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Der unaufhaltsame Niedergang spanischer Wein-Klassiker

Sherry-Essig Produktion im Criadera-Solera-System

Die Fassreihen des Solera-Systems sind seit alters charakteristisch für die spanische Weinkultur

„Wenn dieser Wein aus Ihrer Gegend ist, dann müssen wir feststellen, dass das gelobte Land nicht fern ist” (Si ce vin est de votre pays il faut reconnaître que la terre promise est proche). Diese Aussage des großen französischen Schriftstellers der Aufklärung Voltaire bezog sich auf einen Wein aus Aragón, den ihm der Graf von Aranda, wie Voltaire ein großer Uhrensammler, als Dank für die Vermittlung einer besonderen Uhr geschenkt hatte. Was war das für ein Wein von dem der Dichterfreund des Preußenkönigs Friedrichs des Großen so überschwänglich schwärmte? Wie überall in Spanien, gab es damals in dieser Region wunderbar duftende Süßweine, ähnlich denen, die im Sherryland noch heute „oloroso“ (der Duftende) genannt werden. Vor etlichen Jahren hatte ich die Gelegenheit in der Kellerei von José Ignacio Marín im aragonesischen Cariñena einen Wein von einem Fass aus den Zeiten seines Urgroßvaters und Firmengründers zu probieren. Es war eine bernsteinfarbene Flüssigkeit, deren komplexe Aromen tatsächlich an einen großen Sherry oder Madeira erinnerten. Mein Gastgeber wies mich darauf hin, dass dieser Wein – wie es in der Gegend schon immer üblich war – aus roten Garnacha-Trauben gekeltert wurde. So viel anders wird der Wein hier im 18. Jahrhundert auch nicht geschmeckt haben und ich begann, spätestens nach dem zweiten Schluck, die Begeisterung Voltaires zu verstehen.

Die Vinifikation dieser Tropfen legte schon immer das Hauptaugenmerk auf den Ausbau des Weins. Die Namen der weißen oder roten Rebsorten in der Kelter waren entweder überhaupt nicht bekannt oder spielten keine Rolle, sie wurden auf  den Etiketten auch nie genannt. Die Lese erfolgte immer sehr spät um einen hohen Zuckergehalt zu erreichen, was einen hohen Alkoholgrad zur Folge hatte. Häufiger wurden diese Weine sogar noch aufgespritet um die Essigbakterien während der langen Faß- oder Glasbehälterreife zu unterdrücken. Hitzebehandlung in der prallen Sonne beschleunigte die Oxydation und war eine häufige Maßnahme während der Weinbereitung (siehe dazu auch den blog über Madeira). In jedem Fall war die lange Lagerung ein absolutes Muss, was mich einmal dazu verleitete diese Weine als „flüssige Zeit“ zu apostrophieren. Diese Weine wurden vielerorts und u. a. auch in Málaga hergestellt, sie waren im 19. Jahrhundert in ganz Europa begehrt. „Pajarete“, „Dulce“  und „Moscatel“ hießen die gesuchten und einst hochpreisigen Prototypen. In der spanischen Levante, in und um Alicante, gab es den „Fondillón“ im Fass. Ein leicht bitter-süßer, natürlich ebenfalls oxydativ ausgebauter, Jahrgangswein aus roten Monastrell-Trauben gekeltert und von portweinähnlicher Geschmacksintensität. Etwas weiter nördlich, an der katalanischen Mittelmeerküste, fertigte man aus den roten Garnacha- und Cariñena-Trauben die „rancios“ (span.: rancio = ranzig), die ihren einmaligen Geschmack erst nach Jahrzehnte langer Fasslagerung erhielten. Der Likörwein  „Mistela“ war ein Verschnitt von süßen Mosten mit einem Rancio. In den Fässern hinter dem Tresen waren in Altkastilien häufig die berühmten „Pálidos“ und „Dorados“ der weißen Verdejo-Traube aus Rueda zu finden.

Reife Früchte, Obstkuchen, kandierte Früchte, Rosinen, getrocknete Aprikosen, Mandeln und Walnüsse sind die Gaumenempfindungen bei den alten spanischen Klassikern, die alle – bis auf den Sherry und die Weine von Montilla-Moriles – weitgehend verschwunden sind. Aber es regt sich Widerstand gegen diesen Verlust und erste Initiativen, bezeichnenderweise von Jungwinzern, versuchen tatsächlich die alten, traditionsreichen Weine wieder aufleben zu lassen. Der wunderbare „Mountain Wine“ aus Málaga von Telmo Rodriguez oder der „Casta Diva Cosecha Miel“ von Gutiérrez de la Vega aus Parcent in der Provinz Alicante sind Prototypen einer neuen Generation des „antiken“ Geschmacks.

„Wir kommen erst aus Spanien zurück,
Dem schönen Land des Weins und der Gesänge“

lässt Goethe seinen Faust in Auerbachs Keller ausrufen um die Gesellen zum Trinken zu animieren. Goethe wusste wovon er sprach, er war ein allseits anerkannter Weinkenner, er trank gerne, viel und war immer um guten Wein bemüht. Aus den Rechnungen seines Erfurter Weinhändlers wissen wir, dass es, unter vielen anderen Herkünften auch der Málaga-Wein war, dem Goethe zusprach und auf den er sich im Faust vermutlich berief. Der Dichterfürst selbst war nie in Spanien aber aus sehr vielen Beschreibungen von anderen reisenden Literaten ist zu entnehmen, dass es in den „posadas“, den Herbergen für Reisende im 19. Jahrhundert, für die Gäste häufig nur trockenes Brot und genau diesen Weintyp gab.

Was hat den Niedergang der klassischen spanischen Weinkultur bewirkt? Ganz offensichtlich entsprechen zwei Eigenschaften dieser önologischen Preziosen nicht mehr dem Zeitgeist: die Oxydation mit den nachfolgenden typischen, oben beschriebenen, Geschmackskomponenten und der hohe Alkoholgehalt. Intensive Frucht und unbeschwerte Leichtigkeit sind die Markenmerkmale der Bestseller dieser Tage. Die beinahe neurotische Angst vor Sauerstoff, die sich unter den Weinmachern breit gemacht hat, hat zu einem sehr fruchtbetonten Weinstil geführt, der keine großen Unterschiede zwischen den Terroirs dieser Welt mehr zulässt. Es gibt, dank der besseren Ausbildung der Weinmacher, so gut wie keine wirklich schlechten Weine mehr, aber dafür sind sie sich alle letztlich irgendwie sehr ähnlich geworden. Ob das eine gute oder schlechte Entwicklung ist, muss jeder Weinfreund für sich selbst entscheiden.

 

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