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An die Melancholie – ein Gedicht von Herman Hesse

In meinem vorangegangenen blog-Beitrag habe ich auf den Zusammenhang von Wein und Melancholie hingewiesen. Nach seiner Veröffentlichung bin ich auf ein Gedicht Herman Hesses (1877 – 1962) gestoßen in dem diese Verbindung auch gemacht wird und welches mir sehr gut gefallen hat. Darin spricht der Dichter die „Melancholie“, die er personifiziert hat, direkt an: vor ihren dunklen Augen fürchtet er sich und versucht sein Grauen im Weinkonsum zu ertränken. Bei der Liebe und in der Musik konnte er die Melancholie kurzfristig vergessen. Aber sie blieb ihm auf den Fersen und am Ende, in der letzten Strophe, gibt er klein bei: der Dichter akzeptiert die Melancholie als einen Teil von sich selbst („…all mein Irren war ein Weg zu dir“). Melancholie ist niemals eine Krankheit, auch keine Vorstufe davon. Melancholie gehört zu den vielen Varianten der seelischen Zustände eines jeden gesunden Menschen.

Es gibt Stunden in denen auch wir Weinfreunde das Gefühl der Traurigkeit und Wehmut erleben und in denen unser Geist eher von trüben Gedanken geprägt ist. In seiner Essaysammlung „Wanderung“ beschreibt Herman Hesse in einem Kapitel namens “Regenwetter“ seine Wahrnehmung des Wetters: „Alles ist öd, trist, beschissen. Alle Saiten verstimmt. Alle Farben gefälscht“ und er muss schnell erkennen, das es nicht die äußeren Umstände sind sondern die Melancholie, die seinen Seelenzustand bestimmt. Wer kennt diese Stimmung nicht? Bei ihrem Auftreten lohnt es sich in sich hineinzuhorchen und zu versuchen die eigene Mitte wieder zu finden. Ein Ratschlag aus der Mottenkiste der Humoralmedizin des Galenus von Pergamon: Ein junger, frischer Weißwein, egal welcher Provenienz, kann dabei vielleicht sehr gute Dienste leisten. Und hier nun das schöne Gedicht:

An die Melancholie

Zum Wein, zu Freunden bin ich dir entflohn.
Da mir vor deinem dunklen Auge graute,
In Liebesarmen und beim Klang der Laute
Vergaß ich dich, dein ungetreuer Sohn.

Du aber gingest mir verschwiegen nach
Und warst im Wein, den ich verzweifelt zechte,
Warst in der Schwüle meiner Liebesnächte
Und warest noch im Hohn, den ich dir sprach.

Nun kühlst du die erschöpften Glieder mir
Und hast mein Haupt in deinen Schoß genommen,
Da ich von meinen Fahrten heimgekommen:
Denn all mein Irren war ein Weg zu dir.

 

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