Drucken Drucken Artikel weiterempfehlen Artikel weiterempfehlen

Spanische Geschichte lesen

Zwei sehr lesenswerte Bücher

Die Lektüre zwei thematisch eng mit einander verbundener Bücher von Georg Bossong „Das maurische Spanien – Geschichte und Kultur“ und „Die Sepharden – Geschichte und Kultur der spanischen Juden“ (beide als Taschenbuch erschienen im Verlag C. H. Beck, München 2016) hat mich begeistert. Während der Recherche zu meinem Buch „Der maurische Traum“ (Jenior Verlag, Kassel, 2. Aufl. 2002) hatte ich schon sehr viel von anderen Autoren über diese beiden Aspekte der spanischen Geschichte gelesen und glaubte eigentlich alles Wesentliche zu wissen. Aber G. Bossong hat in sehr anschaulicher Sprache einige Schwerpunkte aufgegriffen, die ich selbst bislang noch nicht ausreichend gewürdigt hatte.

Da ist zum Beispiel die wichtige Frage wie die Rolle des maurischen Al-Andalus, also des islamischen Staates auf der Iberischen Halbinsel, in der spanischen Geschichte insgesamt zu bewerten ist. Waren die Eroberer aus Nordafrika, die 710 bei Tarifa gelandet sind, Zeit ihres Aufenthaltes von über 700 Jahren nur fremde Besatzer, die es von Anfang an wieder zu vertreiben galt oder haben sie mit der einzigartigen Verschmelzung von islamischen, jüdischen und christlichen Elementen die spanische Kultur geprägt? Die Antwort auf diese Frage hing vom politischen Standpunkt des Betrachters der Geschichte ab. Spanische Nationalkatholiken haben die kulturelle Rolle der arabisch-jüdischen Kultur immer verneint und haben ihr Augenmerk ganz auf die sog. „reconquista“, die Jahrhunderte dauernde Wiedereroberung durch die Nachfolger der westgotischen Christen, gelegt. Dem gegenüber steht die vorherrschende Historikeransicht, dass das Wesen des heutigen Spaniens das Ergebnis einer ungebrochenen geschichtlichen Kontinuität ist, in der sich alle kulturellen Einflüsse gleichberechtigt manifestieren.

Die Frage nach dem Grund des Untergangs von Al-Andalus wird meist durch den Hinweis auf die innere Schwäche des Staatsgebildes und den politischen und militärischen Druck von Seiten der christlichen Nachbarn beantwortet. Bossong zeigt dagegen auf, dass die islamischen Berber (Almoraviden und Almohaden), die vom 11. bis ins 13. Jahrhundert das Land beherrscht haben, ganz wesentliche Schuld am Ableben der maurischen Kultur hatten. Sie verfolgten einen strikten, orthodoxen Ur-Islam und hatten es geradezu darauf angelegt das liberale und tolerante Al-Andalus zu zerstören. Die Hauptstadt des Landes war damals Marrakesch im heutigen Marokko, also weit entfernt von den Geschehnissen in den eroberten Gebieten, für die sich die Besatzer sowieso nie interessiert haben. Fundamentaler Islamismus und mutwillige Zerstörung von Kulturgütern ist nicht etwa eine Erfindung der Gegenwart, sie hat offensichtlich alte Traditionen, auch auf europäischem Boden.

Der Sprachwissenschaftler Bessong kommt richtig in Fahrt, wenn es um die Sprachen der nach 1492 aus Spanien ausgewiesenen Juden geht. Das sog. „ladino“ war eine spanisch-jüdische Sprache, deren Konstruktion dem Hebräischen entlehnt und eher eine Schriftsprache war. Die lebendige judenspanische Umgangssprache war das sog. „gudezmo“, in ihr wurden die volkstümlichen Coplas und Romances gedichtet, die insbesondere bei den jüdischen Emigranten im osmanischen Reich beliebt waren. Ein großes und bedeutendes Zentrum der jüdischen Exilkultur war die Stadt Salonika. Nach dem 2. Balkankrieg wurde die Stadt 1913 schließlich Griechenland zugesprochen und heißt seither Thessaloniki. Das blühende jüdische kulturelle Leben im „Jerusalem des Balkans“ fand erst mit der deutschen Besatzung Griechenlands ein endgültiges und tragisches Ende. Fast die komplette jüdische Gemeinde Thessalonikis wurde nach Auschwitz deportiert. Trotzdem blieb das spanische Element in der jüdischen Kultur weltweit tonangebend und in einem der letzten Kapitel geht Bessong auf den spannenden Aspekt der Sepharden in der Gegenwart ein.

Für jeden, der sich für die Geschichte Spaniens interessiert und etwas über ihre in unsere Gegenwart reichende Konsequenzen wissen will, sind diese beiden, hier vorgestellten Bücher, ein Fundgrube an Erkenntnissen und daher sehr lesenswert. Der deutsche Autor ist emeritierter Professor an der Universität Zürich und ein renommierter Sprachwissenschaftler, dessen Schwerpunkt auf den romanischen Sprachen und den besonderen Varianten der spanisch-arabischen und spanisch-hebräischen Sprachen liegt. Immer wieder gelingt es ihm über die Sprache zu einem Gesamtverständnis der jeweiligen Kulturen zu kommen und als aufmerksamer Leser muss man fasziniert davon sein, denn es eröffnen sich Perspektiven, die man ohne dieses Wissen nicht erkannt hätte.

Diskussion geschlossen.