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Pheromone im Weinbau und anderswo

Vom Traubenwickler bevorzugt: dicht bepflanzte Rebgärten

Man hat sie bei den Bienen entdeckt: Duftstoffe, die die Tiere zur Kommunikation mit anderen oder dem ganzen Schwarm nutzen. Wenn irgendwelche Angreifer das Bienenvolk bzw. den -stock bedrohen, sondern sie so ein Pheromon ab und die von Natur aus friedfertigen Bienen werden zu aggressiven, kleinen fliegenden Hyänen. Daher auch der Begriff, der sich aus dem griechischen pherein (übertragen) und dem ebenfalls griechischen horman (antreiben, in Bewegung setzen) zusammensetzt. Später haben Biologen entdeckt, dass offensichtlich alle Lebewesen über Pheromone miteinander in Verbindung treten können. Es sind vom jeweiligen Organismus abgesonderte  Moleküle, die, ähnlich wie die Hormone, als Botenstoffe dienen und eine sehr spezifische biochemische Verständigung innerhalb einer Art oder Gattung von Tieren, und tatsächlich nur dort,  bewirken können. Da die Wahrnehmung dieser chemischen Verbindungen das Verhalten des jeweiligen Individuums verändern kann spricht man auch von sog. „Soziohormonen“. Obwohl sich die Forschung vorwiegend auf Insekten-Pheromone konzentriert hat, sind sie auch bei Wirbeltieren und beim Menschen nachgewiesen und charakterisiert sowie schließlich im Labor hergestellt worden. Dabei spielen die Sexualpheromone die größte, weil kommerziell interessanteste, Gruppe dar (siehe unten).

Auf die mögliche Bedeutung der Pheromone in der Schädlingsbekämpfung im Weinberg bin ich durch einen Artikel von Rudolf Knoll aufmerksam geworden. Um zu verstehen wie das funktioniert, muss man sich kurz mit einem Schmetterling (Falter) namens Traubenwickler, insbesondere mit dem sog. „bekreuzten Traubenwickler“ (Lobesia botrana), beschäftigen. Er bevorzugt zum Leben eigentlich warme und  trockene Gegenden wie z. B. die Länder rund um das Mittelmeer. Aber der Klimawandel hat das Insekt auch nach Norden in das einst kühlere Klima gebracht. Auch der Traubenwickler durchschreitet in seiner Entwicklung (der sog. Metamorphose) verschiedene Larven- und Puppenstadien, die sich bevorzugt an den Rebstöcken befinden und die zu erheblichen Schäden an der gesamten Pflanze und insbesondere ihrer Frucht führen können. Auf Einzelheiten möchte ich hier bewusst nicht eingehen. Die vom Insekt angefressenen  Trauben sind wesentlich anfälliger für die Grauschimmelfäule (Botrytis cinerea). Erst die sekundäre Botrytis, die im feuchten Klima von Europas Norden ihr Unwesen treibt, verursacht dann den Verlust des befallenen Lesegutes.

Die Anwendung von spezifischen, künstlich hergestellten Pheromonen von weiblichen Traubenwicklern im Rebgarten kann die dort befindlichen männlichen Tiere so verwirren, dass sie nicht mehr zu den weiblichen Partnern finden und damit eine Befruchtung nicht stattfindet kann. Diese sog. „Paarungstörung“ bei den Faltern führt letzten Endes zu deren Verschwinden aus dem Rebareal. Um dies zu erreichen werden sog. „Dispenser“ an die Stöcke gehangen, das sind gefüllte Kunststoffampullen, aus denen der Duftstoff austreten und Pheromonwolken bilden kann. Wichtig dabei ist den richtigen Ausbringungstermin einzuhalten, der muss sich nämlich ziemlich genau am ersten Flug der männlichen Motten orientieren. In fast allen Weinbaugebieten wird das Verfahren der Paarungsstörung durch Pheromone, oder meist weniger korrekt „Verwirrmethode“ genannt, heute angewandt und sogar von der EU in Brüssel finanziell unterstützt. Nach Jahrzehnte langer Erfahrung steht zweifelsfrei fest, dass das Pheromon-Verfahren tatsächlich zu einem erheblichen Rückgang des Gebrauchs konventioneller Insektizide führt und damit die Belastung der Umwelt erheblich reduziert. Auch in der  ökologischen Landwirtschaft ist seine Anwendung zugelassen und wird tatsächlich relativ breit gegen die verschiedensten Insekten-Schädlinge im Wein- und Obstbau eingesetzt. Man kann mit Recht und Fug fragen, warum bislang keine Pheromone für die Reblaus entwickelt wurden, denn dadurch könnte doch der arbeitsintensive Pfropfrebbau vermieden werden. Die jeweilige Konzentration der Pheromone im Rebgarten kann übrigens außerordentlich empfindlich mittels eines sog. Elektroantennogramms gemessen werden. Im Prinzip misst man dabei die elektrischen Ströme der Fühler (Antennen) des zu beeinflussenden Insekts, was eine genaue Dosierung ermöglicht.

Wir kennen vermutlich alle die sog. Pheromonfallen, dies sind Pappe- oder Papierstreifen, die mit einem Klebefilm beschichtet sind der den Sexuallockstoff  (Pheromon) für männliche Fliegen oder Motten oder andere fliegende Insekten enthält. Diese kommen, angelockt vom spezifischen Duftstoff, herbeigeflogen, bleiben auf der klebrigen Oberfläche hängen und sterben. Die weiblichen Partner können nicht mehr befruchtet werden und die ganze Generation stirbt aus – so jedenfalls ist die Vorstellung der Hersteller dieser Motten- bzw. Fliegenfallen. Auf einer völlig anderen Ebene liegt der Gebrauch von menschlichen Pheromonen in der Kosmetik. Meist handelt es sich um die Mischung von mehreren Sexualduftstoffen, die entweder  männlichen oder weiblichen Pheromonen entsprechen. Selbstverständlich gibt es auch entsprechende Lockstoffe für homosexuelle Individuen. Diese Pheromone sind, entweder chemisch rein oder vermischt mit verschiedenen Parfüms, über das Internet teuer zu beziehen. Im weitesten Sinne handelt es sich dabei um zielgruppenspezifische Aphrodisiaka und wie man ja weiß wirken diese primär über die Erwartungshaltung bzw. die Vorstellungskraft ihrer Anwender. Immerhin haben die Pheromone vorgeblich eine solide, und bei anderen Lebewesen erfolgreich angewandte, wissenschaftliche Grundlage!

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