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Gedanken zum Zeitbegriff (I)

Der Zeitmesser am Handgelenk:: Fluch oder Segen?

Der Zeitmesser am Handgelenk:: Fluch oder Segen?

Die Zeit spielt im Leben eines jeden Menschen eine so zentrale Rolle, dass man eigentlich annehmen könnte sie sei gut erforscht und berge keine Mysterien mehr. Bei genauerem Hinsehen fällt aber auf, dass wir selbst nicht besonders viel über den Zeitbegriff wissen und auch die Forschung hat, trotz Einstein und Hawkins, noch kein allgemein verständliches Konzept der Zeit vorgelegt, mit dem wir in unserem täglichen Leben etwas anfangen könnten. Im Gegensatz dazu erschließen sich genussfähigen Menschen einige wichtige Aspekte der Zeit im Wein. Beim sinnlichen Kontakt mit alten Weinen lernt man schnell begreifen, dass Wein „flüssige Zeit“ sein und als Gleichnis für das menschliche Leben dienen kann.

In der spanischen Sprache findet die Nähe des Weins zur Psyche des Menschen im Begriff „Crianza“ (vom lat. creare) seinen Ausdruck. Er bedeutet so viel wie Erziehung oder Aufzucht, durchaus im gleichen Sinne wie bei einem Menschenkind. Wir reden ja schließlich beim Wein genauso von seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie wir dies bei einem Menschen tun. Der Weinfreund ist nach dem Verkosten eines guten Tropfen in ähnlicher Weise gespannt auf dessen zukünftige Entwicklung, wie er es bei seinen Enkelkindern oder Nichten und Neffen wäre.

Wer mich kennt mag gelegentlich den Eindruck haben ich sei ein Feind der Aktivität und propagiere allzu gerne das passive Betrachten und die Kontemplation. Das ist falsch. Zwar bin ich ein Feind von jeglichem Aktivismus, d.h. von Tätigkeiten die um ihrer selbst Willen ausgeführt werden, aber ich weiß natürlich, dass zum menschlichen Leben geistige und körperliche Aktivitäten gehören. In uns allen lebt ein Entdeckergeist, der uns antreibt Neues zu beginnen und Neues zu denken. Neben der Freude am Nachdenken und an der Analyse manifestiert sich aber häufig auch in der gleichen Person etwas Schöpferisches. „Kreativ leben“ würde ich das gerne nennen.

Diese Art von Leben können Weine auch in ausgeprägtem Maße haben. Ein geburtsschwaches Tröpfchen wird sich nicht zu großen sensorischen Höhen aufschwingen können, aber ein guter Wein aus einem guten Jahr kann sich in der Flasche unter guten Lagerbedingungen äußerst kreativ entfalten und zu etwas nie am Gaumen erspürtem entwickeln. Weinjournalisten haben immer wieder in allen Sprachen über derartige Kreszenzen geschrieben. Es muss sie also geben! Aber viel mehr als gut schmecken und duften können sie auch in hohem Alter nicht. Sie regen uns zu Assoziationen an: Winzer oder Weinmacher und deren Erntehelfer, die zur Zeit der Lese des Weines den wir gerade genießen gelebt haben sind vielleicht schon längst tot aber ihre Seele schwingt noch im Glase und lässt vielleicht Gänsehaut entstehen. Die Vergangenheit wird wieder wach und sie entsteht vor dem geistigen Auge, bzw. am Gaumen, des Genießenden. Ereignisse aus Kultur und Politik werden lebendig und setzen den Wein in einen historischen Zusammenhang, der auch unsere eigene Geschichte einschließt. Vielleicht lehrt uns der Wein ja damit den tieferen Sinn der Zeit. Für ihn ist die Zeit der Weg zur Reife, im Sinne seiner Vollendung.

Ein guter Wein dürfte tatsächlich das einzige Genussmittel sein das über die Zeit besser werden kann. Bakterien und Pilze können manche Tropfen innerhalb kurzer Zeit verderben aber bei sauberer Kellertechnik gepaart mit einer entsprechenden Struktur des Wein bewirken das Zusammenspiel von Säure, Tanninen, Extrakten und Alkohol eine Wachstumshemmung dieser Mikroben und gibt dem Wein ein langes Leben. Auch beim Menschen gibt es „Infektionen“, die seinen Reifeprozess vorzeitig abbrechen können, aber in vielen Fällen passiert das gleiche wie beim Wein: die geistige und emotionale Dimensionalität nimmt im Alter zu, sie wird komplexer und entsprechend schwieriger zu verstehen. Wie beim Wein gibt es einen Höhepunkt der Entwicklung zu dem das Individuum emporsteigen muss um dann irgendwann einmal den Rückweg anzutreten. Das Ende ist bei Mensch und Wein der Tod. (Zusatz:) Was übrig bleibt ist die Erinnerung. Die Erinnerung an einen wunderbaren Menschen oder an einen grandiosen Wein. Beide, der Mensch und der Wein, leben dadurch weiter.

3 Kommentare zu Gedanken zum Zeitbegriff (I)

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  • Klaus Rössler

    Ein sehr spannender Artikel, der zeigt, dass Sie den Höhepunkt Ihrer persönlichen geistigen und emotionalen Dimensionalität noch lange nicht überschritten haben. Nur ein Einwand: Der letzte Satz ist sehr abrupt und abschließend. Ein wirkliches Ende des Weins gibt es doch gar nicht, er verwandelt sich ja in Genuss, der dann zur guten Erinnerung wird. Noch besser, wenn man diesen Genuss mit anderen teilen konnte.

    • phil

      Ein sehr schöner Gedanke, den ich dem Artikel am Ende noch hinzugefügt habe. Danke!