Camille Saint-Saëns und seine Orgelsymphonie

Camille Saint-Saëns (1835-1921)

Die bezaubernd humorvolle Programmmusik der Suite „Karneval der Tiere“ und die Oper „Samson und Dalila“ haben den Namen des Komponisten Camille Saint-Saëns (1835-1921) am Beginn des 20. Jahrhunderts auch weit über die Grenzen seiner französischen Heimat bekannt gemacht. Heute ist er leider wieder ein wenig in Vergessenheit geraten. Im Licht seiner Zeitgenossen wie z. B. Debussy oder Ravel erschien seine Musik altbacken und eher uninspiriert langweilig. Dass dies ein unverzeihliches Vorurteil war, wurde mir am 6. 12. 2022 in der Frankfurter Alten Oper klar, als Cristian Macelaru (geb. 1980) mit dem „Orchestre National de France“ die 3. Symphonie in c-Moll 0pus 78, die so genannte „Orgelsymphonie“, von Saint-Saëns dirigierte. Dies war ein grandioses Fest für die Ohren! Die Farbigkeit der Töne, die sich unter Zuhilfenahme der Orgel, bis ins Bombastische steigerten, war ein enorm sinnliches Erlebnis. Zwar besteht die Symphonie nur aus den beiden Sätzen „Adagio allego moderato-Poco adagio“ und „Allegro moderato presto-Maestoso allegro“, jeder dieser beiden Sätze ist aber in zwei voneinander getrennte Abschnitte aufgeteilt, so dass die „klassische“ 4-sätzige Form der Symphonie erhalten blieb. Bei einem Blick auf die Instrumentierung fällt die Übermacht der Blasinstrumente auf: Flöten, Oboen, Englischhorn, Klarinetten Fagotte, Hörner, Trompeten, Posaunen und Tuba sind zu hören. Unterstützt werden sie von einem gewaltigen Aufgebot an Schlagzeugen: Pauken, Trommeln, Becken und Triangel und dazu kommen noch ein vierhändig gespieltes Klavier sowie die Orgel neben einer großen Zahl an Streichern.

Allein diese Fülle an Musikinstrumenten lässt die dynamische Kraft und Stärke der Komposition erahnen. Wenn dann am Beginn des zweiten Abschnittes im ersten Satz, der „poco adagio“ bezeichnet ist, die Orgel leise und behutsam einsetzt zieht ein Gänsehautgefühl den Rücken hoch! Diese Musik ist ein Meisterwerk der Instrumentation, die im ständigen Wechsel der Tempi enorme Spannung und grandiose Klangbilder erzeugt. Im Finale kommt es zur Eruption der Orgel, bevor das gesamte Orchester mit dem kraftvollen Blech und den flirrenden Streichern beinahe ekstatisch dem Höhepunkt „maestoso“ entgegenschreitet. Als Cristian Macelaru schließlich die Hände sinken lässt fühle ich mich geradezu physisch erschöpft und sehne mich nach Ruhe, aber dann bricht der Applaus los bis Dirigent und Orchester noch eine Zugabe spielen. Was für eine gewaltige Musik hat Saint-Saëns mit dieser Symphonie doch komponiert! Er hat es selbst empfunden, dass ihm mit der „Orgelsymphonie“ ein großer Wurf gelungen ist und bezeichnete sein Opus 78 als das „opus summum“ aus seiner Feder. Er wusste offenbar, dass er nie wieder in derartige musikalische Höhen aufsteigen würde, und er sollte recht behalten: in den folgenden 35 Jahren bis zu seinem Tod in denen er noch eifrig komponierte, ist ihm nichts Ähnliches mehr gelungen.

Als Komponist stand Saint-Saëns der Romantik sehr nahe und ähnelt darin Gustav Mahler (1860 -1911), an dessen „Symphonie der Tausend“, dort allerdings zusätzlich mit Chören, ich mich während des Zuhörens von Saint-Saëns Dritter erinnert fühlte. Saint-Saëns war auch ein begabter Konzertpianist und Organist und ein guter Lehrer, zu seinen Schülern zählte u. a. Gabriel Fauré (1845 – 1924). Franz Liszt (1811 – 1886), den er persönlich kennen lernte, gab ihm musikalische Inspiration. In Weimar wurde durch die Vermittlung von Liszt die Oper „Samson und Dalila“ unter dem Dirigat des Dänen Eduard Lassen (1830 – 1904) uraufgeführt. Ein Rätsel bleibt seine Entscheidung für Deutschland als Ort der Premiere seines Bühnenwerkes, denn er stand Deutschland sehr ablehnend gegenüber. Die Oper wurde ein großer Erfolg und blieb, insbesondere in Frankreich, über viele Jahrzehnte auf den Spielplänen der dortigen Opernhäuser. Vermutlich der einzige Grund für die Popularität dieser Oper war das Alt und Tenor-Duett „Sieh, mein Herz erschließet sich“, eine sehr eingängige Kantilene, die oft als operettenhafter Kitsch verspottet wurde. Die Musik von Liszt´s Schwiegersohn Richard Wagner (1813 – 1883) konnte Saint-Saens partout nicht leiden und lehnte sie auch öffentlich ab. Er opponierte gegen den Wagner-Kult und nach dem Deutsch-Französischen Krieg gründete er 1871 zusammen mit César Franck (1822 – 1890) die „Société Nationale de Musique“ als Gegengewicht zu dem immer stärker werdenden deutschen Einfluss auf das französische Musikleben.  Saint-Saëns veröffentlichte auch regelmäßig Aufsätze zu musikalischen Themen und unter einem Pseudonym auch Reiseberichte, die er während und nach seinen zahlreichen Besuchen in Latein- und Nordamerika sowie in Südostasien verfasste.

Saint-Saëns  starb im Dezember 1921 in einem Hotel in Algier, in dem er jedes Jahr die in der Heimat kalten Wintermonate verbrachte. Seine schillernde Existenz, die in 83 Jahren an die 700 Werke hervorgebracht hat wurde schon zu seinen Lebzeiten sehr kontrovers beurteilt. Während die Fans ihn wegen seiner Orchesterstücke und Kammermusik als einen der bedeutendsten Komponisten Frankreichs ansahen, schimpfte ihn die Kritik der jungen Generation, mit ihrem Wortführer Claude Debussy (1862 – 1918), als Reaktionär und erklärte ihn zum Feind des musikalischen Fortschritts. Heute können wir es deutlich entspannter sehen und diejenigen Werke Camille Saint-Saëns, die die Stürme des 20. Jahrhunderts überstanden haben, unbeschwert genießen.

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