Drucken Drucken Artikel weiterempfehlen Artikel weiterempfehlen

Das französische Vorbild in der Weinkultur

Hohe Qualität, lange Lagerfähigkeit ohne Schwefeldioxyd?Unter den drei Handvoll großen und bedeutenden Rebsorten dieser Welt sind beinahe die Hälfte französischen Ursprungs. Während man die spanische Tempranillo, die italienische Sangiovese oder die amerikanische Zinfandel außerhalb ihrer Landesgrenzen nur sehr selten antrifft, werden französische Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot, Pinot Noir, Syrah, Chardonnay, Viognier oder Sauvignon Blanc so gut wie überall auf der Welt angebaut. Sie sind geradezu zum Synonym für „internationale Rebsorten“ geworden. Gibt es eine plausible Erklärung dafür? Es kann eigentlich nicht sein, dass die klimatischen oder geologischen Voraussetzungen für nichtfranzösische Rebstöcke so anders sind, dass sie fast nirgendwo auf der Welt eine neue Heimat finden könnten. Vielleicht kommt man dem Phänomen der Dominanz gallischer Sorten über einen Blick auf die Kulturgeschichte etwas näher.

Die wichtigsten Weinbaugebiete dieser Welt liegen sowohl in der nördlichen als auch in der südlichen Hemisphäre zwischen dem 30. und 50. Breitengrad., das bedeutet, dass auf allen Kontinenten Wein angebaut wird, der den Wünschen der internationalen Weintrinker entsprechen muss, wenn er denn global zum Verkauf angeboten werden soll. Genau an dem Punkt lohnt ein kurzer Ausflug in die Historie des Weins, die ja auch ein Teil der europäischen Geschichte ist. Die Grundlagen der heutigen Globalisierung des Weins wurden bereits im Römischen Reich gelegt. Später, im Mittelalter, als der Wein zum Luxusgetränk für das reiche Bürgertum, den Klerus und den Adel wurde schwang sich die Region um Bordeaux auf eine bedeutende Rolle im internationalen Weinhandel zu spielen. Durch die Hochzeit Eleonores von Aquitanien mit dem englischen König Heinrich II. im Jahr 1152 kam dieser Landstrich zu England und mit ihm auch der erste Export-Boom seiner Weine.. Die weintrinkende Elite Europas begann sich an den französischen Weingeschmack zu gewöhnen.
Das 16. Jahrhundert war das Zeitalter der europäischen Weltentdeckungen und –eroberungen. Der Wein und mit ihm vor allem der französische Geschmack verbreitete sich auf den Spuren der  Seefahrer. Später, im 17. Jahrhundert begannen die Winzer von Bordeaux sich für Rebsorten und Marketingstrategien zu interessieren (dazu gehörten auch die ersten Berichte von den gesundheitsfördernden Eigenschaften des Rebensaftes aus Bordeaux). Das Zeitalter der Aufklärung und der französischen Revolution überstanden die Winzer und Weinhändler sehr gut: Wein wurde zu einem der wichtigsten Industriezweige Frankreichs.

Der endgültige Durchbruch für die französische Weinkultur kam im 19. Jahrhundert. Nicht nur die wirtschaftlichen Veränderungen nach Napoleons Niederlage auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Prozessen des Weinmachens (Lavoisier, Pasteur) steigerten das Interesse am und Konsum des Weins. Die Pariser Weltausstellung von 1855 verschaffte dem französischen Weinbau ein immenses kommerzielles Forum. Kaiser Napoleon III initierte die Klassifikation der besten Bordeaux-Weine nach dem Cru-System und die Weingutsbesitzer begannen ihre jeweiligen Kellereien in ein „Chateau“ zu verwandeln. Paris entwickelte sich zur sinnlichen Metropole des ganzen Kontinets. Die champagnerseelige „Belle Epoque“ wurde euphemistisch ausgerufen und die teuren und raren Weine aus Burgund und Bordeaux begleiteten die Dîners der großen Küchenmeister, die im Stile von Auguste Escoffier und Edouard Nignon kochten. Französischer Geschmack galt überall in der Welt als das Non-Plus-Ultra und das bezog sich auch auf die Weine. Die Vorbilder für die Gourmets aller Länder wurden in diesen Jahren in Paris erschaffen.

Als im 20. Jahrhundert im Zuge der Globalisierung der Handelsbeziehungen, die außereuropäischen Weinbaugebiete sich einen Teil des ständig wachsenden Weinmarktes sichern wollten, war klar, dass die weltweit akzeptierten französischen Standards auch für die eigene Produktion gelten mussten. Also schaute man nach Frankreich und kopierte nicht nur die Vinifikationsmethoden (das weltweit verbreitete „barrique“ ist das Markenzeichen dieser Entwicklung!) sondern importierte auch die französischen Rebsorten. So kam der Cabernet Sauvignon nach Kalifornien, der Pinot Noir nach Oregon, der Malbec nach Argentinien, der Syrah nach Australien, der Chenin Blanc nach Südafrika und der Tannat nach Uruguay – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Der große Erfolg dieser Strategie in Übersee motivierte europäische Weinmacher einen ähnlichen Weg zu gehen und so verschlug es Cabernet Sauvignon und Co. nach Italien, Spanien, Ungarn Deutschland u.s.w. Der Weinfreund ist nicht traurig über diese Entwicklung, denn das jeweilige Terroir kann auch aus den importierten Sorten große Persönlichkeiten machen, vorausgesetzt der Weinmacher versteht es und lässt es zu!

Diskussion geschlossen.