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Musik – Leid und Hoffnung in finsterer Zeit

Cover der hier beschriebenen CD mit Musik aus dem KZ Theresienstadt

Es fällt mir nicht leicht über ein musikalisches Erlebnis zu berichten, welches mich persönlich tief berührt hat. Nicht nur die Musik an sich, sondern auch die Umstände ihres Entstehens und die Personen, die sie geschrieben und erstmals vorgetragen haben, zwingen mich beinahe über diese Musik zu schreiben. Ich denke sogar, dass in einem blog, der sich eigentlich voll und ganz dem Hedonismus verschrieben hat, durchaus auch einmal hinter den Vorhang der reinen Freude geschaut werden kann. Es scheint mir allerdings als seien die beiden Sujets über die ich schreiben will, nämlich Musik und die Konzentrationslager der Nazis, moralisch und ethisch unvereinbar, ja geradezu von einer unüberbrückbaren inneren Gegensätzlichkeit. Dem war aber offenkundig nicht unbedingt so, wie uns die neuere Geschichte und die CD „Theresienstadt“ lehrt. Am 27. Januar, begehen wir jedes Jahr den von den Vereinten Nationen ausgerufenen „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“, es war der Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz 1945. Just an diesem Tag brachte mir der Postbote eine davon völlig unabhängig bestellte Musik-CD mit dem Titel „Terezín/Theresienstadt“ (Deutsche Grammophon GmbH, 2007). Sämtliche darauf enthaltene Kompositionen sind in Nazi-Konzentrationslagern entstanden, wobei das titelgebende Theresienstadt eine Schlüsselrolle als „Durchgangslager“ für andere KZs spielte.

Vor meiner Reise ins ehemalige Lager Auschwitz vor etlichen Jahren, hatte ich mich sehr intensiv mit den Gräueltaten der SS und anderer dort Beteiligter beschäftigt. Immer wieder bin ich dabei auf Berichte gestoßen, dass Musik im Bewusstsein der Häftlinge durchaus eine Rolle inne hatte. Zunächst war der Einsatz von Musik durch die Peiniger eine gezielte Maßnahme der Harmonisierung des Lagerlebens. Aber sie war auch ein Mittel zur Demütigung und Erniedrigung der Gefangenen, insbesondere dann wenn sie spielen mussten um die Schreie der Gequälten zu übertönen oder wenn man sie zwang Lieder zu singen, deren Inhalte einen krassen Gegensatz zur erlebten Wirklichkeit bildeten. Musik des „Lagerorchesters“ begleitete manchmal auch den Gang in die Gaskammern. Ebenso zynisch war es, wenn sich musikliebende KZ-Bonzen zur Unterhaltung klassische oder Operetten-Musik von den Häftlingen vorspielen ließen.

Dem gegenüber steht die Musik, die von den Gefangenen selbst kam als eine Art Widerstand gegen die ständig eingeforderte Selbstaufgabe. In diesen Kompositionen, die häufig mangels verfügbarer Instrumente vornehmlich als Lieder gedichtet und in Töne gesetzt wurden, drückt sich der überwältigende Überlebenswillen, aber auch die tiefe Traurigkeit der Eingesperrten aus. Diese Emotionen, die jedem Musikfreund unter die Haut gehen, erleben wir durch viele Stücke auf der Theresienstadt-CD. Da ist z.B. die melancholische Ilse Weber (1903-1944). Sie arbeitete als Kinder-Krankenschwester in Theresienstadt, bevor sie dann nach Auschwitz gebracht wurde.

Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei
Theresienstadt, Theresienstadt,
wann wohl das Leid ein Ende hat,
wann sind wir wieder frei?

Dies ist die letzte Strophe des musikalisch schlichten, aber sehr berührenden Liedes namens „Ich wandre durch Theresienstadt“ das mit Recht am Anfang der Sammlung steht.  Beim Gang in die Gaskammer von Auschwitz, den sie mit Kindern aus Theresienstadt, unter denen sich auch ihr eigener Sohn befand, antreten musste, soll sie das von ihr gedichtete und komponierte Schlaflied „Wiegala“ gesungen haben. Auch dieses anrührende Stück befindet sich auf der CD und wird von der Schwedin Anne Sofie von Otter, ebenso wie viele der anderen Lieder, mit großem Einfühlungsvermögen und warmer, klarer Stimme schnörkellos gesungen. Zunächst klingt es wie ein romantisches Volkslied aus „Des Knaben Wunderhorn“, wenn ich aber an seine Geschichte denke, wird es emotional kaum mehr ertragbar zuzuhören (beide Lieder können Sie in einer anderen Einspielung, durch hier klicken bei Youtube.com hören).

Ähnlich erging es mir bei der Sonate für Solo-Geige von Erwin Schulhoff (1894-1942). Hinreißend gespielt von Daniel Hope, dem großen Magier seines Instruments. Schulhoff war auf dem Wege eine Weltkarriere als Pianist und Komponist zu machen, bis er als Jude durch sein Engagement für die Kommunistische Partei ins Fadenkreuz der Gestapo geriet und schließlich im Lager Wülzburg im bayrischen Altmühltal landete. Wegen der katastrophalen hygienischen Verhältnisse dort und der mangelnden ärztlichen Versorgung starb er knapp ein Jahr später an Tuberkulose. Damals hatte er bereits ein ansehnliches Repertoire von Gesangs-, Orchester- und Kammermusik komponiert. Seine Inhaftierung und sein Tod mit nur 48 Jahren haben ihn völlig unberechtigt in Vergessenheit geraten lassen. Das Geigensolo auf der CD legt Zeugnis von seiner großen Musikalität ab. „Was mich fasziniert, sind Leidenschaft und Überlebenswillen, die aus der dieser Musik sprechen“ schrieb Daniel Hope im Beiheft zu der CD. Und tatsächlich, Schulhoffs Musik bringt eine Wahrheit zum Schwingen, die man in dieser Form nur sehr selten hört.

Meine eingangs geäußerten Zweifel über das Schreiben von einem Text zur Musik in Konzentrationslagern haben sich, je öfter ich die „Theresienstadt-Kompositionen“ gehört habe, in Nichts aufgelöst. Trotz aller Traurigkeit und Melancholie, die die Töne immer wieder hervorrufen sind sie auch ein kraftvolles Zeichen der Hoffnung und des Auftrages an die nachfolgenden Generationen: Musik hat genug Kraft die größten Widrigkeiten des Lebens zu überwinden indem sie uns vor Augen führt, dass es außerhalb der eigenen Situation immer noch einen Raum gibt in welchem auch menschliche Gefühle und Sehnsüchte vorhanden sind und leben. Fest steht: Musik darf uns von niemandem je genommen werden!

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