ich zum Ratskellermeister mit Bezug auf den Riesling sagen „Karl-Josef, ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!“

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