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Trinkgenuss: die Emotion und das gewisse Etwas

Was in das leere Glas gefüllt werden wird, hängt letztlich vom Gefühlszustand und von der Erwartungshaltung des Konsumenten ab

Jeder Weinfreund kennt die Situation wo er am nächsten Morgen verspürt, dass er am vorangegangenen Abend etwas zu tief ins Glas geschaut hat. Gelegentlich kommen in solchen Momenten Selbstzweifel auf: warum trinkt man überhaupt? Dazu noch Alkohol, von dem uns die Mediziner immer wieder vor Augen führen, dass er in größeren Mengen ungesund und krankheitserregend sei. Aber das beeindruckt uns Weinfreunde nicht, denn wir trinken ihn ja nicht als Medizin für oder gegen etwas, sondern nehmen ihn ausschließlich als ein Genussmittel zu uns. Er schmeckt und regt Geist und Emotionen an, so dass die Welt noch ein kleines bisschen besser wird. Nicht nur wir Weinliebhaber argumentieren so, alle die irgendeine Form von Alkohol zu sich nehmen und nicht psychisch abhängig davon sind, sagen mehr oder weniger etwas Vergleichbares. Während das Ziel des Genusses bei jedem Individuum immer irgendwie ähnlich ist, sind die Wege dorthin sehr unterschiedlich. Die einen machen es mit Wein, die anderen mit Bier oder mit Schnaps, wieder andere mixen sich exotische Drinks. Gibt es einen Grund für diese Diversifizierung der Vorlieben und Geschmäcker?

Der Forschergeist des Menschen hat sich selbstverständlich auch dieser Frage angenommen. Die Autoren K. Ashton, M.A. Bellis, A. R. Davies, K. Hughes, und A. Winnstock haben kürzlich in der Internet-Zeitschrift „BMJ Open“ einen Artikel mit dem Bandwurmtitel „ Do emotions related to alcohol consumption differ by alcohol type? An international cross-sectional survey of emotions associated with alcohol consumption and influence on drink choice in different settings” veröffentlicht. (BMJ Open 2017;7:e016089. doi: 10.1136/bmjopen-2017-016089) Hinter der komplexen Überschrift steht eine Studie in der die subjektiven Gefühle von Konsumenten, die unterschiedliche Mengen alkoholischer Getränke wie Wein, Bier und Spirituosen zu sich nahmen, untersucht und in Beziehung zu der jeweiligen Bevorzugung eines bestimmten Getränks gesetzt wurden. Das Ganze haben die Autoren auch in Relation zu der konsumierten Alkoholmenge untersucht.  Beinahe 30.000 Personen, wohnhaft in insgesamt 21 Ländern, wurden auf Fragebögen nach ihren Gefühlen beim Konsum von Alkohol ihrer Wahl in den vergangenen 12 Monaten befragt (zur Auswahl standen die Emotionen Energie-geladen, entspannt, sexy, selbstbewusst, müde, aggressiv, krank, rastlos und traurig).

Die Ergebnisse dieser aufwendigen Mammut-Studie waren, objektiv betrachtet, eher ernüchternd, weil sie eigentlich nur bestätigt haben was man entweder schon längst wusste oder zu mindestens geahnt hatte: Rotwein beruhigt und hat ein geringeres Aggressionspotential als Schnaps. Frauen sind insgesamt gefühlsbetonter. Alkohol induziert ebenso viele negative wie positive Gefühle, was außerdem (wen wundert es?) dosisabhängig ist. Vieltrinker, d.h. potentiell Suchtgefährdete, sind aggressiver! 40 % der Befragten fühlten sich sexyer nach dem Genuss von Alkohol – auch das ist im Grunde ein alter Hut, über den hier an dieser Stelle schon vor vielen Jahren berichtet und diskutiert wurde (z. B. Ein paar Gedanken zu Wein und Erotik). In der dennoch lesenswerten Diskussion des o. e. Beitrages wird schließlich auf die Erwartungshaltung gegenüber dem potentiellen Effekt des jeweils bevorzugten Drinks eingegangen. Dies ist ein enorm weites Feld, bei dem soziale, soziologische, psychologische und ökomische Faktoren eine Rolle spielen. Eine gut zu lesende, deutschsprachige Analyse der obigen Studie findet sich übrigens in der Welt-N24 Digital Zeitung vom 23.11.17.

Nur wenige Mediziner und Soziologen kennen offensichtlich den Hinweis auf die besonderen gesellschaftlichen Strukturen der Weinfreunde, wie er bereits in der  „Encyklopädie der Volksmedizin” von Georg Friedrich Most aus dem Jahre 1843, niedergeschrieben wurde. Der Autor schildert darin die Wirkungen verschiedener Getränke auf den menschlichen Organismus und bei seinem Vergleich des Kaffees mit dem Wein habe ich dort erstaunt gelesen: „Der Kaffee ist in seinen Wirkungen dem Wein entgegengesetzt; ersterer macht munter, letzterer schläferig; wirkt der Wein mehr aufs Gemüth und regt die Affekte an, so wirkt der Kaffee mehr auf den Geist, macht ruhig, besonnen, abgemessen, zurückhaltend, calculirend. Daher ist er das Lieblingsgetränk der Mathematiker, Astronomen, Philosophen, Historiker, Naturforscher, Diplomaten und Kaufleute. Den Wein dagegen lieben mehr Dichter, Musiker, Maler, Schauspieler und Krieger.” Diese Zeilen dürften zu den ersten gehören, die auf die psycho-sozialen Eigenarten verschiedener Getränke aufmerksam machten.

Natürlich reden wir beim Alkoholkonsum, egal in welcher Art, nicht nur vom Geschmack und vom „Durstlöschen“. Dies ist, wie auch die obige Studie suggeriert, die Wirkung, die in hohem Maße erwünscht ist, ja geradezu die Motivation für den Genuss darstellt. Ich glaube aber, dass man nicht, wie es die Autoren getan haben, die verschiedenen Arten Alkohol zu konsumieren ohne weiteres miteinander vergleichen kann. Es kommt nämlich noch das hinzu, was ich einmal mit „Duende“ beschrieben habe. Der andalusische Dichter Federico García Lorca hat es so definiert: „Diese mysteriöse Kraft kann jedermann spüren aber kein Philosoph erklären, sie ist die Seele der Welt.“ Das Wort „Welt“ könnte man ebenso gut durch „Wein“ ersetzen. Diese Seele ist für viele Weinkonsumenten mit der Grund für ihr Bedürfnis ihn zu trinken und es ist das „gewisse Etwas“ im Wein, eben das ausgesprochen Subjektivste, was sich denken lässt. Es ist in keiner Weise quantifizierbar und findet sich weit jenseits aller Benotungen durch Weingurus. Gleichwohl kann es ein sehr ernst zu nehmendes Erlebnis für den Genießer sein. Duende ist entweder präsent oder er fehlt. Ein bisschen davon ist schwer vorstellbar. Die Begeisterung und die Leidenschaft für einen bestimmten Wein stellt die Grundlage für den Duende dar über den er beim jeweiligen Genießer  verfügt (siehe auch den Soul-Faktor!). Ich will überhaupt nicht in Abrede stellen, dass auch andere Getränke über „Duende“ verfügen. Aber eines ist ganz sicher: der „Duende“ des jeweiligen Getränks ist eine starke Motivation für das Individuum es zu genießen. Manchmal vielleicht wichtiger als die vordergründigen Gefühle auf der Abhakliste der oben dargestellten Studie.

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