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Orange – die vierte Weinfarbe

„Orange Wine“: nur die Farbe erinnert an die Frucht und beschreibt, neben weiß,  rosé und rot den vierten möglichen Weinstil.

Was ist ein „Orange Wine“? Die deutsche Übersetzung „Orangenwein“ führt auf eine völlig falsche Fährte. Außer ihrer Farbe hat die Zitrusfrucht mit dem Wein überhaupt nichts zu tun. Es ist lediglich der Orangeton, der als Namensgeber für das Produkt fungierte. Wo kommt diese Farbnuance her? Alle Orange Wines sind Weißweine, die aber wie Rotweine vinifiziert werden. Bei der klassischen Weißweinherstellung wird der Most vor der Gärung im Tank von den Schalen und Kernen durch das Pressen der Trauben getrennt.  Beim Orange-Wine vergärt der Most zusammen mit den Schalen und den Kernen, der sog. Maische, dadurch gehen nicht nur die geringen Mengen der Schalen-Farbstoffe in den in den gärenden Most über sondern gleichermaßen auch Aroma-, Bitter- und Gerbstoffe. Das Ergebnis dieser Maischegärung ist, in Abhängigkeit von der Reife des Lesegutes, als rötlich-braune Bernsteinfarbe erkennbar und drückt sich auch in Geruch und Geschmack des fertigen Weins aus. Damit aber nicht genug: Orange Wine wird im Sprachgebrauch  mit „Naturwein“ (Vin Naturel) gleichgesetzt und soll noch andere Kriterien erfüllen. Die Gärung soll ohne Zuchthefen erfolgen, der Wein muss ungeschönt und ungefiltert und auch möglichst ungeschwefelt bleiben. Da es keine autorisierte Definition für sog. Naturwein gibt, bleibt es die Entscheidung des Winzers zu bestimmen, wie sich sein Produkt nennen und verkaufen soll. Jeder Weinmacher zertifiziert sich beim Orange-Wine sozusagen selbst. Ob es eine echte Flaschenreifung bei diesen Weinen gibt und wie sie sich ggf. geschmacklich manifestiert, ist noch völlig offen.

Der Begriff des Naturweins ist im Grunde eine contradictio in adjecto. Es gibt in der Natur keinen „natürlichen Wein“, denn weder pressen sich die Trauben von selbst um Most zu erzeugen noch werden die Essigbakterien daran gehindert, den ggf. entstandenen Alkohol in Säure zu verwandeln. Was immer „natürlich“ mit den Früchten des Weinstocks passiert, es ist für den Menschen eher ungenießbar. Erst das Wissen und Können der Winzer kann Bedingungen schaffen unter denen Weinkultur überhaupt erst entsteht. Bislang haben die sog. Naturweine bei Weinfreunden fast immer Kontroversen ausgelöst. Der Guru Robert Parker hat einmal verlauten lassen, dass er Orange-Weine mangels verbindlicher Qualitätsstandards überhaupt nicht beurteilen werde.

Neben den Begriffen Orange-Wine und Naturwein gibt es noch eine dritte Variante des „Zurück-zu-den-Wurzeln“, nämlich die Amphorenweine. Die Vergärung findet in Tonamphoren statt, wiederum meist auf der Maische, Wie schon vor tausenden von Jahren im Kaukasus, werden die Amphoren im Boden bis zur Öffnung vergraben und dadurch während der Gärung gekühlt. Durch die Poren des Tones kommt es zu einer Mikrooxydation des Weins, vergleichbar vielleicht mit der im kleinen Holzfass (Barrique). Tatsächlich ist es so, dass sowohl die Maischegärung wie die Philosophie des möglichst geringen Eingreifens in den biochemischen Prozess der Vinifikation und die Verwendung von Tonamphoren als Behältnisse von den Winzern oft kombiniert wird. Bei diesem komplexen Verfahren, gibt es dann selbstverständlich unendlich viele Quellen für erratische Abläufe und entsprechende Qualitätsschwankungen des Endproduktes sind vorprogrammiert. Unabdingbare Voraussetzung für einen genießbaren Naturwein ist die strikte Einhaltung der Hygiene im Keller und die minutiöse Vermeidung von zusätzlichem Kontakt des Weins mit Sauerstoff.

Was erwartet den Weinfreund bei einer Verkostung von Orange-/Natur-/Amphoren-Weinen? Bei Messen und Verkostungen bei Winzern  habe ich einen oberflächlichen Eindruck von der sensorischen Welt dieser Tropfen bekommen und muss leider, ohne jede Polemik, festhalten: Mein Ding sind sie nicht! Schon das Aussehen kann einem die Lust darauf vermiesen. Eine trübe, undurchsichtige Brühe von schmutziger Orangefarbe mit unterschiedlichen, teils muffigen, teils deutlich oxidativen Düften. Ich kann mir vorstellen, dass es auf der Welt die eine oder andere Nase gibt, der diese Aromatik zusagt. Wer weiß welche Pheromone hier wirksam werden? Der erste optische Eindruck setzt sich am Gaumen und auf der Zunge fort: am meisten befremdeten mich die für Weißweine ungewöhnlichen Gerbstoffe. Vielleicht sind sie ja als Essensbegleiter ganz akzeptabel. Ich könnte mir diese Weine zum blutigen Fleisch oder auch zu rohem Fisch, wie z.B. im Sushi, einigermaßen vorstellen. Wahrscheinlich gibt es auch bestimmte, würzige Käse mit denen sich ein Orange-Wein verträgt. Ich habe vielfach gelesen, dass es mittlerweile auch ganz andere Orange-Wein-Kaliber geben soll und in entsprechenden Internet-Foren werden nicht selten wahre Hochämter für diese Orange-Juwelen zelebriert. Googeln lohnt sich sicher!

Die Erkenntnis meiner oberflächlichen Beschäftigung mit dem Thema „Orange-/Natur-Amphoren-Weine“ ist, dass ein offensichtlich auch kommerzielles Interesse daran besteht die Kombination von teilweise uralten Weinbereitungsmethoden als „Innovation“ zu vermarkten. Die Maischegärung wurde, und wird noch, in der konventionellen Weißweinproduktion auf kontrollierte Weise sehr erfolgreich genutzt. In der Herstellung von sog. „Öko-Weinen“ wird seit Jahrzehnten versucht die Schwefelung entweder ganz zu vermeiden oder durch andere, geeignete Maßnahmen zu ersetzen. Über Amphoren und andere Steinbehälter braucht man nicht zu diskutieren, denn sie wurden erst im vergangenen Jahrhundert aus hygienischen Gründen in aller Welt aufgegeben. Offensichtlich sind viele Weinliebhaber mit dem heutigen sensorischen Standard der journalistisch hochgepunkteten Weine so gelangweilt, dass sie nach neuen Geschmacks- und Geruchserlebnissen – im wahrsten Sinne des Wortes – dürsten.

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