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Klein aber fein: der Wein einer andalusischen Venta

Landschaft bei Haza del Lino

Landschaft bei der Venta Haza del Lino

Auf der Passhöhe an der Strasse zwischen den ostandalusischen Dörfern Orgiva und Albuñol, in der Sierra de la Contraviesa, gibt es die Wirtschaft (Venta) „Haza del Lino“. Einst war sie der einzige Ort weit und breit an dem man essen konnte. Die Standard-Mahlzeit bestand aus dem lokalen, auf 1.300 Metern ü.M. gereiften Schinken mit Bratkartoffeln und in reichlicher Menge Öl gebratenem Spiegelei. Dazu bekam man eine Karaffe des selbst gemachten Vino de la Costa auf den Tisch gestellt, dieser war ein rosa gefärbter, alkoholreicher Wein mit deutlichen Sherrynoten. Obwohl es kein Gourmet-Essen war, sind wir die 10 Kilometer von unsrem Haus oft dorthin gefahren um uns beim alten Paco satt zu essen. Haza del Lino war eine in der ganzen Gegend bekannte Institution, in der auch die neuesten Nachrichten ausgetauscht wurden. Im Laufe der Jahre wuchsen die Kinder und Enkel heran, wobei die jeweils ältesten der Einfachkeit halber auch Paco hießen. Heute gibt es zwei Pacos, den Sohn und den Enkel des „Alten“. Beide sind Wein-Freaks und haben sich u.a. auch von Cesar Ortega, unserem Önologen von Los Barrancos, ausbilden lassen. Der junge Paco ist stolz auf seine kleine, hübsche Bodega, in der mit geringem technischem Aufwand moderne Rotweine gekeltert werden, die eindeutig Cesars Handschrift tragen.

Während der Verkostung von Haza del Lino-Weinen wurde eine Flasche geöffnet, aus deren Hals  schon ein von weitem wahrnehmbarer, wundervoller Schwarzkirschen- und Zigarrenton aufstieg. Am Gaumen waren Waldbeeren und die Kräuter der Sierra, wie Thymian, Oregano, Rosmarin und Wacholder zu erschmecken. Neben deutlicher Mineralik waren auch zarte Rauchnoten vorhanden.  Die Struktur des Weins war gewaltig und weiche Tannine, gepaart mit zarter Säure verliehen ihm eine schöne Ausgeglichenheit. Dieser Wein war so völlig unerwartet und überraschend, dass ich erst nicht glauben konnte, dass er aus dieser Gegend stammte – bis mir Paco einige Details verriet. Leider gab es nur knapp 600 Flaschen davon, denn die Trauben kamen von einem winzigen Rebgarten mit der Garnacha Tintorera bestockt, den der Großvater, also „Paco der Alte“, in den 50-iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gepflanzt hatte

Die Garancha Tintorera ist, wie der Name bereits vermuten lässt, eine Färbertraube. Sie wurde in den Bergen der Sierra de la Contraviesa nach dem Bürgerkrieg relativ oft gepflanzt um aus den lokalen Roséweinen einen “echten” Vino Tinto (Rotwein, eigentl. gefärbter Wein!) zu machen. Eines ihrer Synonyme ist Alicante Bouschet oder einfach nur Alicante. Sie ist, wie die deutsche Färbertraube namens Dornfelder, eine Neuzüchtung. Es handelt sich dabei um eine Sorte, die von Henri Bouschet im Jahr 1855 entwickelt wurde. Sie besteht aus dem Grenache und dem Petit Bouschet. Der Petit Bouschet wiederum ist eine Kreuzung gemacht von Louis Bouschet, dem Vater von Henri, und besteht aus der Teinturier du Cher sowie der Aramon. Der Alicante Bouschet ist, wie der Grenache (span. Garnacha), relativ ertragreich und charakterlos. Aber, ebenfalls wie der Grenache, bei Ertragsreduzierung durch hohes Alter der Stöcke, werden die Weine hoch konzentriert und aromatisch. Warum die Rebe auch den Namen einer spanischen Hafenstadt trägt konnte ich leider nicht herausfinden. Ihre Heimat ist auf jeden Fall Südfrankreich wo sie zur Qualitätsverbesserung des Massenträgers Aramon verwendet wurde und gelegentlich auch heute noch wird.

Die Lehre aus der Entwicklung der Weine der Venta Haza del Lino ist eindeutig: Mit sehr guter materia prima, ausreichender technischer Ausrüstung und ein wenig Weinverstand kann man, ohne großen Aufwand exzellente und sehr charaktervolle Weine machen. Für so kleine Mengen wie der Garnacha Tintorera von Haza del Lino würde sich eine große Kellerei überhaupt nicht interessieren, d.h. wir würden ihn niemals am Gaumen spüren dürfen. Damit dies aber weiterhin möglich wird sollten die Weinfreunde in aller Welt die kleinen experimentierfreudigen Unternehmen unterstützen – nur so kann die Weinkultur weiter blühen!

2 Kommentare zu Klein aber fein: der Wein einer andalusischen Venta

  • Klaus Rössler

    Wie könnte man es ermöglichen, dieses Erlebnis bei der Spanien-Probe des Collegium Vini zu teilen und die Pacos zu unterstützen?
    🙂

    • phil

      Die Pacos werden ihren Wein nicht verkaufen, denn sie bieten ihn erfolgreich in ihrer Kneipe an. Da müsste das Collegium schon hinfahren um den Wein vor Ort zu probieren. Übrigens eine Reise, die sich wegen der schönen Landschaft und der vielfältigen Natur in jedem Fall lohnt!