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Rainer Maria Rilkes Huldigung an die Oechsle Grade

Ein Mechaniker und Goldschmied aus Pforzheim namens Christian Ferdinand Oechsle hat im Jahr 1836 eine für den Weinbau grundlegende Erfindung gemacht: die Mostwaage. Noch heute wird vielfach mit ihr der Zuckergehalt des Traubenmostes bestimmt. Oechsle spekulierte in seiner berühmten Arbeit „Über den Gebrauch der Most- und Weinwaage“, dass man die Entwicklung der Gärung wesentlich besser voraussagen könnte wenn man den Zuckergehalt des Mostes kennen würde. Ein zukunftsträchtiger Gedanke wenn man bedenkt, dass erst ein Jahrzehnt vorher durch den französischen Chemiker Joseph Louis Gay-Lussac die Reaktionsgleichung für die Umwandlung von Glukose (Zucker) in Ethanol (Alkohol) aufgestellt wurde.

Öchsle war pragmatisch veranlagt, er entwickelte eine Gradeinteilung auf seiner Mostwaage und ging in die Serienproduktion des relativ einfachen Gerätes. Dadurch wurde es für alle Winzer verfügbar und die Ergebnisse der einzelnen Messungen unter einander vergleichbar. Noch heute wird die Reife einer Traube durch die sog. Öchsle-Grade angegeben, wobei die Mostwaage vielfach durch das noch einfacher handzuhabende Refraktometer ersetzt wird; es misst den Zuckergehalt über den optischen Brechungsindex.

Auch Rainer Maria Rilke wusste natürlich um das Qualitätskriterium Mostgewicht beim Wein und bettete dieses Wissen in sein wunderschönes Gedicht „Herbsttag“ ein.

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und
jage die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die letzten Blätter treiben.

Neben der Bezugnahme auf die „Süße im schweren Wein“ schwingt in diesen Zeilen etwas endgültig Vergangenes, nämlich der große Sommer. Er ist zu Ende und wer sich in dieser Zeit in der Welt nicht eingerichtet hat, wird es jetzt im Herbst auch nicht mehr schaffen. Wieder einmal entsteht im Gedächtnis des Lesers die Analogie zwischen dem Herbst im Jahresverlauf und dem Alter als Herbst des Lebens. Du wirst wachen, lesen und schreiben über das was du erlebt oder versäumt hast im Leben. Du bist der Getriebene, der unruhig durch die Alleen deiner Gedanken zieht in denen die Fetzen deiner Erinnerungen wie die letzten vom Baum gefallenen Blätter treiben. Die Bitte an Gott seinen Schatten auf die Sonnenuhren zu legen entspricht dem Wunsch den quantitativen Ablauf der Zeit zu vergessen. Nicht zu sehen wie sie vergeht, sie vielleicht für sich selbst anzuhalten, denn jetzt kommen die Tage an denen du wieder Zeit hast, Zeit nachzudenken, Zeit zu verschwenden, Zeit zu leben – und Zeit einen guten Rotwein zu genießen. Dazu meine Empfehlung: Loma de Los Felipes 2011, bei dem die Sonne von Rilkes „südlichen Tagen“ eingefangen ist (knapp zweihundert Kilometer von seinen Weinbergen entfernt, im andalusischen Ronda, verbrachte Rilke im Jahr 1912 tatsächlich einen ganzen Winter).

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