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Kann Alkohol tatsächlich gut für das Gehirn sein?

Leonardo da Vinci: Der truvianische Mensch

Mir ist sehr bewusst, dass in der öffentlichen Diskussion zum Pro und Contra von Tierversuchen  die Gegner die vermeintliche Tierquälerei als Grundlage für  Fortschritte in der Humanmedizin vollständig ablehnen. Auf dieses Thema bin im Zusammenhang mit meiner Diskussion des Veganismus in diesem Blog bereits ausführlich eingegangen. Trotz allem Verständnis für die Argumente der Tierschützer ist meine persönliche Sichtweise auf Tierversuche stark von meiner Vergangenheit in der Arzneimittelforschung geprägt. Es hat sich nämlich gezeigt, dass sorgfältige und selektive Versuchsplanung bei sehr genau definierten Fragestellungen tatsächlich gute bis sehr gute Ergebnisse liefern kann, die auf die Verhältnisse beim Menschen durchaus übertragen werden und Erkenntnisse liefern können. Die objektiven Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte in der  medikamentösen Therapie sehr vieler Krankheiten bezeugen dies eindrucksvoll. Daher finde ich es gerechtfertigt an dieser Stelle von Tierversuchen zu berichten, die an der University of Rochester in den USA durchgeführt wurden und gerade für uns Weinfreunde von großem Interesse sind. In einer Publikation vom 2. Februar 2018 des Internet-Journals „Scientific Reports“  wurde dargestellt was wir intuitiv schon längst wissen, nämlich dass kleine bis moderate Mengen von Alkohol auch dem menschlichen Gehirn gut tun können.

Um den postulierten Mechanismus der positiven Wirkung von Alkohol auf das Gehirn verstehen zu können muss man sich wenigstens oberflächlich mit dem sog. „Glymphatischen System“ beschäftigen. Es handelt sich um ein, von der Forscherin M. Nedergaard erst kürzlich entdecktes Entsorgungssystem  basierend auf der sog. Cerebrospinal-Flüssigkeit. Durch dieses System werden potentiell neurotoxische Abfallstoffe im Gehirn und Rückenmark neutralisiert und ausgeschieden; es ist damit in seiner Funktion durchaus mit dem bekannten lymphatischen System des übrigen Körpers vergleichbar. Wie die Arbeitsgruppe aus Rochester zeigen konnte, stimulieren niedrige Mengen Alkohol dieses System, was zu einer schnelleren Ausscheidung toxischer Schadstoffe führt während höhere und hohe Blutkonzentrationen zu einer Blockade  und damit zu deren Anreicherung im Gehirn führen. Diese Befunde wurden durch Verabreichung von reinem Äthanol in Trinkstärke gewonnen, erlauben also keinerlei Rückschlüsse über eine mögliche differenzierte Wirkung bestimmter Alkoholika, wie z.B. Wein, Schnaps oder Bier.

In dieser interessanten Untersuchung reproduziert sich ein Phänomen, welches schon vielfach von den unterschiedlichsten Untersuchern vermutet bzw. sogar in klinischen Studien bestätigt wurde: die positiven Wirkungen von kleinen Mengen Alkohol bei gleichzeitig negativen von höheren Dosen. Dies ist das uralte Prinzip der Pharmakologie: nur die richtige Dosis macht die erwünschte Wirkung. Für etliche Krankheitszustände gilt, dass geringer bis moderater Alkoholkonsum eine lindernde, heilungsfördernde Wirkung entfalten kann,  so z. B. nachgewiesenermaßen bei Krebs, Depressionen, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Osteoporose. Die positive Wirkung moderaten Alkoholkonsums bei Demenz ist auch schon länger bekannt und wurde an dieser Stelle bereits ausführlich gewürdigt (siehe: Erhalt geistiger Fähigkeiten durch mäßigen Alkoholkonsum?). Ein überraschender Befund bei diesen Studien war natürlich, dass dem Wein bei der positiven Wirkung auf die Entwicklung einer Demenz eine ganz besondere Rolle zukam: er wirkte am stärksten.

Die hier vorgestellte experimentelle Studie zeigt aber leider auch in aller Deutlichkeit die Kehrseite der Medaille: die Aufnahme höherer Dosen von Äthanol, inbesondere bei regelmäßiger Verabreichung, hemmte die Funktion des glymphatischen Systems, was schließlich das erheblich höhere Demenz-Risiko bei schweren Trinkern und Alkoholkranken erklären könnte. Aus den in dieser Studie verabreichten Äthanol-Dosen sollte man auf keinen Fall Empfehlungen für den Menschen ableiten! Hier wurden lediglich potentielle Wirkmechanismen aufgedeckt, die auch beim Menschen eine entscheidende Rolle spielen könnten. Die neuen Erkenntnisse sind demnach nur  ein weiterer Mosaikstein in der Rechtfertigung des moderaten Weingenusses. Als solcher aber ganz sicher wert allen Weinfreunden mitgeteilt zu werden.

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